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Ich trete für die Freiheit von WikiLeaks und gegen die Hexenjagd auf Assange ein, aber ich möchte es nicht aufgrund einer paranoiden
Argumentation tun. Deshalb hier die Argumente, die mich dazu
bringen. Ich hoffe, dass ich fähig bin sie zu revidieren, wenn es
stärkere Gegenargumente gibt.

1. Regierungen dürfen nicht selbst entscheiden, was über sie veröffentlicht wird

Die Bevölkerung wählt Regierungen und muss sie kontrollieren
können. Dazu muss sie potenziell alles wissen, was die
Regierung tut. Wenn es Grenzen für die Öffentlichkeit gibt, dann darf
nicht die Regierung darüber entscheiden, ob jemand diese Grenzen
überschritten hat, sondern höchstens regierungsunabhängige
Gerichte. Andernfalls kann sich eine Regierung selbst der Kontrolle
entziehen (was offenbar den Kampf gegen Wikileaks zu einem guten Teil motiviert).

2. Der Kampf gegen Assange und WikiLeaks ist ein Kampf gegen die liberale Presse und einen unabhängigen Journalismus

WikiLeaks hat weder die Afghanistan-Dokumente noch die diplomatischen
Depeschen allein publiziert. Es agiert zusammen mit einigen der
renommiertesten liberalen Zeitungen der Welt
. Wer WikiLeaks verfolgt
und Zensur für diese Informationen fordert, der muss auch eine
Zensurierung der liberalen Presse fordern. Das Ergebnis wäre ein
Presse am Gängelband der Regierung, wie es sie in Russland gibt.

3. Geheimhaltung ist nicht weniger riskant als Veröffentlichung

Es gibt ethische und rechtliche Grenzen für die Veröffentlichung von
Informationen. Es wäre realitätsblind zu bestreiten, dass die
Veröffentlichung bestimmter Informationen das Leben von Menschen
gefährden kann. Es ist aber auch realitätsblind zu ignorieren, dass
die Geheimhaltung ebenfalls (und bei den von WikiLeaks publizierten
Informationen viel unmittelbarer) Leben gefährdet.

WikiLeaks hat gezeigt, dass der Krieg im Irak viel mehr zivile Opfer gefordert hat als
bisher zugegeben
wurde
und dass unbewaffnete Menschen regelrecht abgeschossen
wurden wie in einem Computerspiel
. Offenbar ergibt sich aus den jetzt publizierten diplomatischen
Depeschen, dass Sachkenner das afghanische Regime für durchgängig
korrupt halten
. Hier handelt es
sich um Informationen über Fakten, während die Risisken der
WikiLeaks-Veröffentlichungen bisher hypothetisch sind. (Das bedeutet
nicht, dass WikiLeaks immer richtig gehandelt hätte; ich
halte die Kritik von Reporter ohne Grenzen an den Afghanistan-Veröffentlichungen
für berechtigt.) Wer solche Informationen zensiert, nimmt der
Gesellschaft die Möglichkeit, demokratisch über die Fortsetzung und
auch die Art und Weise der Kriegsführung zu entscheiden und riskiert
damit sinnlose Opfer.

4. Eine Zensurierung von WikiLeaks bedroht das Netz als offene Publikationsplattform

Der Ausgang des Konfliktes um WikiLeaks wird mit darüber entscheiden,
wie frei das Web als Informationsplattform in den kommenden Jahren
ist. Die amerikanische und andere Regierungen wollen WikiLeaks aus dem
Netz zu drängen. Wenn ihnen das gelingt, wird das Web der Kontrolle nationaler Regierungen unterstehen, und zwar mehr als die
Presse, deren Freiheit in den demokratischen Ländern gesetzlich
geschützt ist. Gelingt es ihnen nicht, dann zeigt das, dass das Web
als Plattform funktioniert, über die Regierungen
kontrolliert werden können—hoffentlich besser, als es bisher
möglich war. So gesehen übertreibt Barlow mit seinem Tweet nicht:

The first serious infowar is now engaged. The field of battle is WikiLeaks. You are the troops. #WikiLeaksless than a minute ago via web

Mein Vertrauen in die Organisation von
Demokratie über das Web ist größer als mein Vertrauen in Regierungen. Deshalb werde ich mich für WikiLeaks engagieren.

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Kommentar

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  1. Schöne Zusammenfassung. Nahezu volle Zustimmung. Insbesondere bei “Regierungen dürfen nicht selbst entscheiden, was über sie veröffentlicht wird”
    Was ich in diesem Zusammenhang auch wichtig finde: es geht bei diesem Konflikt um das Prinzip der Transparenz und nicht um die Organisation Wikileaks oder die Person Julian Assange. Beide haben, wie alle Organisation und Menschen, Fehler gemacht und/oder Zweifelhaftes getan. Das diskreditiert aber nicht alles, was sie tun.
    Ich halte zudem die wachsende, über das Internet hergestellte, Transparenz für mehr oder weniger unvermeidlich und einen wünschenswerten Wandel in den Grundwerten unserer Gesellschaft. Siehe auch Cablegate ist erst derAnfang der Wikileaks-Kultur, nicht ihr Ende.

  2. ich teile deine Beweggründe und hoffe, dass die Veröffentlichungen nicht gestoppt werden können. Bedenken wir, da erst etwa 1000 Dokumente veröffentlicht sind, was wir noch alles erfahren können.
    Das erklärt warum mit allen Mitteln versucht wird, Wikileaks zum schweigen zu bringen.
    Die USA wissen , was veröffentlicht werden wird. Deswegen dieser Info – Krieg. Der Druck auf die Freiheit ist gewaltig, selbst hier in der “neutralen ” Schweiz. s Postfinance Konto schliessen oder Verbot Wikileaks Webseite zu spiegeln.
    Ich für meinen Teil will mit meinen Möglichkeiten mithelfen die Schlcht zu schlagen.