An unserem Studiengang kommt es immer wieder zu Diskussionen über die Zukunft des Journalismus. Dabei geht es auch um unser zukünftiges Masterprogramm. Ich bin dafür, auch darin Journalisten auszubilden und das auch öffentlich deutlich zu machen, so wie wir es jetzt im Bachelorstudiengang tun.

Für unsere Hochschule ist die Frage, wie wir es mit dem Journalismus halten, zentral. Ich möchte nicht, dass der Eindruck entsteht, dass ich als Evangelist der sozialen Medien den Journalismus für tot halte. Das Gegenteil ist der Fall. Meine Position möchte ich in einigen plakativen, provisorischen und persönlichen Thesen beschreiben. Ich werde an ihnen weiterarbeiten und hoffe auf eine Diskussion.

  1. Apokalyptische Schemata und revolutionäre Rhetorik sagen mehr über ihre Urheber aus als über die Wirklichkeit. Entwicklungen in komplexen Systemen lassen sich grundsätzlich nicht voraussagen. Wer über die Medien in der Zukunft spricht, und meint, er könne seine Aussagen verifizieren, ist bestenfalls ein Scharlatan.

  2. Der Journalismus endet nicht, weil die Verlage sterben. Die Geschäftsmodelle der Verlagsbranche sind in einer Krise. Verlage haben immer davon gelebt, Inhalte zu kaufen oder zu erstellen, Träger für diese Inhalte zu reproduzieren und sie zu distribuieren. Dieses Modell ist für digitale Inhalte obsolet. (Damit ist aber nicht gesagt, dass es nicht auch Inhalte geben wird, die weiterhin auf Papier verteilt werden.) Viele Verlage und Medienhäuser bewegen sich auf einer Todesspirale: Einnahmeverluste lassen die Qualität sinken und umgekehrt. Dass mit dieser Krise der Journalismus aufhört, ist so unwahrscheinlich, wie dass die Krise der großen Plattenlabels zum Untergang der Popmusik führt — auch wenn die Labels das behaupten.

  3. Journalismus im Web findet verteilt und dezentral statt. Das Web vernetzt Menschen und Medien: Wenn alles mit allem verknüpft werden kann, entwickeln sich die Knoten am besten, die für die anderen Knoten wichtig sind und sich intelligent mit ihnen verbinden.

  4. Unsere Kultur wird auf den Journalismus so wenig verzichten wie auf die Wissenschaft oder die unabhängige Rechtsprechung. Journalismus dient im Kern dazu, unbeeinflusst von Interessen über aktuelle Ereignisse zu informieren; dazu haben sich eine Reihe von Methoden, Techniken und Praktiken entwickelt. Kulturell sind sie vergleichbar mit anderen Methoden der Wahrheitsfindung im Rechtssystem, in der Philologie und Historiographie oder in den Naturwissenschaften. (Ich bin vielleicht naiv, aber wie Tim Bray glaube ich an die Wahrheit. Ich bin davon überzeugt, dass die Bedeutung eines Satzes in seinen Wahrheitsbedingungen besteht.)

  5. Die journalistischen Recherche- und Verifikationsmethoden verändern sich radikal. Immer mehr Informationen sind öffentlich zugänglich; Journalistinnen können (und sollen) publizieren, wie sie zu ihren Aussagen kommen; Newsrooms werden transparent arbeiten, wenn sie in einer vernetzten Öffentlichkeit eine Chance haben wollen. Journalismus hängt immer mehr von Daten ab und muss mit Daten umgehen. Diese Veränderungen bedeuten für den Journalismus Chancen auf größere Aktualität, mehr Kontext, direkteren Zugang zu Quellen, also zu größerer Qualität. Die Grundlagenkrise wird den Journalismus so wenig umbringen, wie Grundlagenkrisen in der Wissenschaft des 20. Jahrhunderts zum Ende der Physik geführt hat.

  6. Die Gesellschaft wird mehr und nicht weniger Journalismus brauchen. Je mehr die Gesellschaft zu einer Informations- oder Wissensgesellschaft wird, desto größer wird der Bedarf nach verlässlicher Information. Das Leben von immer mehr Menschen hängt davon ab, dass sie nicht nur über Politik, sondern auch über Entwicklungen in der Wirtschaft, der Wissenschaft und den Medien informiert werden. Je mehr Firmen und Organisationen auf Kommunikation angewiesen sind, desto wichtiger werden neutrale Informationsquellen. Wenn journalistische Qualität weniger von Unternehen (Verlagen) finanziert wird, wird der gesellschaftliche Druck wachsen, die anders zu ermöglichen, z.B. im öffentlich-rechtlichen System und durch Non-Profit-Organisationen und NGOs.

  7. Es entwickeln sich neue Geschäftsmodelle und Berufsbilder. Es gibt viele Beispiele dafür, dass journalistische Kompetenz im Web erfolgreich vermarktet werden kann, von der Sportberichterstattung bei adrivo bis zu einem Branchenmagazin wie turi2. Zum Erfolg gehört es dabei, die Vorteile des Webs zu nutzen und auf eine überflüssige materielle Infrastruktur zu verzichten.

  8. Journalistische Kompetenz wird mehr und mehr außerhalb der traditionellen Berufsfelder gefragt werden. Jeder Mensch und jede Organisation kann im Web selbst publizieren. Blogs, Microblogs und Wikis haben bereits einen blühenden Mikrojournalismus hervorgebracht. Erfolg mit solchen Publikationen ist auch eine Sache journalistischer Kompetenz. Journalisten sind deshalb immer mehr auch als Vermittler und Pädagogen gefragt. Dass jeder journalistisch arbeiten kann, bedeutet aber nicht, dass es keine professionellen Journalisten mehr geben wird. Die professionelle Fotografie ist nicht untergegangen, weil sich jeder Mensch eine Kamera leisten kann.

  9. Öffentlichkeitsarbeit und PR werden sich nicht weniger radikal verändern als der Journalismus. Aus der Krise in der Medienbranche kann man nicht schließen, dass es sinnvoller sei, für PR und Unternehmenskommunikation auszubilden. PR, die sich auf die klassischen Medien verlässt, wird weniger wichtig werden, wenn diese Medien zu Randphänomenen werden. Gerade in der Organisations- und Unternehmenskommunikation ist aber journalistische Kompetenz gefragt, und dabei wird es sich immer mehr die Kompetenzen handeln, die Robert Scoble “Journalismus Plus” nennt.

  10. Erfolgsfaktoren für Journalistinnen sind Medien- und Netzwerkkompetenz und Wissen auf einem Fachgebiet. Durch das Web sinkt die Bedeutung von materieller Infrastruktur und hierarchischer Organisation. Inhaltlich kompetente Menschen können direkt die Öffentlichkeit und die Medien erreichen. Noch mehr als bisher wird der Erfolg eines Journalisten damit von seiner fachlichen Kompetenz und seiner Fähigkeit abhängen, sich eine persönliche Marke aufzubauen. Wie und wie gut so etwas funktionieren kann, zeigen in unserer Region Georg Holzer oder Norbert Mappes-Niediek.

2 thoughts on “Warum sollen wir noch Journalisten ausbilden, wenn der Journalismus stirbt?

  1. Apokalyptische Schemata: Ich glaube, das hat weniger mit Scharlatanerei zu tun. Noch geht es uns traditionellen Medien gut. Aber das bisherige Geschäftsmodell wird über kurz oder lang Probleme bekommen. Medienhäuser werden sich verändern müssen, ob sie wollen oder nicht. Das vorherzusagen, dazu muss man kein Prophet sein. Wer so etwas sagt, ist erst recht kein Scharlatan.
    @Journalismus: Da bin ich ganz bei dir. Qualität wird immer gefragt sein – ob on- oder offline. Qualität ist aber auch eine Frage der Bezahlung und die muss für etwas mehr als das Nötigste reichen.
    In Zeiten von Sparefrohs in den Chefetagen der Verlage und Unmengen an “Freien”, die auf den Markt drängen, ist das nicht so einfach. Wer wird heute noch angestellt? Welcher Nachwuchs-Journalist wird in ein paar Jahren sein Auskommen finden, ohne nebenher auch ein wenig PR machen zu müssen.
    Und noch fehlen die Geschäftsmodelle, um komplett selbständig und online arbeiten zu können.

  2. Es stimmt mich traurig, dass an einer so jungen JournalistInnen-Ausbildungsstelle bereits mit dem Ende des Journalismus spekuliert wird. Auch wenn ich Dystopien an sich nicht unabgeneigt bin, würd ich es schade finden, “nur” mehr PR-Menschen auszubilden. Mal ganz abgesehen davon, dass PR nur funktioniert, wenn man Journalismus versteht (und zuweilen auch umgekehrt): Journalismus – in welcher Form auch immer – wird sicher nicht sterben. Es gab ja auch schon Schmähschriften, Info-Blätter und ähnliches, als Begriffe wie CvD, Layout und Crosschecking noch nicht einmal geahnt wurden. Oder ganz pathetisch: Nur weil der Kopf stinkt, schlägt das Herz trotzdem noch weiter. Oder so.

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