Wo lande ich?—Zu einem Vortrag von Bruno Latour

Ich habe gestern die Aufnahme eines Abends mit Bruno Labour und Hans Joachim Schellnhuber im Berliner Haus der Kulturen der Welt gehört, größtenteils sogar zweimal. Latour stellt die zentralen Thesen seines Buchs Où atterrir? vor, das jetzt auf Deutsch als das terrestrische Manifest erschienen ist. Schellhuber, so verstehe ich es, konkretisiert in dem anschließenden Gespräch vieles von dem, was Latour eher begriffs- und forschungsorientiert formuliert.

Latours Grundthese ist, dass das Projekt der Moderne oder der Modernisierung sich im Anthropozän, in einem Zeitalter, in dem die Eingriffe des Menschen in die Natur geologische Dimensionen erreicht haben, als Utopie erwiesen hat. Der Globus, die einheitliche, modernisierte Welt, ist kein Ziel mehr, denn es wird ihn nie geben—man würde fünf Planeten brauchen, damit alle Menschen so leben können wie wir heute in den reichen Ländern. In dieser Situation erscheint vielen Menschen eine, wie Latour es hier wohl zum ersten Mal nennt, konservative Revolution als Alternative, die Rückkehr zu den scheinbar geschossenen Räumen der Nationalstaaten vor der Globalisierung. Dieses Ziel ist aber nicht weniger utopisch und nicht weniger gefährlich: Es gibt keine abgeschlossenen und abschließbaren Räume mehr, es sei denn die gated communities der Reichen, die mit Gewalt gegen den Rest der Welt verteidigt werden. Trump ist der Exponent dieser Haltung, die die Existenz eines gemeinsamen Planeten und damit auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Klimawandel negiert. Latour sucht nach einem anderen Landeplatz. Es beschreibt ihn als Erde, im Anschluss an Lovelocks Gaia. Mit Erde ist nicht die Gesamtheit des Globus gemeint, nicht das, was Labour als Sphäre bezeichnet, sondern der dünne Film, in dem sich das Leben abspielt und seine eigenen Bedingungen geschaffen hat. Die Erde ist in der Metaphorik Latours flach, in ihr konstruieren und vernetzen sich unterschiedliche, begrenzte Akteure, es gibt keine übergreifende Einheit, keine Natur, um deren Besitz und Kontrolle man kämpfen kann. (Ich habe diesen Ansatz hier schon einmal erwähnt.)

Welche Konsequenzen haben diese Überlegungen für das, was ich beruflich mache, für die Arbeit mit Webinhalten und Web-Technologie? Latour sagt, dass die Beschreibung der Erde, des Films, in dem sich das Leben abspielt, politisch ist, dass es dort gefährlicher und schwieriger ist zu konstruieren, was wahr ist, als bei der Konstruktion entfernterer Realitäten—und das bedeutet nicht, dass wahre Aussagen dort nicht konstruiert werden können und müssen, wie es die Demagogen und Klimaskeptiker behaupten. Design—Content-Strategie ist für mich Design—ist nicht weniger politisch als die Wissenschaften, über die Latour spricht. Man kann nicht useful und usable content zu seinem Ziel machen und Entwicklungen und Akteure unterstützen, die die Welt unbewohnbar machen. Bisher habe ich vor allem in meinem Job an der Fachhochschule immer versucht, wirtschaftsnah zu argumentieren und Content-Strategie und Content Marketing als Werkzeug darzustellen, das man benutzen kann. Das bekomme ich nicht mehr hin. Ich bin mir nicht sicher, was die nächsten Schritte sind—aber persönlich werde ich das, was ich mache, expliziter und konsequent politisch verstehen, nicht um für politische Positionen zu mobilisieren, sondern um die politischen Implikationen von Inhalten und Kommunikation aus ihrer Gestaltung nicht auszublenden. Konkret zum Beispiel: Content Marketing für sinnlose Konsumgüter würde ich weder in meiner Arbeit noch privat unterstützen.

Mehr kann ich jetzt nicht sagen—Überlegungen wie die von Latour machen mich im Augenblick vor allem ratlos, und Latour selbst stellt ja seine Ratlosigkeit ausführlich dar. Ich sehe Beziehungen zwischen dem offenen Web und einer nutzerorientierten Content-Strategie auf der einen Seite und dem, was Latour irdisch oder terrestrisch nennt. Aber ob und wie man diese Beziehungen gestalten kann, ist mir nicht klar. Die Fragen, die sich hier stellen, sind aber spannender als die nach den optimalen Influencern für das nächste Wegwerfprodukt.

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