Habe zum ersten Mal einen Text von Chaïm Perelman (1983) gelesen. Ich kenne Perelman als Begründer einer „neuen Rhetorik“, habe mich aber nie mit ihm beschäftigt. Jetzt interessiert mich die Frage, ob Überlegungen zu einer Rhetorik, die mehr ist als nur eine Hinführung zur „eigentlichen“ Wahrheit, für die Klimakommunikation im weitesten Sinn fruchtbar gemacht werden können.

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Am Montag habe ich die Einleitung zu Sven Beckerts Geschichte des Kapitalismus (Beckert, 2025a) gelesen. Ich habe die englische Epub-Version gekauft; das Buch ist auch auf deutsch erschienen (Beckert, 2025b) und medial zu Recht gerade sehr präsent. Empfehlenswert zur Orientierung ist Thilo Jungs Gespräch mit Beckert bei „Jung und Naiv“ (Jung & Naiv, 2026).

Die Einleitung ist sehr lesbar geschrieben. Beckert gibt einen Überblick über sein Buch und stellt seinen Zugang zum Gegenstand „Kapitalismus“ dar.

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Seit mehreren Jahren verfolge ich die Klimaberichterstattung einiger Tageszeitungen. Die folgenden Thesen sind ein Ergebnis dieser Lektüre. Ich formuliere sie provisorisch als Ausgangspunkt für Diskussionen. Sie sind vor allem von Albert Camus’ Verständnis des Journalismus als Geschichtsschreibung und von Bruno Latours Arbeiten zur Geschichtlichkeit Gaias abhängig.

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Ich habe heute drei neuere Artikel von Helen Thompson gelesen: über die zweite Amtszeit Trumps (2025b), über Chinas Vorherrschaft bei seltenen Erden (2025c) und über den Niedergang der europäischen Auto-Industrie (2025a). In den drei Texten analysiert sie die aktuelle amerikanische und europäische Politik. Sie stellt dar, wie die Agierenden durch Zwänge, durch constraints bestimmt werden: durch constraints aufgrund der Verfügbarkeit von Ressourcen (fossile und erneuerbare Energien, seltene Erden), duch finanzielle constraints (Verschuldung der USA) und – in Verbindung mit diesen constraints – durch geopolitische Zwänge.

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Cover von La mutation écologique

Wahrscheinlich habe ich in diesem Blog über keinen Autor so viel geschrieben wie über Bruno Latour. Seit meiner Arbeit für das Web Literacy Lab an der FH Joanneum lese ich Latour. Vor allem durch Latours Bücher Face à Gaïa (Latour, 2015; dt. Kampf um Gaia 2023a) und Où atterir (Latour, 2017; dt. Das terrestrische Manifest 2018) habe ich erkannt, wie radikal sich unsere historische Situation durch die Klimakrise und die Anthropozän-Situation verändert hat.

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In ihrem Podcast Das Klima (seit Jahren einem meiner Lieblings-Podcasts) stellen Claudia Frick (@fuzzyleapfrog) und Florian Freistetter (@astrodicticum) jetzt wöchentlich ein Kapitel des neuen österreichischen Sachstandsbericht zum Klimawandel (AAR2, APCC, 2025) vor. Für die erste Folge dieser Serie haben sie Daniel Huppmann (@daniel_huppmann) eingeladen, um einen Überblick zu über den Bericht zu geben und seinen Aufbau zu erläutern (Frick & Freistetter, 2025). Sie diskutieren mit Daniel Huppman auch darüber, was an Wissenschaftskommunikation für den Bericht geplant ist. Außer einer interaktiven Website gehören dazu u.a. auch TikTok-Videos – möglicherweise identisch mit der Serie, die Verena Mischitz gerade auf YouTube gestartet hat (Verena Mischitz, 2025).

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Notizen zu Texten von Quinn Slobodian und Bruno Latour

Saudi-Arabien als Vorbild

Durch einen Essay bin ich auf Quinn Slobodian aufmerksam geworden. In Does Trump Want America to Look More Like Saudi Arabia? (2025) stellt er dar, wie sehr Donald Trump Saudi-Arabien verehrt und wie eng Trumps Beziehungen dorthin sind. Slobodians These, die ich zuerst als nur ironisch missverstanden habe, ist: Wenn man ein Vorbild dafür sucht, wie Trump die USA umgestalten will, ist Saudi-Arabien wichtiger als die Faschismen der 20er und 30er Jahre. Die fossilen Größenphantasien Trumps (Slobodian nennt es nicht so; sein Fokus ist hier nicht die Klimaproblematik) gleichen denen des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman.

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Ich versuche immer noch, mit so etwas wie einen Reim auf die Wahl von Trump zu machen. In der Unmenge der Kommentare nehme ich die ernst, die davor warnen, Trump zu verharmlosen, also etwa die Einschätzungen von Jan-Werner Müller und – gestern – von Irene Braam. Wie viele andere sprechen diese Analysen dafür, dass Trump umsetzen wird, was er angekündigt hat: den liberalen Staat abbauen und durch ein autoritäres Regime ähnlich dem von Orbán in Ungarn ersetzen. Es spricht auch nichts dafür, dass er mit der Nato und der EU anders als nationalistisch umgehen wird: Er wird sie benutzen, um Druck auszuüben und die Abhängigkeit von den USA zur Stärkung der US-Wirtschaft zu nutzen.

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Gestern abend habe ich bei John Berger gelesen (und dabei an Elon Musk gedacht):

Die Tatsache, dass die Tyrannen der Welt ex-territorial sind, erklärt das Ausmaß ihrer Überwachungsmacht, weist aber auch auf eine kommende Schwäche hin. Sie operieren im Cyberspace und residieren in bewachten Zonen. Sie haben keine Kenntnis von der sie umgebenden Erde. Außerdem tun sie dieses Wissen als oberflächlich und nicht tiefgründig ab. Nur die extrahierten Ressourcen zählen. Sie können nicht auf die Erde hören. Auf dem Boden sind sie blind. Im Lokalen sind sie verloren.

Für die Mitgefangenen ist das Gegenteil der Fall. Die Zellen haben Wände, die sich über die ganze Welt hinweg berühren. Wirksame Aktionen des nachhaltigen Widerstands werden nah und fern in das Lokale eingebettet sein. Widerstand im Outback, auf die Erde hören. (“Meanwhile,” Übersetzung mit deepl.com, von mir redigiert, in Berger, 2016)

Seit Dienstag, als ich mit Ana in der Dramatisierung seines Romans A und X im KiG gewesen bin, gehen mir Formulierungen Bergers durch den Kopf. Schon länger denke ich über die Bedeutung des Lokalen, des Orts, im Kampf gegen die Klimakatastrophe und die mit ihr verknüpften Krisen nach. Den Horizont dafür bildet für mich der Begriff der geosozialen Klasse (Latour & Schultz, 2022).

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Bruno Latour verweist auf Twitter auf einige Texte zu James Lovelock, der am 26. Juli, seinem hundertunddritten Geburtstag, gestorben ist: einen Nachruf in der Libération von Latour selbst und Sébastien Dutreuil (2022), eine populärwissenschaftliche Darstellung von Sébastien Dutreuil (2022) und einen Essay, in dem Latour seine Lovelock-Interpretation unterhaltsam, unprätentiös und fast beiläufig in einem Bericht über seinen ersten Besuch bei Lovelock vorstellt (Latour, 2018). Es geht in diesen Texten um das, was Lovelocks Gaia-Hypothese von Ansätzen unterscheidet, die ihr ähneln und zum Teil von ihr ausgelöst wurden. Latour und Dutreuil entwickelten ihre Interpretationen im Dialog mit Tim Lenton. Ihr gemeinsames Verständnis Lovelocks stellen Latour, Dutreuil und Lenton in einem ausführlichen Aufsatz in der Anthropocene Review dar (Lenton et al., 2020).

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