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“Zeugin des Undenkbaren”—die australische Klimaforscherin Joëlle Gergis über ökologische Zerstörungen und neue Klimamodellierungen

Katastophennachrichten über das Klima folgen immer schneller aufeinander (Tharoor 2020). Die Waldbrände in Sibirien, aber auch die Hitze hier in Europa sind Signale dafür, dass wir inzwischen auf dem steil nach oben zeigenden Teil des Hockeyschlägers angelangt sind, der durch Michael Mann zu einem Symbol der Klimakrise geworden ist.

Ich habe einen Tag aufgeschoben, Witnessing the Unthinkable von Joëlle Gergis zu lesen, das ich über Twitter entdeckt habe. Ich zögere, Texte über ökologische Zerstörungen, über Ökozide (Kloetzli 2020) zu lesen, obwohl ich mich beinahe jeden Tag mit Themen beschäftige, die mit der Überschreitung der Planetary Bondaries zu tun haben. Ich kann mich mit der Vorstellung, dass vieles von dem, was die Erde heute ausmacht, unrettbar verloren ist, nicht abfinden.

Gergis’ Aufsatz ist kein Bericht über den Untergang von Ökosystemen, sondern die Reflexion einer Wissenschaftlerin über solche Berichte. Joëlle Gergis gehört zu den australischen Forscherinnen, die den nächsten Bericht des IPCC vorbereiten. Sie benennt zwei Anlässe: Neue Modelle der Klimasensitivität (Arblaster and Grose 2020), die es möglich scheinen lassen, dass wir bereits 2040 eine globale Temperaturerhöhung von 2% verzeichnen, und die ökologische Situation in Australien. Dort haben die Waldbrände des letzten Jahres Ökosysteme wie die noch vorhandenen Gondwana-Wälder zu 50-80% zerstört (Cox and Evershed 2020). Eine dritte große Korallenbleiche betrifft, anders als ihre beiden Vorgängerinnen, das gesamte Great Barrier Reef. 2% höhere Temperaturen werden das Great Barrier Reef—wie 99% aller Korallenriffe der Welt—für immer vernichten.

Zeugen des Undenkbaren zu werden, kann bedeuten akzeptieren zu müssen, dass der Weg zu einer heisseren Erde und damit das Ende der Lebensbedingungen, in denen die Zivilisation entstanden ist und sich entwickelt hat, nicht mehr aufzuhalten ist, dass wir schon verloren haben.

Wie können wir nicht verstehen, dass sich das Leben, wie wir es kennen, vor unseren Augen auflöst? Dass wir eine Generationen übergreifende Erwärmung entfesselt haben, die uns Jahrtausende lang begleiten wird? Wenn dies wirklich das Ende der Tage ist, wie kann dann eine Klimawissenschaftlerin wie ich die Zeit, die mir noch bleibt, am besten nutzen? (How can we not understand that life as we know it is unravelling before our eyes? That we have unleashed intergenerational warming that will be with us for millennia? If this really is the end of days, how can a climate scientist like me make best use of the time I have left. Übers. H.W. mit Hilfe von https://www.deepl.com/translator.)

Dieses Undenkbare ist keine wissenschaftliche Tatsache: Es ergibt sich aus Modellen, die möglicherweise zutreffen. In der Klimawissenschaft wird intensiv diskutiert, wie die neuen Klimamodelle einzuschätzen sind, die zum ersten Mal einbeziehen, wie sich die Wolken auf das Klima des gesamten Planeten auswirken (Berardelli 2020). Es ist nicht sicher, dass sich die Erde bereits auf dem Pfad befindet, den diese Modelle beschreiben, aber es besteht ein Risiko, das nicht vernachlässigt werden kann.

Gergis interpretiert die Verbindungen zwischen diesen aktuellen Klimamodellierungen und den Ereignissen, deren wissenschaftliche Zeugnisse sie gelesen hat. Deshalb spricht sie vom witnessing the unthinkable. Diese Interpretation kann man nicht relativieren, indem man auf den hypothetischen Charakter der neuen Klimamodellierungen verweist. Berichte über die Waldbrände und die Korallenbleiche bilden ihren Horizont, nicht ihren Beweis.

Ich habe am Montag in einer XR-Veranstaltung einen Satz zitiert, den ich bei Danowski/Vivieiros de Castro (Danowski and Castro 2016) gelesen hatte: Aus der europäischen Sicht ist die Apokalypse der Klimakrise ein zukünftiges Ereignis. Für Bevölkerungen des globalen Süden wie die Indigenen des Amazonasbeckens ist die Apokalypse bereits geschehen, oder sie ist eine dauernde Gegenwart.

[…], dass die Indigenen uns etwas zu lehren haben, wenn es um Apokalypsen, Weltverluste, demographische Katastrophen und das Ende der Geschichte geht, bedeutet einfach folgendes: Für die Ureinwohner Amerikas ist das Ende der Welt bereits eingetreten—vor fünf Jahrhunderten. ([…], that indigenous people have something to teach us when it comes to apocalypses, losses of world, demographic catastrophes, and ends of History, means simply this: for the native people of the Americas, the end of the world already happened—five centuries ago. Übers. H.W. mit Hilfe von https://www.deepl.com/translator.)

Gergis’ Text ist ein Dokument ein ähnlichen Erfahrung in einem reichen Land. Samuel Alexander und Rupert Read drücken diese Erfahrung plakativ in dem Titel This Civilisation is Finished (Read and Alexander 2019) aus.

Wir stellen uns die ökologischen Krisen der Gegenwart zu sehr und vielleicht auch zu gerne als ein bevorstehendes apokalyptisches Ereignis vor, das wir durch entschlossenes Handeln, durch eine große gemeinsame Anstrengung vermeiden können—so wie die Eingesperrten in Becketts dépeupleur (Beckett 2020) das Dach ihres Gefängnis wegstemmen könnten, würden sie nur alle gemeinsam handeln. Das Undenkbare besteht auch darin, dass diese Krisen keine einmaligen Ereigniss sind, sondern zu einem Zustand gehören, der bereits begonnen hat. Sich den ökologischen Zerstörungen entgegenzustellen bedeutet dann vielleicht nicht zu versuchen, eine Apokalypse abzuwenden, sondern zu retten, was zu retten ist—sich nicht auf die Zukunft zu konzentrieren, sondern darauf, das Lebendige, das wir schützen können, so lange wie möglich gesund zu erhalten.

Nachweise

Arblaster, Julie, and Michael Grose. 2020. “Just How Hot Will It Get This Century? Latest Climate Models Suggest It Could Be Worse Than We Thought.” The Conversation. May 17. http://theconversation.com/just-how-hot-will-it-get-this-century-latest-climate-models-suggest-it-could-be-worse-than-we-thought-137281.
Beckett, Samuel. Der Verwaiser. Le Dépeupleur. The Lost Ones.
Berardelli, Jeff. 2020. “Some New Climate Models Are Projecting Extreme Warming. Are They Correct? » Yale Climate Connections.” Yale Climate Connections. July 1. https://www.yaleclimateconnections.org/2020/07/some-new-climate-models-are-projecting-extreme-warming-are-they-correct/.
Cox, Lisa, and Nick Evershed. 2020. “’It’s Heart-Wrenching’: 80% of Blue Mountains and 50% of Gondwana Rainforests Burn in Bushfires.” The Guardian, January 16, sec. Environment. https://www.theguardian.com/environment/2020/jan/17/its-heart-wrenching-80-of-blue-mountains-and-50-of-gondwana-rainforests-burn-in-bushfires.
Danowski, Déborah, and Eduardo Batalha Viveiros de Castro. 2016. The Ends of the World. Malden, MA: Polity.
Kloetzli, Sophie. 2020. “Ecocide et droits de la nature : «Il faut avoir une vision beaucoup plus écosystémique du monde».” Libération.fr. July 1. https://www.liberation.fr/terre/2020/07/01/ecocide-et-droits-de-la-nature-il-faut-avoir-une-vision-beaucoup-plus-ecosystemique-du-monde_1792782.
Read, Rupert, and Samuel Alexander. 2019. This Civilisation Is Finished. Melbourne: Simplicity Institute. https://249897.e-junkie.com/product/1619231/This-Civilisation-is-Finished3A-Conversations-on-the-end-of-Empire—and-what-lies-beyond.
Tharoor, Ishaan. 2020. “Analysis | The World’s Climate Catastrophe Worsens Amid the Pandemic.” Washington Post, June 29. https://www.washingtonpost.com/world/2020/06/29/worlds-climate-catastrophe-worsens-amid-pandemic/.

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