Lese gerade Posts, die ich vor 13 Jahren geschrieben habe (Auf dem Weg zur Participation 2.0 , Notizen zur Participation 2.0: Nico Carpentier), und bin überrascht, wie lange ich jetzt schon auf denselben Knochen kaue. Verändert hat sich bei mir seitdem, dass die Thematik der Erde hinzugekommen ist—sicher in Verbindung mit der Actor Network Theory, die mich seit damals interessiert. Mir wird auch klarer, was ich hier tue: Ich schreibe nicht vor allem über Themen, sondern ich bestimme zugleich meine Perspektive, die Perspektive des Autors dieser Texte, der selbst ein Ergebnis des Schreibens ist. Mich hat auch damals, in einer Phase des Social Media-Aktivismus, die materielle Seite der digitalen Medien interessiert, die ich jetzt in Verbindung mit den material flows auf dem Planeten sehe. Auch die Ausrichtung auf Dezentralität und Partizipation, ein anarchistisches Motiv, hat sich seit damals nicht verändert.

Im Augenblick interessiert mich am meisten, wie man die wissenschaftliche Praxis der Untersuchung des Erdsystems und ihre Ergebnisse in Texte, vor allem in popularisierende und journalistische Texte, und in politische Praxis übersetzen kann, wobei ich die Texte und die politische Praxis als immer auch digital verstehe. Dabei wird das, was übersetzt wird, auch davon definiert, in was es übersetzt wird, es gibt vor der Übersetzung, vor den Interpretanten, keinen Zugang zu ihm. Das macht es so schwer, zwischen richtigen und falschen Übersetzungen oder Lektüren zu unterscheiden, also z.B. zu sagen, was eine gute und was eine schlechte Übersetzung von Forschung in einen journalistischen Text oder politische Maßnahmen ist. Die schlechte Übersetzung ist relativierend, aber das zu Übersetzende gibt nicht vor, wie gut übersetzt wird—sonst wäre gar keine Übersetzung nötig. Die gute Übersetzung verbindet sich mit dem, was übersetzt wird. Sie ist eine Vermittlung, nicht einfach eine teils adäquate und teils inadäquate Abbildung. Eine gute Übersetzung ist offen für das, was im Original unbestimmt ist, in ihm an Möglichkeiten enthalten ist.

Das wirkt sehr abstrakt, aber man kann es an Beispielen wie der Kommunikation über Virologie oder Klimawissenschaft konkretisieren. Die politisch schlechten Antworten oder Übersetzungen sind für das, was in der Forschung und ihrem Gegenstand noch geschehen kann, nicht offen, sie stellen die Ebene oder das Medium, in die übersetzt wird, nicht in Frage und verbinden sie nicht mit dem Übersetzten. Sie blenden deshalb z.B. Risiken aus. Grünes Wachstum ist ein Beispiel für eine Fehlübersetzung. Die wirtschaftlichen Praktiken werden nicht in Frage gestellt, sondern es werden nur ihre Gegenstände verändert. Versteht man sie semiotisch als Interpretanten, dann sind sie mit den Interpretanten der wissenschaftlichen Praxis und durch diese mit der ökologischen Realität nicht vermittelbar, sie schränken die Handlungsmöglichkeiten der Akteure so ein, dass diese früher oder später praktisch scheitern.

58556 Die Ökonomie als Wissenschaft der leidenschaftlichen Interessen führt in das Werk Gabriel Tardes wie in die Soziologie Bruno Latours ein. Es zeigt den französischen Klassiker der Soziologie als einen Vordenker aktueller sozialwissenschaftlicher Theorien, dessen vor über hundert Jahren formulierte Thesen so unterschiedliche Themen wie Wissensgesellschaft und virales Marketing berühren.

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9783825230449 Rainer Ruffings Einführung in das Werk Bruno Latours (Bruno Latour, UTB Profile) habe ich auf dem Weg von München nach Graz im Zug gelesen. Zwischendurch erhielt ich von meinem HTC Desire die Meldung, es habe über 130 übereinstimmende Kontakte gefunden: Personen, die sowohl in meinem Google Adressbuch wie bei meinen Facebook-Freunden oder Twitter-Followern auftauchen. Ich konnte durch Berühren des Bildschirms bestätigen, dass es sich jeweils tatsächlich um dieselbe Person handelt.

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Ich lese — und schaue mir an — Paris: Ville Invisible von Bruno Latour und Emilie Hermant. Den kompletten englischen Texts dieses crossmedialen Werks — Website und Bildband — kann man downloaden. Er führt in Latours Soziologie ein, und er ist gleichzeitig so etwas wie eine Serie von guided tours durch Paris, das sich wie jedes soziale Phänomen nur Ketten von Beobachtungen, nie einem zusammenfassenden Blick erschließt.

Ich bin noch immer am Anfang der Latour-Lektüre; einerseits finde ich seine Argumentationen überzeugend, andererseits kann ich sie noch nicht wirklich in eine Beziehung zu den Dingen bringen, mit denen ich mich sonst beschäftige. Ein Schlüssel könnte im Begriff den Information oder besser in Latours Kritik an diesem Begiff liegen. Mit einer Volltextsuche findet man in den ersten Abschnitten von Paris: Ville Invisible folgende Aussagen über Information:

The little computer mouse makes us used to seeing information as an immediate transfer without any deformation, a double-click. But there is no more double-click information than there are panoramas; trans-formations, yes, in abundance, but in-formation, never. [p. 18]

The comfort of habit makes us believe in the existence of double-click information. We begin to be attentive to their strange nature only if we turn towards objects with which we are totally unfamiliar. [p. 20]

Nothing in double-click information allows us to keep a trace of this layering of intermediaries; yet without this wandering the trace of the social is lost, for words then refer to nothing and no longer have any meaning – that is, no more movement. [p. 23]

We don’t live in „information societies“ for the excellent reason that there is neither a Society nor information. Transformations, yes, associations, yes, but transfers of data without transformation, never. [p. 23]

To measure the hiatus explaining transformations of information, we should also avoid two symmetrical mistakes: the first would be to forget the gain and to deduct only the loss; the second, that we’re about to consider, would be to forget the loss. [p. 26]

Megalomaniacs confuse the map and the territory and think they can dominate all of Paris just because they do, indeed, have all of Paris before their eyes. Paranoiacs confuse the territory and the map and think they are dominated, observed, watched, just because a blind person absent-mindedly looks at some obscure signs in a four-by-eight metre room in a secret place. Both take the cascade of transformations for information, and twice they miss that which is gained and that which is lost in the jump from trace to trace … [p. 28]

If we want to represent the social, we have to get used to replacing all the double-click information transfers by cascades of transformations. To be sure, we’ll lose the perverted thrill of the megalomaniacs and the paranoiacs, but the gain will be worth the loss.

Gegenbegriffe zu Information sind Transformation, Vermittlung, Übersetzung, intermediaries. Latours Soziologie ist eine Soziologie des Intermediären — Soziologie im Sinne Latours ist die Wissenschaft vom Intermediären.

Every time we talk of intermediaries we talk not of lies but, on the contrary, of truth, of the only one we have, provided we always follow the traces, the trajectory of figures, and never, never stop on the image.

Vielleicht kommt es darauf an, soziale Medien als intermediäre Phänomene zu verstehen, als Transformatoren und Vermittler, die immer nur zusammen mit anderen Vermittlern funktionieren, als Teile der Kaskaden (vielleicht eine zu einsinnige Metapher!), von denen Latour spricht. Sie funktionieren nicht alleine, und vielleicht können sie auch nicht Gegenstand einer Medientheorie werden, weil die Medien keinen Vorrang in der Vermittlung haben, sondern man zwischen Sozialem, Medialen und Intermediären nicht wirklich unterscheiden kann.

Konkreter: Soziale Medien sind Teile von Ketten oder Netzen, zu denen Literacy und soziale Organisation des Umgangs mit Medien ebenso gehören wie die Praktiken der Informationsaufbereitung und -aggregierung in den verschiedenen sozialen und professionellen Kontexten. Sie lassen sich höchstens als technische Phänomene isolieren, aber ihr sozialer Charakter besteht in ihrer Verschaltung mit anderen intermediären Phänomen. Sie lassen das, was sie vermitteln, nicht unverändert, und sie sind selbst auf Transformationen angewiesen, um sozial zu funktionieren. Zu diesen Transformatoren gehören so unterschiedliche Dinge wie bildgebende Verfahren, Textverabeitung, Recherchetechniken, Techniken des sozialen Lernens und ehische Kodizes.

Ich suche schon lange nach Verbindungen zwischen dem Thema, das mich vor allem interessiert — welche Folgen haben Online-Medien für das Schreiben und die Literarizität? — und theoretischen Ansätzen, die mich faszinieren, ohne das ich sie bereits durchschaue: Ethnomethodologie, Konversationsanalyse und Actor Network Theory. In der letzten Woche habe ich ein paar Spuren gefunden, die dafür sprechen, dass sich soziale Medien mithilfe dieser Ansätze tatsächlich besser verstehen lassen.
Erhellend finde ich ein Interview, das Bruno Latour schon 1997 Pit Schulz und Geert Lovink von Nettime gegeben hat. Latour besteht unter anderem darauf, dass der Begriff Information nicht dazu geeignet ist, die inhaltliche Seite von Online-Medien zu erfassen. Er mache die Transformationen oder Übersetzungen unkenntlich, deren Agenten diese Medien sind:

There is only transformation. Information as something which will be carried through space and time, without deformation, is a complete myth. People who deal with the technology will actually use the practical notion of transformation.

So wie Bilder können digitale Informationen nur auf Gegenstände bezogen werden, wenn man sie im Kontext anderer Übersetzungen versteht:

One image, isolated from the rest, freeze framed from the series of transformation has no meaning. An image of a galaxy has no reference. The transformation of the images of the galaxy has. So, it is an anti information argument. Pictures of a galaxy has no information content. Itself the image has no meaning if it cannot be related to another spectography of a galaxy. What has reference is the transformations of images. Being iconophilic means following the flow of images, without believing that they carry information.

So wenig wie andere Medien können Computer und das Netz zu einer unmittelbaren Kommunikation beitragen; man entgeht durch ihnen nicht den Vermittlungen, die für alle sozialen Beziehungen charakteristisch sind (wobei zu den sozialen Beziehungen für Latour auch die Beziehungen zwischen Menschen und Objekten gehören):

We have a tremendous hype about globalization, immediacy, unversality and speed. On the other side we see localized transformations and there seems to be not connection between the two.

The rule is: whatever medium there is, you will always find someone to make a connection with them. But this is not the same as saying that there is an instantaneous connectibility. The digital only adds a little speed to it. But that is small compared to talks, prints or writing.

Latour weist in diesem Interview auf das Buch On the Origin of Objects von William Cantwell Smith hin. Ich bin diesem Hinweis nachgegangen und zum ersten Mal darauf gestoßen, dass es — mit Beteiligung von William C. Smith und vor allem im Umkreis des Xerox PARC eine Diskussionskomplex zum Thema Ethnomethodologie und Computing gibt, mit dem ich mich intensiver beschäftigen möchte. Beteiligt sind sowohl Vertreter von Konversationsanalyse und Ethnomethodologie wie Charles Goodwin und Lucy Suchman als auch Informatiker, darunter Gregor Kiczales.

Bisher kann ich leider nur Namedropping betreiben und habe noch keine genaue Vorstellung davon, wie tatsächlich durchgeführte Analysen sozialer Medien mit dem Instrumentarium der Ethnomethodologie und ihrer Nachfolger aussehen könnten. Anregungen findet man in diesem Kontext jedenfalls schnell, z.B. Goodmans Practices of Seeing, Visual Analysis: An Ethnomethodological Approach. oder Organising User Interfaces around Reflective Accounts von Paul Dourish, Annette Adler und Brian Cantwell Smith.

Ich habe mich in den letzten Wochen weiter mit der „Actor-Network-Theory“ (ANT) beschäftigt, wenn auch noch nicht so intensiv, wie ich es wollte. Noch mehr als vor ein paar Wochen sehe ich in ihr eine Möglichkeit, Phänomene im Bereich der „neuen Medien“ und des Web zu analysieren, ohne sich von eingefahrenen Unterscheidungen wie der zwischen „Technischem“ und „Sozialem“ blind machen zu lassen.
Es handelt sich bei der ANT nicht um eine Theorie im Sinne einer Menge von Aussagen über die „Realität“. Ich verstehe die ANT eher als eine Methode, um soziale Wirklichkeiten zu beschreiben und zu analysieren. Ob eine solche Analyse dann „richtig“ ist, was sie „wert“ ist, hängt von ihren Beziehungen zu ihrem Gegenstand und nicht von der Richtigkeit der theoretischen Grundannahmen der ANT ab.
Allerdings — auch zur ANT gehören Verallgemeinerungen über die Gesellschaft. Ich versuche, provisorisch einige davon zu formulieren, und bitte bessere Kenner dieser Theorie um Korrekturen. Ich hoffe, dass sich diese Annahmen als Ausgangspunkt konkreter Analysen verwenden lassen. Die Texte, auf die ich mich beziehe, habe ich hier gesammelt.
(1) Zu sozialen Strukturen gehören immer sowohl menschliche wie nicht-menschliche Akteure. Die nicht-menschlichen Akteure, die „Objekte“, haben eine entscheidende Funktion bei der Stabilisierung von sozialen Strukturen. Die Objekte sind nicht nur Projektionsschirme für soziale Verhältnisse, sondern sie ermöglichen die sozialen Verhältnisse erst. Der portugiesische Fernhandel, den John Law in einer berühmten Studie (pdf) beschrieben hat, hätte zum Beispiel ohne die Beobachtung der Sterne nicht stattfinden können; die Sterne lassen sich aus dem Netzwerk „Fernhandel“ nicht herauslösen.
(2) Soziale Strukturen existieren nicht unabhängig von Akteuren, sondern sie sind „performativ“, sie werden „aufgeführt“ oder „ausgeführt“. Etwas überdeutlich formuliert: Sie werden immer wieder neu erfunden, neu ausgehandelt und bestimmt. In dieses Aushandeln investieren die Akteure ihr Wissen über die Gesellschaft, ihre „Soziologie“.
(3) In jedem sozialen Netz interagieren unterschiedliche menschliche und nichtmenschliche Akteure. Die Voraussetzung dafür sind Übersetzungen, die überhaupt erst eine Kommunikation zwischen den verschiedenartigen Beteiligten ermöglichen. In solchen Übersetzungsprozessen werden Repräsentanten der verschiedenen Gruppen von Akteuren bestimmt. Die Übersetzungen machen Unvergleichbares vergleichbar und integrieren es damit in ein Netzwerk. Durch die Übersetzung bestimmt oder erzeugt das Netzwerk seine besondere Realität. Es wird festgelegt was real und relevant, was unwirklich und unwichtig ist. Es wird auch festgelegt, welche Ebenen die „Realität“ bilden, wo zum Beispiel bei Medien die Grenze zwischen „Technik“ und „Inhalt“ liegt.
(4) Soziale Strukturen oder soziale Netze dienen dazu, Kontrolle auszuüben, sie sind immer Instrumente der Macht. Bei den Übersetzungsprozessen, in denen sich ein Netzwerk konstituiert, wird bestimmt (verhandelt), wer wen kontrolliert, wer für wen spricht, wer wen oder was repräsentiert. Es gibt keine „unschuldigen“ oder „neutralen“ Übersetzungen, bei denen keine Macht ausgeübt würde.
(5) Zu den Akteuren, die an einem Netzwerk beteiligt sind, können wiederum Netzwerke gehören; sie verhalten sich aus der Perspektive des Netzwerks, in das sie integriert werden, wie „black boxes“. Die makrosoziologische Ebene unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der mikrosoziologischen Ebene; damit Netzwerke auf einer Makroebene funktionieren, müssen die Netzwerke, die in das „Makronetzwerk“ integriert werden, Komplexität so weit reduzieren, dass sie zu „einfachen“ Akteuren werden können.
Im Zentrum der ANT steht der Begriff der Übersetzung, und im Grunde interessiert mich, wie sich dieser Begriff bei der Analyse von Kommunikation im Web verwenden lässt. Übersetzungen sind eine Voraussetzung für die Bildung der neuen „soziotechnischen“ Netzwerke, an der wir gerade teilnehmen. Mit dem Instrumentarium der ANT lassen sich, wie ich glaube, solche Übersetzungsprozesse qualifiziert beschreiben, ohne die immanente Logik der neuen Netzwerke absolut zu setzen (sie also als „natürlich“ anzusehen), und ohne sie zu ignorieren (sie also als bloße „Technik“ zu verstehen).
Beispiele für solche Übersetzungen lassen sich leicht finden: Schon indem ich blogge oder mich bei facebook beteilige, übersetze ich meine analoge Identität (die nichts Natürliches, Vorgegebenes war) in eine „netzkompatible“ Version. Man kann die Arbeit an der Wikipedia als einen großen Übersetzungsprozess verstehen, in dem „enzyklopädisches Wissen“ in eine für das Web geeignete Form übertragen wird. Ohne nichtmenschliche Beteiligte wie Rechner und die Internet-Infrastruktur wären diese Übersetzungsprozesse nicht möglich und auch nicht nötig. Aber keiner dieser Prozesse ist „nur“ technisch. In ihnen allen werden soziale Beziehungen neu ausgehandelt, und wir verwenden unser Wissen über soziale Beziehungen in diesen Verhandlungen.
Für tatsächliche Analysen im Sinne der ANT wäre es wohl vor allem wichtig herauszuarbeiten, wie bei diesen Übersetzungsprozessen Äquivalenzen hergestellt werden und nach welchen Kriterien „überprüfbare“ Realitäten definiert werden (z.B. durch Googles Page Rank, der als „objektives“ Kriterium funktioniert.) Die Blogospäre wäre ein gutes Beispiele; interessanter wäre aber vielleicht die Analyse der Bildung von virtuellen Gruppen und Organisationen.
Das liest sich vielleicht kryptisch. Ich werde mich um Klärung bemühen und freue mich über Kommentare. Etwas weiter ausgearbeitete Gedanken zur Untersuchung von sozialen Medien mithilfe einer „Soziologie der Übersetzung“ würde ich gerne bei einer Gelegenheit wie dem nächsten Barcamp in Wien vorstellen.

Das Gebiet, das ich unterrichte — im Augenblick bezeichne ich es am liebsten als „soziale Medien“— umfasst mehr oder weniger das, was man als Online-Journalismus und Online-PR bezeichnet. Auf meiner geistigen Landkarte grenzt es an zwei andere Gebiete, auf der einen Seite an die Technik und auf der anderen Seite an die „Soziologie“ — damit meine ich die theoretische Analyse und empirische Untersuchung der gesellschaftlichen Rolle, die Online-Kommunikation spielt.

Was die Technik angeht, ist mir relativ klar, welche Verbindungen es zum Thema „soziale Medien“ gibt; allerdings fällt es mir hier schwer, die Grenzen genau zu bestimmen. Was muss eine angehende Online-Journalistin darüber wissen, wie ein Content Management System funktioniert? Ist es für jemand, der sich mit Online-PR beschäftigt, wichtig, die Unterschiede zwischen den Newsfeed-Formaten RSS und Atom zu verstehen? Nützt ihr Wissen über REST oder das end-to-end-Prinzip? Wie auch immer — es ist klar, um welche Themen und Techniken es hier geht, und man kann in jedem Einzelfall überlegen, welche Rolle das technische Wissen für die praktische Arbeit spielt.

Anders ist es für mich bei der sozialen Dimension des Online-Publishing. Hier ist mir völlig unklar, wie die Verbindung zwischen Theorie und Praxis aussieht oder aussehen kann. Wo wird soziologisches Wissen praktisch relevant? Welche Rolle spielen hier für den Praktiker wissenschaftliche Theorien? Geht es hier um Soziologie oder eher um Wissen, das sich auf ganz unterschiedliche Themen (z.B. Ökonomie, Politik) bezieht? Wo ist dieses Wissen mehr als eine relativ willkürliche Interpretation, eine Art ideologischer Begleitung dessen, was ohnehin geschieht?

Seit ich unterrichte, suche ich nach soziologischen Theorien, die mir dabei helfen, diese Fragen überhaupt richtig zu stellen, so dass ich einerseits besser begründen kann, was ich im Unterricht tue, und andererseits Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet begründen kann. Im Grunde vermisse ich bei jeder Diplomarbeit, die ich betreue, ein brauchbares theoretisches und methodisches Fundament.

In den letzten Wochen habe ich mich zum ersten Mal und nur sehr oberflächlich mit der Actor-Network-Theory beschäftigt. Jetzt überlege ich, ob der Teil meiner inneren Landkarte, den ich oben beschrieben habe, sich vielleicht aus einer falschen Perspektive ergibt — denn dieses Bild setzt voraus, es gebe so etwas wie eine Welt eigener sozialer Gesetze oder Regeln, und diese ließen sich soziologisch mehr oder weniger richtig und genau beschreiben oder rekonstruieren.

In der vorletzten Woche habe ich einen kurzen Text übersetzt, den Bruno Latour zusammen mit einer Studentin geschrieben hat. Der Text beschreibt einen Kühlschrank in einem mikrobiologischen Labor, und zwar als ein Objekt, ohne das die gesamte wissenschaftliche Arbeit in dem Labor bis hin zur Klassifikation der dort untersuchten Lebensformen und zur Organisation der Kompetenzhierarchie unter den Wissenschaftlern nicht stattfinden könnte. Der Kühlschrank ist das, was Latour oft als „nichtmenschlichen Akteur“ bezeichnet.

Die Übersetzung war für mich ein Anlass, Latour und seinen theoretischen Weggefährten kennen zu lernen. Zum Glück sind viele Texte Latours online zugänglich. (Weitere Texte werde ich bei Bibsonomy unter dem Tag ANT sammeln.)

Zunächst fasziniert mich an Latour die Konzentration auf Artefakte. Das Web besteht nicht nur aus Menschen, sondern auch aus Artefakten, und so etwas wie ein soziologisches Herangehen an das Web kann nur gelingen, wenn es die technische Ebene nicht durchstreicht. So wie der Kühlschrank, den Latours Text beschreibt, ein mikrobiologisches Labor organisiert (und nicht nur Ausdruck einer Organisation ist, die auch ohne ihn auf einer rein „sozialen“ Ebene existieren könnte), so organisieren Webanwendungen und Mittel der Webkommunikation inzwischen die unterschiedlichsten sozialen Zusammenhänge, von virtuellen Teams bis zur Blogger-Community. Alle diese Artefakte existieren nicht isoliert — der Kühlschrank ist noch kein Labor — aber sie sind auch nicht nur Ausdruck oder Niederschlag einer „hinter“ ihnen liegenden sozialen Wirklichkeit.

Viel interessanter als die Konzentration auf die Artefakte ist aber das Verständnis von „Gesellschaft“, das hinter ihr steht. Latour begreift Gesellschaft als Vergesellschaftung von Heterogenem, als Menge der Aktivitäten die unterschiedliche Realitäten oder Realitätsebenen in Verbindung zueinander bringen. Die soziale Aktivität besteht darin, Netzwerke aus verschiedenartigen Akteuren zu erzeugen. Dabei wird jede der Komponenten eines solchen Netzwerks transformiert oder übersetzt. Latour und die anderen Vertreter der Actor Network Theory bezeichnen ihren Ansatz auch als „Soziologie der Übersetzung“.

Das soziologische Wissen ist dabei nicht in erster Linie Sache der Soziologen, die die Gesellschaft beobachten; es liegt zunächst bei den Akteuren selbst, bei denen, die Wissen über Vergesellschaftung verwenden oder entwickeln, um Gesellschaft — bescheidener gesagt: Netzwerke — zu erzeugen. (Hier schließt Latour an die Ethnomethodologie Harold Garfinkels an.) So ist jeder Wissenschaftler oder Techniker, der Artefakte entwickelt, auch ein — guter oder schlechter — Soziologe, denn er entwickelt Apparate oder Konzepte in einem sozialen Netzwerk und verwendet dabei sein Wissen über dieses Netzwerk.

Zurück zum Ausgangsmodell: Ausgehend von der ANT würde man das Soziale nicht als eine eigene „Schicht“ neben denen der Technik und der Praxis verstehen, und auch Technik und Praxis ließen sich nicht als relativ unabhängige „Schichten“ beschreiben. Die Formen der Online-PR oder des Online-Journalismus ließen sich als „Netzwerke“ beschreiben, die Komponenten unterschiedlicher Art zu einem Feld „vergesellschaften“ und dabei transformieren, zu diesem Feld gehört so etwas wie ein bestimmtes „soziales Wissen“. Ein erfolgreicher Blogger ließe sich dann auch als ein guter Soziologe verstehen, der dazu in der Lage ist, ein Netzwerk aufzubauen und zu organisieren.

Ich bin noch lange nicht weit genug in die ANT eingedrungen, um mit wirkliche Forschungsprojekte vorstellen zu können, bei denen man sie auf dem Gebiet der sozialen Medien verwendet. Aber sie erscheint vielversprechend. Jetzt hoffe ich auf ein paar ruhige Urlaubstage mit Zeit zu ausgedehnterer Lektüre.