Am Montag habe ich die Einleitung zu Sven Beckerts Geschichte des Kapitalismus (Beckert, 2025a) gelesen. Ich habe die englische Epub-Version gekauft; das Buch ist auch auf deutsch erschienen (Beckert, 2025b) und medial zu Recht gerade sehr präsent. Empfehlenswert zur Orientierung ist Thilo Jungs Gespräch mit Beckert bei „Jung und Naiv“ (Jung & Naiv, 2026).
Die Einleitung ist sehr lesbar geschrieben. Beckert gibt einen Überblick über sein Buch und stellt seinen Zugang zum Gegenstand „Kapitalismus“ dar.
Beckert versteht Kapitalismus als Prozess, nicht, wie er selbst es nennt, essentialistisch. Der Kapitalismus lässt sich als historisches Phänomen beschreiben, ohne dass man ihm Eigenschaften zuschreibt, die er aufgrund von immer geltenden Gesetzen (etwa des Marktes) hat. Das was den Kapitalismus auszeichnet – bei Beckert: der Prozess der Akkumulation des Kapitals, die Verwandlung von allem, auf was sich dieser Prozess bezieht, in Waren (Kommodifizierung), die wechselseitige Abhängigkeit von Kapitalismus und Staat und der globale Charakter – ist in der Geschichte von den Agierenden so produziert worden und historisch veränderbar.
Ich verstehe das so, dass der Kapitalismus nicht ein Exemplar eines Typus ist (also z.B. des Typus “Wirtschaftssysteme”) sondern ein Prozess, in dem die in ihm herrschenden Gesetzmäßigkeiten entstehen. Er ist immer in andere Prozesse eingebettet, auf die er sich nicht zurückführen lässt und die sich nicht auf ihn zurückführen lassen. Wenn ich es richtig sehe, dann ist Beckert mit seinem Ansatz sehr nahe an Karl Polanyi, den er oft zitiert. Das Verständnis des Kapitalismus als eines permanent sich selbst und seine Umwelt revolutionierenden Prozesses geht auf Joseph Schumpeter zurück, der in Harvard lehrte, wo auch Beckert unterrichtet. (Nicholas Georgescu-Roegen, der auch entscheidend von Schumpeter beeinflusst wurde, wird von Beckert wohl nicht erwähnt.)
Ganz zu Beginn seines Buchs bezeichnet Beckert den Kapitalismus auch als Hyperobject im Sinne Timothy Mortons. Mich erinnert sein historische Verständnis des Kapitalismus an Latours und Lentons Verständnis der Geschichte des Lebens als eines Prozesses, der seine eigenen Bedingungen hervorbrachte und hervorbringt (Lenton et al., 2020).
Dieses Kapitalismuskonzept hat – wie das Polanyis – Konsequenzen für eine antikapitalistische ökologische Politik – und zwar auch auf lokaler und regionaler Ebene. Ihr Ziel muss es sein, den Kapitalismus als Prozess zu begrenzen (weil er die planetaren Grenzen schon längst überschritten hat) und zu regulieren. Ihre Ausgangsbedingungen sollten nicht als „System“ beschrieben werden, das von „innen“ revolutioniert werden muss, sondern als miteinander koexistierende Prozesse, innerhalb derer Alternativen zum Kapitalismus entwickelt werden können – z.B. commons based peer production (Benkler, 2002) – und der Kapitalismus als Prozess unter Kontrolle gebracht werden muss.