Ich überlege immer wieder, wie ich die vielen Links und Notizen zur Klimakrise und ihren Ursachen, die ich in den letzten Jahren gesammelt habe und weiter sammele, sinnvoll miteinander verbinden kann. Manchmal schwebt mir ein Buch mit dem Titel Fossile Expansion vor. Ich denke an eine Ordnung der vielen Informationsquellen und an eine Interpretation der Informationen aus der Perspektive eines Lesenden, nicht an den – größenwahnsinnigen – Versuch einer Synthese.

Dabei versuche ich immer mehr, den Prozess der fossilen Expansion (oder die Prozesse, die sich so zusammenfassen lassen) räumlich, geografisch zu verstehen. Diese Prozesse haben eine extensive und eine intensive Seite, und sie verlaufen von der Extraktion bis zur Dissipation. Es werden zusätzliche Gebiete einbezogen – bei der Extraktion z.B. im Norden Mosambiks, siehe die Meldungen, auf die ich neulich verwiesen habe. Gleichzeitig oder parallel dazu werden Räume überall auf der Erde so verändert, dass mehr Energie, vor allem mehr fossile Energie gebraucht wird, z.B. für mehr Flugverkehr, mehr digitale Verbindungen und Kontrolle und mehr und andere urbane Strukturen. Man kann diesen Prozess als Intensivierung und Extensivierung der Akkumulation des Kapitals verstehen, aber man darf dabei nicht seine räumliche, materielle Seite und die Verzahnung seiner verschiedenen Aspekte abblenden: Flugverkehr, Digitalisierung und globale Hyperurbanisierung, hängen aufgrund der räumlichen, geografischen Bedingungen, unter denen sie sich vollziehen, miteinander zusammen. Die Akkumulation ist auf die Extraktion von Ressourcen, ihren Verbrauch (an oft ganz anderen Orten) und die ebenfalls räumlich situierte Kontrolle angewiesen.

Als Metapher, aber vielleicht nicht nur als Metapher, eignet sich Henri Lefebvres Formulierung Produktion des Raumes (production de l’espace, 1974) meiner Ansicht nach sehr gut, um diese Prozesse – letztlich: diesen globalisierten Prozess – zu erfassen. In ihrer Räumlichkeit hängen diese Prozesse miteinander zusammen. Jede räumliche Veränderung kann mit räumlichen Veränderungen an anderen Orten verbunden sein – die Erschließung der Gaslager in Mosambik z.B. mit den geopolitischen Veränderungen in der Folge des Ukraine-Kriegs. Der ökologisch-ungleiche Austausch (Hornborg & Martinez-Alier, 2016) (ein Teilprozess: Mosambik liefert Gas, das zu einem großen Teil in Europa konsumiert wird, und wird besonders unter den dort erzeugten Emissionen leiden) ist ein räumliches Phänomen. Es sind die räumlichen Strukturen der miteinander verbundenen großen Städte, die den Verbrauch von Öl und Gas (und immer mehr auch von Lithium, Kupfer und anderen für die Energieproduktion nötigen Metallen) antreiben. Die ungleiche Verteilung der Mineralien, die für die urbanen Zivilisationen gebraucht werden, ist ein räumliches Phänomen mit Folgen, bei denen Geopolitik und Machtpolitik nicht voneinander getrennt werden können (Thompson, 2025).

Auch die Verbindungen zwischen lokalen, regionalen und globalen Prozessen (alles räumliche Phänomen) haben einen räumlichen Charakter. Graz und die Steiermark z.B. sind in Konsum und Produktion (vor allem bei der Energie) von anderen Räumen abhängig; diese Abhängigkeiten spielen bei jeder für die Emissionen relevanten Entscheidung (z.B. zum Grazer Flughafen) eine Rolle. Sehr vereinfacht gesagt: die Produktion von Räumen, die den Verbrauch fossiler Energien steigern (vom Wohnungsbau mit seinem Betonverbrauch über die logistischen Strukturen zur Versorgung der Bevölkerung bis zum Tourismus) wird vorangetrieben, nicht nur aufgrund einer abstrakten wirtschaftlichen Logik sondern aufgrund der räumlichen Bedingungen, die z.B. den Autoverkehr in den suburbanen Zonen steigern.

Das Ende der fossilen Expansion ist deshalb, so kommt es mir vor, an andere Arten der „Produktion des Raumes“ und damit der Kontrolle von Räumen gebunden, nicht nur an eine Serie einzelner Veränderungen bei Konsum und Produktion. Bioregionalismus oder Ökoterritorialismus (Magnaghi, 2023) scheinen mir dabei am plausibelsten – wenn sie die geopolitischen Implikationen der fossilen Räume, in denen wir leben, ernst nehmen.

Mir ist bewusst, dass ich hier sehr unterschiedliche Ansätze zum Verstehen der ökologischen Situation kombiniere – von einem Marxismus nach dem spatial turn über die ökologische Ökonomik bis zu den geopolitischen Analysen Helen Thompsons. Ich bemühe mich, diese Überlegungen konsistenter zu machen und Wege zu finden, sie mit der Analyse von einzelnen, räumlichen Prozessen zu verbinden. Damit bin ich noch ganz am Anfang.

Hornborg, A., & Martinez-Alier, J. (2016). Ecologically unequal exchange and ecological debt. Journal of Political Ecology, 23(1). https://doi.org/10.2458/v23i1.20220
Lefebvre, H. (1974). La production de l’espace. Éditions Anthropos.
Magnaghi, A. (with Marzocca, O.). (2023). Ecoterritorialismo (1st ed). Firenze University Press.
Thompson, H. (2025, April 9). The Moral Economy of Resource Extraction and the Future of Industrialization [Berkeley Graduate Lectures; YouTube Video]. https://gradlectures.berkeley.edu/lecture/the-moral-economy-of-resource-extraction-and-the-future-of-industrialization/
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