Als gründliche empirische Studie zu den Möglichkeiten einer Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Treibhausgasemissionen kenne ich bisher nur die Arbeit der Gruppe um Dominik Wiedenhofer und Helmut Haberl (2020, 2020). Spanische Forschende um Juan Infante Amate haben sich jetzt als Historiker ausführlich mit dem Zusammenhang von Emissionen und Wirtschaftswachstum seit den ersten Jahrzehnten der Industrialisierung beschäftigt. Ihre Arbeit zeigt, wie unrealistisch die Annahme ist, dass sich die Begrenzung der globalen Erhitzung und weiteres Wirtschaftswachstum vereinbaren lassen.

Ich bin durch einen Hinweis bei Semantic Scholar auf das Paper The history of a + 3 ◦C future: Global and regional drivers of greenhouse gas emissions (1820–2050) (Infante-Amate et al., 2025b) gestoßen, das mich zuerst vor allem als ein Text zur Geschichte des Klimanotstands interessiert hat. Es handelt sich um einen umfassenden Überblick zum Wachstum der Treibhausgasemissionen seit 1820 einschließlich möglicher Entwicklungen bis 2050.

Die Emissionen werden in eine Beziehung zu Wirtschaftswachstum, Bevölkerungswachstum und technischen Fortschritten bei der Energieeffizienz und der Reduktion der Emissionen gesetzt. Unter anderem ergibt sich dabei, dass dass das von der OECD 2023 erwartete Wirtschaftswachstum bis 2050 (nahezu eine Verdoppelung des GDP, jährliche Wachstumsrate von 2,6%) mit einer Begrenzung der globalen Erhitzung auf 2° nur vereinbar wäre, wenn sich die Entwicklung der Wirtschaft bis dahin grundlegend von den letzten 200 Jahren unterscheiden würde: Das Tempo der Dekarbonisierung müsste dreimal höher sein als in den Phasen der Vergangenheit mit der schnellsten Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Reduktion des Treibhausgasausstoßes.

Die Autoren fassen dieses Ergebnis in der Einleitung so zusammen:

Meeting climate targets now requires the carbon intensity of GDP to decline 3 times faster than the global best 30-year historical rate (–2.25 % per year), which has not improved over the past five decades. Failing such an unprecedented technological change or a substantial contraction of the global economy, by 2050 global mean surface temperatures will rise more than 3 °C above pre-industrial levels.

Die folgende Grafik zeigt, wie die Treibhausgasemissionen seit 1820 gestiegen sind, und welche Rolle dafür die Faktoren Wirtschaftswachstum, Bevölkerungswachstum, Energieintensität und Energie-Mix gespielt haben.

Trends der Treibhausgasemissionen und ihrer sozioökonomischen Treiber (1800 = 1). Abb. 3 der hier behandelten Studie.

Die Veränderungen im Energiesektor haben also eine große Rolle dafür gespielt, dass die Emissionen trotz eines enormen Bevölkerungswachstums weniger stark gewachsen sind als die Wirtschaft insgesamt. Aber die Korrelation von Wirtschaftswachstum und Treibhausgasemissionen ist so eng, dass es unrealistisch ist anzunehmen, dass weiteres Wachstum und Dekarbonisierung miteinander zu vereinbaren sind.

Ich fasse die Ergebnisse dieser Arbeit damit nur teilweise und sehr grob zusammen. Die Autoren haben versucht, die Emissionen in allen Regionen der Welt zu erfassen und dabei alle relevanten Quellen zu berücksichtigen. Daraus ergibt sich u.a., dass erst seit 1969 die fossilen Energien für mehr Treibhausgase verantwortlich sind als die veränderte Landnutzung, also vor allem Entwaldung und Übergang zur Intensivlandwirtschaft. Angesichts der Fülle der Daten und der sehr unterschiedlichen Datenquellen ist die Unsicherheit oft groß – darauf gehen die Autoren ausführlich ein.

So weit ich weiß, handelt es sich hier um den ersten Versuch, Datenquellen zu den historischen Emissionen mit dieser Tiefe (bis 1820) und dieser Breite (alle Treibhausgase, sämtliche Regionen der Erde) auszuwerten. Damit besteht eine Basis für viele Diskussionen – nicht nur zur Möglichkeit des Entkoppelns von Wirtschaftswachstum und Emissionen, sondern u.a. auch zu den „ökologischen Schulden“ der Industrieländer, die auch für einen großen Teil der Entwaldung im globalen Süden verantwortlich sind. Die Autoren verwenden ihre Datenbasis in einer anderen Studie (Infante-Amate et al., 2025a) zu einer ausführlichen Diskussion des Konzepts des „grünen Wachstums“.

Haberl, H., Wiedenhofer, D., Virág, D., Kalt, G., Plank, B., Brockway, P., Fishman, T., Hausknost, D., Krausmann, F., Leon-Gruchalski, B., Mayer, A., Pichler, M., Schaffartzik, A., Sousa, T., Streeck, J., & Creutzig, F. (2020). A systematic review of the evidence on decoupling of GDP, resource use and GHG emissions, part II: synthesizing the insights. Environmental Research Letters, 15(6), 065003. https://doi.org/10.1088/1748-9326/ab842a
Infante-Amate, J., Travieso, E., & Aguilera, E. (2025a). Green growth in the mirror of history. Nature Communications, 16(1), 3766. https://doi.org/10.1038/s41467-025-58777-4
Infante-Amate, J., Travieso, E., & Aguilera, E. (2025b). The history of a + 3 °C future: Global and regional drivers of greenhouse gas emissions (1820–2050). Global Environmental Change, 92, 103009. https://doi.org/10.1016/j.gloenvcha.2025.103009
Wiedenhofer, D., Virág, D., Kalt, G., Plank, B., Streeck, J., Pichler, M., Mayer, A., Krausmann, F., Brockway, P., Schaffartzik, A., Fishman, T., Hausknost, D., Leon-Gruchalski, B., Sousa, T., Creutzig, F., & Haberl, H. (2020). A systematic review of the evidence on decoupling of GDP, resource use and GHG emissions, part I: bibliometric and conceptual mapping. Environmental Research Letters, 15(6), 063002. https://doi.org/10.1088/1748-9326/ab8429
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