Über die sociocybernetics-Liste bin ich auf einen kurzen Bericht über eine der wohl seltenen persönlichen Begegnungen von Bruno Latour und Niklas Luhmann gestoßen.

In einem Artikel von 1996 über die Bielefelder Konferenz Signaturen der Wissensgesellschaft schildert Gerald Wagner den Auftritt Luhmanns auf der Konferenz und eine anschließende kurze Konfrontation zwischen Luhmann und Latour. Ein Dialog zwischen den beiden Positionen war offensichtlich nicht möglich, und mir stellt sich die Frage, ob ihn die unterschiedlichen Ansätze nicht überhaupt ausschließen.

Luhmann sollte aus seiner Perspektive über die home base Latours sprechen, die Science and Technology Studies (STS). Dieses Thema verfehlte er radikal:

Luhmanns Vortrag war ein Musterbeispiel an Klarheit und Differenziertheit seiner Begriffe und theoretischen Ansprüche —seinem Thema aber, nämlich „Social Studies of Science and the Theory ef Society“, wurde Luhmann nicht gerecht. Wer erwartet hatte, Luhmann würde über die Disziplin selbst, also die Science Studies sprechen, wurde enttäuscht. Auch auf des Thema der Konferenz—Wissenschaft und ihre soziologische Beobachtung—ging er nur in einem einzigen Halbsatz ein, worin er lapidar feststellte, Wissenschaft sei ein autopoietisches Subsystem der modernen Gesellschaft.

Interessant ist, dass Luhmann schon 1996 den Anwesenden als Repräsentant einer vergangenen Phase der Soziologie erschien—so lese ich jedenfalls den Bericht. Luhmanns Nichtbehandlung der STS erschien

… den Anwesenden wenig entgegenkommend, eher höflich distanziert und in einer Weise klassisch, die man mit weniger Sympathie auch als gestrig hätte charakterisieren können. Das Publikum lauschte geduldig Luhmanns Ausführungen zur operationalen Geschlossenheit sozialer Systeme und schien doch nur auf die Attacke Latours zu warten, die dann auch prompt kam.

Latour kritisierte nicht die Theorie Luhmanns, sondern deren Anspruch—eigentlich wohl den Anspruch, es könne überhaupt so etwas wie eine Theorie der Gesellschaft geben:

Nein, so Latour, diese Theorie hätte ihm eigentlich nichts zu bieten und, so sein Fazit, auch diesem hier versammelten Fach nicht. Ein Blick in das Kongreßprogramm sollte doch genügen, um festzustellen, daß die empirieversessenen STSler ihre Gegenstände in dieser Theorie nicht wiederfinden könnten. Das mag von der hohen Warte der Theorie der Gesellschaft aus als schlechte, weil theoretisch „flach“ bleibende Soziologie bedauert werden, doch, so Latours Replik, diese empirische Zoologie der STS schildere diese Gesellschaft wie sie ist, und nicht wie sie aus der Distanz der eisigen Höhen der Systemtheorie erscheinen mag. Im Grunde machte Latour deutlich, daß die Systemtheorie für all das steht, was er und seine Kollegen in den Science Studies seit 20 Jahren bekämpften—ja, wirklich bekämpften, und nicht nur in Frage stellten. Die Purifizierung der Wissenschaft, die Bereinigung des Sozialen durch die Grenzziehung zu seiner Umwelt, Luhmanns Werk als Epitom des „cognitive turns“ der Epistemologie—für Latour waren das die alten Reizwörter, die des Besondere der Wissenschaft gerade verfehlen mußten, nämlich ihre Materialität. Und damit natürlich auch das Spezifische der modernen Gesellschaft, die großen technischen Netze.

Die Auseinandersetzung wurde danach noch schärfer. Luhmann bestand auf der Differenzierung der Gesellschaft in Subsysteme, sie mache es überhaupt erst möglich, aus einem System heraus andere zu thematisieren. Latour griff die Diffenzierungsthese frontal an:

Ein ziemlich erregter Bruno Latour hingegen wurde nicht müde, in der Differenzierungstheorie das eigentliche Übel der Systemtheorie auszuprangern. Verbinden, vernetzen, verknoten, einschließen, einbürgern, all das wollten er und seine Kollegen tun, um endlich die Dinge wieder in das Kollektiv aufzunehmen, wo sie sich ja auch immer mit uns zusammen aufgehalten haben …

Wagner beschreibt die Diskussion wie eine Romanszene, um sie dann klug zu kommentieren. Das Event endete damit, dass Latour bei seinem Abgang das Mikrofonkabel aus der Halterung riss, und der Moderator, Lost Leydesdorff (auch der Moderator der sociocybernetics-Liste), die Veranstaltung schloss. Wagner spricht von einem Clash of Cultures und merkt an, dass solche Konfrontationen selten das Niveau schriftlicher Auseinandersetzungen erreichen.

Ich bin immer noch dabei Latour zu lesen, und ich traue mir nicht zu, Aussagen über die Soziologie Luhmanns zu machen. Latours erregte Reaktion bestätigt mir aber den Eindruck, den ich immer hatte, wenn ich versucht habe, mit Luhmanns Ansätzen konkrete Phänomene der Webkommunikation zu analysieren: Es ist schwer, vielleicht unmöglich, eine Brücke zwischen diesen Konzepten und der Empirie, jedenfalls der Empirie technisch vermittelter Kommunikation zu schlagen. Bei Latour finden sich dagegen viele Modelle dafür, die Praktiken von Akteuren im und mit dem Netz zu beschreiben. Rechtfertigen lässt sich ein solches Vorgehen vielleicht nicht theoretisch, wohl aber durch die Fruchtbarkeit der Beschreibungen und Analysen, die sich aus ihm ergeben.

Wagner, Gerald (1996). Signaturen der Wissensgesellschaften – ein Konferenzbericht. Soziale Welt, 47(1), 480-484.

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  • alper

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