Für die Informatikstudenten der TU Graz organisiert Martin Ebner die Ringvorlesung Gesellschaftliche Aspekte der Informationstechnologie. Er hat mich auch dieses Jahr wieder eingeladen. Am Mittwoch habe ich, wie vor einem Jahr, über Echtzeitjournalismus gesprochen (Prezi dazu hier).

Ich bin bei diesem Thema diesmal etwas weiter gekommen als im Vorjahr. 2012 habe ich mich vor allem mit Technologien beschäftigt, die von Journalisten verwendet werden können. Diese Technologien werden oft unter dem Begriff

Echtzeitweb zusammengefasst. In diesem Jahr habe ich auch über die journalistische Praxis im Echtzeitweb gesprochen. Als Vorbild oder Rollenmodell dafür habe ich Andy Carvin vorgestellt. Als analytisches Konzept für diese Form des journalistischen oder postjournalistischen Arbeitens habe ich Karin Knorr Cetinas Begriff der synthetic situation vorgeschlagen.

Karin Knorr Cetina und Andy Carvin kenne ich bisher nur oberflächlich. Sie repräsentieren für mich Möglichkeiten, an das Thema Echtzeitjournalismus heranzugehen. Diese Möglichkeiten möchte ich weiter ausloten. (Ich merke, dass ich immer wieder auf das Thema der Newsfeeds zurückkomme.)

Das Echtzeitweb lässt nicht nur den zeitlichen Abstand zwischen Bericht und Berichtetem einerseits und Abfassung und Aufnahme des Berichts andererseits gegen Null gehen. Im Echtzeitweb verändert sich die Qualität der Situationen, in denen berichtet wird und in denen der Bericht aufgenommen wird. Die Bedeutung der Gleichzeitigkeit nimmt zu, die der räumlichen Nähe ab. Das Echtzeitweb macht mich zum potenziellen Zeugen dessen, was gleichzeitig stattfindet, nicht nur dessen, was in meiner Nähe geschieht.

Ich verstehe Karin Knorr Cetinas Konzept der synthetic situation nicht nur als Ausdruck dafür, dass technologische Komponenten Bestandteile von Situationen sind, dass also z.B. Daten in ein Onlinevideo-Gespräch eingeblendet werden oder dass ich in meinem Mobiltelefon das Facebook-Profil einer Person anschaue, mit der ich gerade spreche. synthetic erfasst, dass eine Situation technisch produziert wird, dass im Raum des Gleichzeitigen mit technischen Mitteln eine Situation hergestellt wird, für deren Abgrenzung die räumliche Nähe irrelevant sein kann.

Die Aufgabe einer Journalistin oder eines Journalisten besteht im Echtzeitweb nicht darin, über etwas zu berichten, das in solchen synthetischen Situationen geschieht. Journalisten haben zu diesen Situationen ja keinen exklusiven Zugang. Journalisten können aber die Aufgabe des sensemaking übernehmem und diese Situationen transparent machen, sowohl für direkt Beteiligte wie für mittelbar Beteiligte oder, wenn es das unter diesen Bedingungen wirklich geben kann, für Unbeteiligte. Mit sensemaking meine ich nicht, rohen Fakten einen Sinn zu geben, sondern Fakten überhaupt erst zu etablieren; dazu gehört investigative Arbeit.

Andy Carvin, der für das National Public Radio mit Twitter arbeitet und sich in den letzten Jahren intensiv mit den arabischen Ländern beschäftigt hat, ist ein herausragendes Beispiel für diese Form des sensemaking. Er schreibt keine Berichte, erzählt keine Geschichten. Er findet, prüft, sortiert und kuratiert Quellen. Er tauscht sich auf Twitter mit den Akteuren und mit Fachleuten aus. Er ermöglicht es seinen Followern, an den Ereignissen im arabischen Raum teilzunehmen. Die Aktivisten in den arabischen Ländern selbst haben sich auf ihn verlassen. Analytiker und Wissenschaftler wie Sultan Al-Qassemi und Marc Lynch greifen auf den von ihm kuratierten Twitter-Stream zurück. Dies alles, obwohl Carvin nicht einmal Arabisch spricht.

Carvin hat seine Arbeit immer wieder selbst beschrieben, zuletzt ausführlich in dem Buch Distant Witness, dessen Titel zusammenfasst, was Echtzeitjournalismus heute heißen kann.

In der Vorlesung bin ich ausführlich darauf eingegangen, wie sich das Echtzeitweb als Voraussetzung des Echtzeitjournalismus heute entwickelt hat und wie sich dieser Echtzeitjournalismus von den Live-Übertragungen in der Zeit vor dem Web unterscheidet.

Das Web ist als universales Hypermedium entwickelt worden. Die Multimedialität des Web und die Möglichkeit, Informationen für die interaktive Nutzung miteinander zu verbinden, sind bald journalistisch genutzt worden. Der Echtzeitcharakter ist eine Dimension des Webs, die erst später realisiert wurde, und die erst langsam in die journalistische Praxis Eingang fand. Twitter hat hier eine Vorreiterrolle.

Andy Carvin ist ein Protagonist des Echtzeitjournalismus, weil er nicht traditionelle journalistische Formen weiterentwickelt und mit Echtzeitelementen anreichert, sondern mit diesen Formen, mit der Story und dem Artikel, radikal bricht. Die Art und Weise, in der er Twitter verwendet, erinnert mich an die Avantgarde in der Kunst und der Musik des frühen 20. Jahrhunderts. Er zeigt, dass Journalismus ohne Story und ohne herkömmliche Artikelformate möglich ist, so wie die Avantgardekünstler damals gezeigt haben, dass Malerei ohne Gegenstände und Musik ohne Tonalität möglich ist. Der Mut, sich so konsequent auf neue Formate einzulassen, fehlt leider noch immer in den meisten Redaktionen.

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