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Gegen welches System kämpft die Klimabewegung?

Ich versuche einen Gedanken zu formulieren, der so wahrscheinlich noch sehr naiv und pauschal ausgedrückt ist. Ich weiss, dasss er eigentlich eine ausführliche theoretische Auseinandersetzung erfordern würde. Hier geht es mir nur um eine Vorformulierung.

Knapp ausgedrückt, geht es um das Systemverständnis, das vielen, vor allem linken Argumentationen zugrundeliegt und das ich ungefähr so formulieren würde: Es reicht nicht, Symptome zu kurieren und sich gegen einzelne, besonders empörende Misstände zu wehren—man muss das dahinter liegende System angreifen, und dieses System ist der Kapitalismus. Ich weiss nicht, wieviele seriöse Wissenschaftler und Theoretiker eine solche Argumentation noch teilen. In der öffentlichen Debatte kommt sie nicht selten vor, etwa bei Jutta Ditfurths Warnung vor Extinction Rebellion, die ich schon zweimal verlinkt habe. Dieser Hinweis auf ein System hinter den gesellschaftlichen Erscheinungen ist übrigens symmetrisch zum Hinweis auf den Markt als den eigentlich besten Mechanismus zur Steuerung der Wirtschaft und der Gesellschaft insgesamt.

Diese Argumentation ist mit einem—wie ich finde—pseudowissenschaftlichen Verständnis sozialer Phänomene verbunden, nämlich der Annahmen von Gesetzen, durch deren Erkenntnis sich die sozialen Erscheinungen begreifen ließen. Diese Gesetze haben denselben Charakter wie naturwissenschaftliche Gesetze. Sie gelten aber in einem anderen Gegenstandsbereich, nämlich dem der Gesellschaft oder Wirtschaft. Wer diese Gesetze kennt, kann adäquat handeln, etwa durch den Kampf gegen den Kapitalismus statt etwa nur gegen den Klimanotstand oder durch das Durchsetzen marktwirtschaftlicher Prinzipien.

Das kapitalistische System, wenn man es so nennen will, ist aber nicht eine idealtypische Funktionsweise eines sozialen Ganzen, die sich hinter den Erscheinungen der Oberfläche durchsetzt und die man kennen muss, um sie zu bekämpfen und durch eine andere idealtypische Funktionsweise zu ersetzen. Wenn es ein System ist, dann eher ein System wie das Erdsystem in der Erdsystemwissenschaft. Es ist ein System, weil es hochkomplex ist, weil in ihm unterschiedliche Akteure zusammenwirken und weil es eine Geschichte hat. Im Erdsystem, wenn ich es richtig verstehe, hat z.B. der Golfstrom eine ganz spezifische Rolle aufgrund einer besonderen geografischen Situation. Wären die Kontinente anders auf der Erdoberfläche verteilt, gäbe es ihn nicht und das Erdsystem unterschiede sich deutlich von dem, das wir kennen. Genauso hat in unserem Wirtschaftssystem die Öl-, Gas- und Kohleindustrie eine spezifische Rolle, die es nicht gäbe, wenn die natürlichen Bedingungen anders wären und wenn es sich nicht historisch so entwickelt hätte, wie sie sich entwickelt hat. Gegen diese Industrie vorzugehen—m.E. ein zentrales Element des Kampfes gegen den Klimanotstand—lässt sich nicht darauf reduzieren, gegen den Kapitalismus als solchen zu kämpfen. Es handelt sich um einen Kampf gegen konkrete Akteure, die mit anderen, etwa in der Politik, in den Medien und in der Finanzwirtschaft, verbunden sind, die sich aber nicht auf die Rolle des Kapitals in einer abstrakt verstandenen kapitalistischen Wirtschaft reduzieren lässt.

Die abstrakte antikapitalistische Ideologie, die sich auf der Linken bis heute hält (und Gegenstück der neoliberalen Ideologie des Marktes ist), erschwert es dabei nicht nur, konkrete Akteure zu identifizieren, sie macht es auch unmöglich zu erkennen, dass die Handlungsmöglichkeiten dieser Akteure von vielen nichtmenschlichen Komponenten wie natürlichen Gegebenheiten, Technologien und Infrastruktur mitbestimmt werden. Im Grunde ignoriert sie die Besonderheiten dieser Verhältnisse und reduziert sie auf ein sich permanent wiederholendes Schema. Eine bestimmte linke Kritik, die die Digitalisierung nur als ein Epiphänomen des Kapitalismus versteht, verfährt nach einem ähnlichen Schema und ist auch ähnlich lähmend für das Handeln gegen konkrete Akteure.

Für die Klimabewegung ist dieser abstrakte Antikapitalismus eine Falle, so wie er es vielleicht schon für die 68er-Bewegung war. Wenn sie sich an einem Systembegriff orientiert, dann sollte sie ihn den heute aktuellen Wissenschaften entnehmen und nicht dem Materialismus des 19. Jahrhunderts.

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