Seit Dienstagnacht habe ich täglich stundenlang die Berichte über die Wahlen in den USA verfolgt. Ich denke daneben weiter über die Beziehungen zwischen Journalismus und Wissenschaft nach. Beides hängt für mich zusammen. Was in den letzten Jahren in den USA passiert ist, gehört für mich zu der epistemic crisis (Benkler, Faris, and Roberts 2018), die es nötig macht, darüber zu reflektieren, worin der Wahrheitsanspruch von Tätigkeiten wie Journalismus und Content-Strategie besteht.

Ich habe neulich in einem Post zu Christian Drosten geschrieben, dass Journalismus zu wissenschaftlichen Themen der Wissenschaft nach- oder untergeordnet sein muss. Daraus ergeben sich für mich einige weitere Fragen/Überlegungen. Eine davon: Bedeutet diese Abhängigkeit von der Wissenschaft, dass der Journalismus keinen eigenen Anspruch auf Wahrheit hat, dass letztlich wissenschaftlich über die Wahrheit und damit auch über die Qualität journalistischer Aussagen entschieden werden muss? Oder, anders formuliert: Wenn es in der Wissenschaft im strengen Sinn keine Meinung gibt—sind Journalistinnen und Journalisten dann entweder auf die wissenschaftliche Community angewiesen oder aber darauf angewiesen, Meinungen zu publizieren, die aus der übergeordneten wissenschaftlichen Sicht irrelevant sind?

Die nachgeordnete Stellung des Journalismus im Verhältnis zur Wissenschaft bedeutet nicht, dass man der Wissenschaft eine privilegierte Position zuschreibt. Man muss zur Begründung dieser These nur annehmen, dass Wissenschaft eine kollektive Praxis ist, bei der Fachleute die Validität von Aussagen so streng wie möglich prüfen und Mechanismen zur Qualitätskontrolle ihrer eigenen Tätigkeit verwenden. Es gibt keine Überwissenschaft und auch keine metawissenschaftliche Community, die wiederum die Wissenschaftlichkeit der Wissenschaft begründen könnte. Genau das muss man der manipulativen Argumentation von Denialists entgegenhalten, in Bezug auf das Klima und jetzt bei Corona. Sie verlangen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, noch einmal zu begründen, warum man wissenschaftliche Aussagen als solche ernster nehmen soll als andere Meinungen. Der Zweifel an den wissenschaftlichen Aussagen ist aber bereits in der Wissenschaft eingepreist, und darüber hinaus lässt sich nicht sinnvoll zweifeln.

In dem Interview mit Christian Drosten (Stollorz 2020) finde ich auch Hinweise darauf, worin die besonderen Kompetenzen des Journalismus liegen. Drosten fordert von Journalistinnen und Journalismus, die Validität von Quellen zu beurteilen. Das Bewerten von Quellen gehört zum Werkzeug der Geschichtsschreibung. Mich erinnert das an eine Formulierung von Mercedes Bunz: Journalisten sind Historiker, die sich mit der Gegenwart beschäftigen (ich bin noch auf der Suche nach einem Beleg). Im Unterschied zu wissenschaftlichen Communities wie denen der Virologie oder der Erdsystemwissenschaft lässt sich der Journalismus der Geschichtsschreibung zuordnen. Die Arten, die Wahrheit zu sagen, die modes de véridiction (Foucault 1984) des Journalismus sind mit denen der Geschichtsschreibung eng verwandt oder sogar mit ihnen identisch.

So wie Wissenschaft eine Praxis oder eine Gruppe von Praktiken ist, so sind auch Journalismus und die Verwendungen von Journalismus Praktiken. Journalistische Arbeit ist keine Über- oder Unterwissenschaft. Für mich gehorcht sie denselben Prinzipien und Qualitätskriterien wie die Geschichtsschreibung. Es geht um Quellenkritik, Anordnung von Informationen, Darstellung von zeitlichen Zusammenhängen. Wenn man Journalismus so versteht, dann gibt es auch in ihm keine Meinungen. Es gibt unterschiedliche, möglicherweise sogar extrem unterschiedliche Auffassungen darüber, was relevant ist. Aber ob eine historische Darstellung zutrifft oder nicht zutrifft, hängt von diesen Einschätzungen nicht ab.

Wer sich journalistisch mit den großen ökologischen Krisen oder mit der Covid-19-Pandemie beschäftigt, schreibt Gegenwartsgeschichte. Wissenschaft ist Gegenstand dieser Geschichte, und Wissenschaft kann auch helfen, diese Geschichte zu verstehen, also zum Beispiel die Ursachen von Veränderungen des Klimas adäquat zu beschreiben.

Nachweise

Benkler, Yochai, Robert Faris, and Hal Roberts. 2018. “Epistemic Crisis.” In Network Propaganda: Manipulation, Disinformation, and Radicalization in American Politics. Vol. 1. Oxford University Press. https://doi.org/10.1093/oso/9780190923624.003.0001.
Foucault, Michel. 1984. Le Courage de la Vérité (part.2). Paris. https://soundcloud.com/manufacture-de-lombre/michel-foucault-le-courage-de-la-verite-part2.
Stollorz, Volker, dir. 2020. Im Gespräch Mit Prof. Dr. Christian Drosten. Berlin. https://www.youtube.com/watch?v=B_DTWtwhlBA.

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