Gutenberg? Markdown? – Ich muss neu über das Schreiben für das Web nachdenken

Am Wochenende habe ich es endlich geschafft, mein Blog wieder auf WordPress umzustellen. Ich tue das hauptsächlich, weil ich IndieWeb-Technologien ausprobieren will, die ich mit Ghost nicht verwenden kann. Außerdem bietet WordPress viele Möglichkeiten, z.B. für die Suchmaschinenoptimierung, die es bei Ghost so nicht gibt oder die ich mit meinem technischen Wissen jedenfalls nicht ausnutzen kann.
Am Samstagabend habe ich mir dann ein provisorisches Thema gesucht. Dabei bin ich auf Gutenberg gestoßen, die neue Authoring-Engine, die ein zentraler Bestandteil von WordPress 5 werden soll, und deren Entwicklungsversion man jetzt schon als Plugin installieren kann. Gutenberg ist nicht mehr auf Blogposts, Pages oder andere fixierte Content-Formate ausgerichtet, sondern auf Blöcke, die in einem Post oder einer Publikation aufeinander folgen. So wie ich es verstehe (viel habe ich mich noch nicht damit beschäftigt), kann man bei jedem Fragment, das man schreibt, entscheiden, um welche Art von Block es sich handelt. Textabschnitte oder Überschriften sind die nächstliegenden Beispiele für Blöcke, aber z.B. auch Bilder mit Bildunterschriften, Videos oder eingebettete Tweets sind Blöcke. Es ist möglich, eigene Typen von Blöcken zu definieren.
Ich habe nur kurz und eher erfolglos mit Gutenberg herumgespielt. Ich habe mir das Blog von Matt Mullenweg—dem Gründer von WordPress—angesehen: Ich habe den Eindruck, dass es ganz gut zeigt, in welche Richtung es bei WordPress geht: Unterschiedliche Arten von Posts oder Fragmente folgen aufeinander, mal mit Überschrift, mal ohne, und visuell verschieden gestaltet. Man legt also nicht einmal ein Format und ein Design für eine große Zahl ähnlicher Texte fest, sondern kann die einzelnen Abschnitte frei gestalten. Wie weit die Entwicklung inzwischen ist, und welche Motive dahinter stehen, habe Mullenwegs State of the Word-Präsentation vom Dezember entnommen.
https://youtu.be/XOY3ZUO6P0k
Wordpress orientiert sich an seiner Community, und in der werden Page Builder-Funktionalitäten offenbar so intensiv genutzt bzw. durch unterschiedliche Themen und Plugins realisiert, dass WordPress sie jetzt in seinen Core aufnimmt. Damit verändert sich aber das Paradigma des Authoring: Weg von der Orientierung an gleichartigen Seiten, hin zu einem Flow unterschiedlicher Inhalte.
Ich schreibe meine Texte seit Jahren in Markdown und lege das auch unseren Studierenden nahe. Ich verwende also überhaupt keinen grafischen Editor und predige die Trennung von Inhalt und Präsentation, konkret von sauberem, einfachem HTML und Stylesheets, die man beliebig wechseln und weiterentwickeln kann. Als ich Gutenberg entdeckt habe, war meine erste Reaktion: Das wird furchtbar, uns es kommt etwas heraus, wie ein riesiges zweites Myspace mit lauter individuell gestalteten scheusslichen Seiten. Ich habe als erstes nachgesehen, wie es mit Markdown bei Gutenberg aussieht und festgestellt, dass man Markdown nur innerhalb der einzelnen Blöcke verwenden kann, und dass es für das Projekt keine große Rolle spielt. Gutenberg und Markdown folgen wohl sehr unterschiedlichen Philosophien des Authoring.
Andererseits frage ich mich jetzt aber, ob ich mich mit meinem asketischen Verständnis des Schreibens nicht in eine falsche Richtung bewegt habe oder das Schreiben von HTML sehr verkürzt verstanden habe. Die Gestaltungsmöglichkeiten, die Gutenberg— oder eigentlich modernes HTML5—bietet, gehören auch zum Inhalt, sie lassen sich nicht auf Präsentationsformen reduzieren. Und Markdown dient in seiner ursprünglichen Definition durch John Gruber genau dazu, kleine Textbruchstücke zu erstellen, nicht als ein Ersatz für alles, was man mit HTML machen kann. Gutenberg wird es leichter machen, Seiten mit seinem persönlichen Geschmack zu verunstalten, aber es ermöglicht sicher auch eine sehr sorgfältige Gestaltung aller Elemente eines Textes. Und die Orientierung an einem Textflow entspricht dem Web mehr als die an identischen einzelnen Seiten.
Ich bin noch nicht weiter. Ich bin auf ein neues Thema gestoßen, und dieses Thema ist auch für meine Lehre wichtig. Möglicherweise muss ich viel revidieren.
Noch eine Bemerkung: WordPress insgesamt und auch Mullenwegs Blog und seine Auftritte stehen für ein nichttechnokratisches Verständnis des Schreibens und Publizierens. Das ist mir sehr sympathisch. Man spürt den Geist des offenen Web, zu dem Unfertigkeit und Unperfektheit gehören.Ich fühle mich damit wohler als mit den monolithischen Konzern-Plattformen, die das Web scheinbar einfacher aber in Wirklichkeit vor allem monoton und fremdbestimmt machen.

2 Kommentare zu „Gutenberg? Markdown? – Ich muss neu über das Schreiben für das Web nachdenken

  1. Hallo Heinz, spannender Ansatz. Wir sind auch gerade dabei, unsere Website neu zu gestalten. Und bei der Suche nach einem Theme bzw nach dem Look and Feel der neuen Seite bin ich auch bei einer Art „Block“-Design hängen geblieben. Gestoßen bin ich auf eine Vielzahl von visuellen Page-Builder, die alle in Blöcken denken. Ähnlich wir Gutenberg das auch machen will.
    Ich werde sicherlich ein stabiles Framework als Basis nehmen und dann mittels Page-Builder die Inhalte auf der Website „bauen“. Super wäre natürlich, wenn ich die Blöcke zentral definieren könnte, damit ich beim Erstellen der einzelnen Seiten darauf einfacher zugreifen kann.
    Ich bin noch auf der Suche und habe die endgültige Lösung noch nicht gefunden. Gutenberg macht in den Rezensionen keinen guten Schnitt. Da würde ich erst noch die Finger von lassen, zumindest auf einer produktiven Site…
    Liebe Grüße
    Achim

    1. Hallo Achim, danke für den Kommentar! Ich glaube, Gutenberg ist auch nicht dafür gemacht, schon Production-Sites damit zu fahren. Aber es scheint sich gerade in letzter Zeit sehr viel getan zu haben, jedenfalls wenn die Präsentation Mullenwegs stimmt (darin wird Gutenberg von einem der Entwickler vorgestellt).

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