In den letzten Tagen gelesen: Disourse, Ideology and Context (pdf) von Teun A. van Dijk — auf der Suche nach methodischen Ansätzen, um Hypertext/Hypertext-Genres zu beschreiben. Einige Notizen, die allerdings nicht das eigentliche Thema dieses lesenswerten Texts — die Rolle von Ideologien für den Diskurs — berühren:

Sprachliche Einheiten und kognitive Entitäten

van Dijk gehört zu den Vertretern der Diskursanalys/Textlinguistik, die sich mit sprachlichen Phänomenen jenseits der Einheit des Satzes beschäftigen. Sein Ansatz ist interdisziplinär. Es gibt viele Brücken zur Psychologie und zur Soziologie; das komplexe Diskursmodell van Dijks macht seine Texte schwer referierbar. Nur von dem genannten Aufsatz ausgehend kann man vielleicht sagen: Er erklärt sprachliche Erscheinungen, indem er sie auf kognitive Entitäten zurückführt, etwa die Ideologien der Sprechenden. Zu diesen kognitiven Entitäten gehören mentale Modelle; van Dijk spricht auch von Event-Modellen. (Die mentalen Modelle werden von der Ideologie der Sprechenden beeinflusst. Die Ideologie ist untrennbar von ihrer Gruppenzugehörigkeit, wobei van Dijk versucht dem Zirkel zu entkommen, der sich ergibt, wenn man die Gruppenzugehörigkeit durch die Ideologie und die Ideologie durch die Gruppenzugehörigkeit definiert. Er führt die Ideologie auf die Gruppe zurück, nicht umgekehrt. Dabei unterscheidet er die Ideologie — als Gruppendenken — vom Common Cultural Ground, der allen Gruppen einer Gesellschaft gemeinsam ist. )

Kontextmodelle

In seinem Aufsatz will van Dijk zeigen, dass zur Erklärung des Verlaufs von Diskursen nicht nur auf die Modelle der Sprechenden von den Ereignissen zurückgegriffen werden muss, sondern auch auf Modelle des Kontexts, in dem sie sprechen. Er erklärt die Eigenschaften des Diskurses, die ihn interessieren, also nicht direkt mit dem Kontext, sondern über die Repräsentation des Kontexts durch die Sprechenden. Die Teilnehmer an einer Kommunikationssituation seien darauf angewiesen, diese Situatuion in einem Kontextmodell zu repräsentieren, um adäquat zum laufenden Diskurs beitragen zu können (p. 17/18). (Möglicherweise gibt es hier Berührungen mit dem Konzept der Reflexivität in der Ethnomethodologie.)
Kontextmodelle bilden eine Schnittstelle zwischen Ereignismodellen und Diskusen, indem sie bestimmen, welche der Informationen des Ereignismodells für den aktuellen Diskurs relevant sind und deshalb semantisch repräsentiert werden müssen. (eigentliches Thema von van Dijks Aufsatz ist die Beeinflussung dieser Kontextmodelle durch Ideologien).

Kontext und Hypertext

Die Frage, die mich hier interessiert ist: Kann man den Begriff des Kontexts verwenden, um Besonderheiten von Hypertexten oder Hypertext-Genres, z.B. Weblogs zu beschreiben? (Um hier weiterzukommen, wäre es wichtig zu wissen, ob/wo der Begriff des Kontexts in der Diskursanalyse eine Rolle bei der Unterscheidung von schriftlichen und mündlichen Texten spielt.) Wenigstens vorwissenschaftlich kann man sagen, dass sich z.B. ein Blogposting oder auch ein einfacher Nachrichtentext im Web von einem Text in einem anderen Medium erheblich und vielleicht vor allem durch den Kontext unterscheiden. Dabei muss man wieder zwischen dem Kontext des Autors, der Repräsentation dieses Kontexts im Text, und dem Kontext des Rezipienten unterscheiden. Außerdem ist für die Kontexte im Web charakteristisch, dass und wie sie von den Adressaten verändert werden können. Der Rezipient kann an einen Text z.B. mit spezifischen deiktischen Ausdrücken, nämlich Hyperlinks, anschließen (oder müsste man sagen: mit einem spezifischen, nur im Web möglichen Sprachspiel — denn ein Link ist nicht nur ein sprachliches Phänomen?). Links in einem Text kann man vielleicht als ein Mittel der Kontextualisierung beschreiben — als ein Mittel der expliziten Repräsentation des Kontexts, während viele andere Mittel den Kontext implizit repräsentieren. Möglicherweise kann man Texte im Web recht gut danach klassifizieren, wie Eigenschaften von Kommunikationssituationen im Web in ihnen repräsentiert werden. Die Nichtlinearität eines Textes kann man als Möglichkeit verstehen, an ihn oder seine Teile in sehr vielen unterschiedlichen Weisen anzuschließen, ihn also zum Kontext anderer Diskurse zu machen.

Kontext und Repräsentation des Kontexts

van Dijk schreibt zwar, dass ein Diskurs nur funktioniert, wenn sein Autor über ein adäquates Modell des Kontexts verfügt, beschäftigt sich aber nicht damit, worin diese Adäquatheit besteht bzw. wie sie festgestellt werden kann.
van Dijk befasst sich damit, wie Kontexte repräsentiert werden — bei Web-Texten muss darüber hinaus gefragt werden, worin sich ihre Kontexte tatsächlich von Kontexten ausserhalb des Webs unterscheiden, beziehungsweise, ob sie sich nicht vor allem durch spezifische Kontexte von Texten ausserhalb des Webs unterscheiden. Wenn ich etwas in mein Blog schreibe, gehören Google und Technorati zum Kontext meines Eintrags, aber auch mein Blog selbst, und die Tatsache, dass eine Kollegin, die sich für dieses Thema interessiert, den Text morgen lesen wird. Ob mein Text web-gerecht wird, hängt vor allem von meinem Modell dieses Kontexts ab.

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