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Norbert Lammert sollte Chakrabarty lesen

Er sehe nichts, was die Klimakrise grundsätzlich von anderen politischen Problemen unterscheide, sagt Norbert Lammert im Treffen sich Welten-Podcast (Klaus Tschira Stiftung, n.d.) zu Antje Boetius. Damit spricht er aus, was die traditionelle Politik von politischen Ansätzen unterscheidet, die der Klimakrise gerecht werden wollen. Sie ist, so wie die mit ihr verbundenen Krisen, kein Thema unter anderen—so schwer es auch ist, politische Konzepte zu entwickeln, die ihr adäquat sind. Die Politik hat es, etwa angesichts der Klima-Kipp-Punkte, mit Akteuren zu tun, die nach anderen Regeln funktionieren als die Macht- und Interessengruppen, die sie bisher gewohnt ist.

So interessant und hörenswert der Podcast mit Lammert ist—für mich zeigt er, wie wenig er und seine Generation den Anthropozän-Moment ernst nehmen, nach dem sich Politik neu konfigurieren muss, um überhaupt noch langfristig möglich zu sein.

Politiker wie Lammert sollten Dipesh Chakrabartys Aufsatz über die Zeit des Anthropozän (Chakrabarty, 2018) lesen. Chakrabarty reflektiert darin, wie in der Klima- und Biodiversitätskrise historische und geologische Zeit in einer Weise aufeinandertreffen, die alle gewohnten historischen Erwartungshorizonte sprengt. Er skizziert keine Lösungen, aber er zeigt durch den Verweis auf viele, meist naturwissenschaftliche Quellen, dass Politik heute nicht mehr in dem sicheren Raum einer stabilen Natur stattfindet, der die Voraussetzung des Holozäns war.

Was bedeutet es, zu siedeln, politisch zu sein, nach Gerechtigkeit zu streben, wenn wir den Alltag in dem Bewusstsein leben, dass das, was in menschlicher und weltgeschichtlicher Hinsicht “langsam” erscheint, im Maßstab der Erdgeschichte in der Tat “augenblicklich” sein kann, dass im Anthropozän zu leben bedeutet, diese beiden Präsenzen gleichzeitig zu bewohnen? Ich kann die Frage noch nicht vollständig oder auch nur befriedigend beantworten, aber wir können sicherlich nicht einmal ansatzweise darauf antworten, wenn “das Politische” weiterhin als ängstliches Verbot fungiert, an das zu denken, was uns das Gefühl gibt, “fehldimensioniert” zu sein (’What does it mean to dwell, to be political, to pursue justice when we live out the everyday with the awareness that what seems “slow” in human and world-historical terms may indeed be “instantaneous” on the scale of Earth history, that living in the Anthropocene means inhabiting these two presents at the same time? I cannot fully or even satisfactorily answer the question yet, but surely we cannot even begin to answer it if “the political” keeps acting as an anxious prohibition on thinking of that which leaves us feeling “out-scaled.’ (S. 30, Übers. H.W. mit Hilfe von DeepL Translate)

Der Klimawandel stellt diese ontische Gewissheit der Erde in Frage, die die Menschen während der Epoche des Holozäns und vielleicht noch länger genossen haben. (’Climate change challenges this ontic certainty of the Earth that humans have enjoyed through the Holocene epoch and perhaps for longer.’ S. 31, Übers. H.W. mit Hilfe von DeepL Translate)

Die ängstliche Hemmung, von der Chakrabarty schreibt, charakterisisert nicht nur Lammert. Ich beobachte sie immer wieder bei Politikern, die die Klimakrise nicht leugnen, aber sie für ein Problem unter anderen halten—übrigens auch bei Linken, die sie auf ein Folgeproblem des Kapitalismus reduzieren. Man löst diese Hemmung nicht auf, wenn man nur mit wissenschaftlichen Argumenten gegen sie anargumentiert. Man muss das Verständnis von Politik und Geschichte dekonstruieren, mit dem sie verbunden ist. Dazu ist dieser Aufsatz Chakrabartys ein wichtiger Beitrag.

Nachweise

Chakrabarty, D. (2018). Anthropocene Time. History and Theory, 57(1), 5–32. https://doi.org/10.1111/hith.12044
Klaus Tschira Stiftung. (n.d.). Tiefseeforscherin Antje Boetius trifft Ex-Bundestagspräsident Norbert Lammert. Retrieved October 25, 2020, from https://treffensichwelten.podigee.io/s1e1-ex-bundestagspraesident-trifft-tiefseeforscherin

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