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Zwischen den Jahren (2): Für ein kleines Web

Ich habe vor zwei Tagen geschrieben, dass mir im vergangenen Jahr der Fortschrittsoptimismus verloren gegangen ist, der für mich selbstverständlich war, seit ich mich mit Web-Themen beschäftige. Seit ich mein letztes Post abgeschickt habe, habe ich versucht genauer zu formulieren, was ich damit meine, und zu überlegen, wie man ohne eine globale Fortschrittsideologie produktiv mit dem Web umgehen kann. Es gelingt mir aber nocht nicht wirklich, meine Gedanken zu diesem Themenkomplex zu ordnen, und ich würde darüber vielleicht gar nichts schreiben, wenn ich mein Post neulich nicht mit einer (1) im Titel versehen hätte. Mir ist klar, dass ich mich hier in begrifflichen Untiefen bewege, dass ich einerseits leicht in Trivialitäten abgleiten kann und andererseits viele Überlegungen und Texte berücksichtigen müsste, mit denen ich mich noch nicht beschäftigt habe. Hier also ein improvisierter Text, wie ich ihn auf einer BarCamp-Session mit der Bitte um Diskussion vortragen würde.

In Anlehnung an einen Untertitel von Deleuze und Guattari möchte ich für ein kleines Web, eintreten, nicht für das Internet der globalen Trends, der großen Plattformen. Um ein einfaches Bild zu benutzen: Ich würde gerne herausfinden, ob man im Web mehr und Interessanteres erfährt und produziert, wenn man mit dem Fahrrad fährt statt mit dem Auto oder Flugzeug. Mit dem Fahrrad meine ich einfache, robuste Technologien, die niemand schädigen und für den Einzelnen beherrschbar sind. Ich denke vor allem an eine Konzentration auf Inhalte, Reflexion und Dialog statt auf Einfluss, Reichweite und Wachstum. Ich meine nicht ein prä- oder vordigitales Idyll sondern eine intelligente, dauerhafte und mehrdimensionale Verknüpfung von Inhalten, menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren (z.B. Daten über die Umwelt). Ich meine Netze, die zu dem passen, was Latour als das Irdische (Terrestre) bezeichnet, im Gegensatz zur Utopie des Globus.

Sagen wir vorläufig das Irdische, mit einem großen I, um deutlich zu machen, dass es sich sehr wohl um einen Begriff handelt; und sogar um von vornherein klarzustellen, wohin wir uns bewegen: das Irdische als neuer politischer Akteur. (Original: Disons pour l’instant le Terrestre, avec un T majuscule pour bien souligner qu’il s’agit d’un concept ; et, même, pour préciser d’avance vers quoi on se dirige : le Terrestre comme nouvel acteur-politique.)

(Où atterrir; deutsch: Das terrestrische Manifest; Übersetzung des Zitats oben von mir)

Wie lässt sich das konkretisieren?

  1. Indem man auf Langfristigkeit setzt und damit auf Unabhängigkeit von Plattformen, die in Kürze überholt sein werden und alle ausschließen, die nicht über sie verfügen. Mir fällt in diesem Zusammenhang der Vortrag von Jeremy Keith über The Long Web ein, zu dem es gehört, dass Inhalte verfügbar und verlinkbar bleiben. Man könnte auch sagen: Es geht um Zugänglichkeit und Rückwärtskompatibilität.
  2. Indem man auf Diversität und Lokalität (nicht nur im physikalischen, sondern auch im virtuellen Raum) setzt, also auf Netzwerke, die sich gemäß ihren eigenen Regeln entwickeln, mit anderen verknüpft/verlinkt bleiben, aber sich von den anderen Netzwerken unterscheiden und auf ein intensives statt auf ein extensives Wachstum setzen. Beispiele für solche Netzwerke habe ich im vergangenen Jahr bei zwei kleineren Unkonferenzen kennengelernt, dem Almcamp und der Smart Stuff that Matters Unconference 2018. Bei zwei Ökonomen, E.F. Schumacher und Nicholas Georgescu-Roegen, habe ich Ideen gefunden, mit denen sich ein Postwachstums-Konzept des Web theoretisch begründen lässt. Auch andere Ideen, auf die ich gestoßen bin, passen gut dazu: außer Latours terrestrischem Manifest, Philippe Descolas Insistieren auf der Diversität und Èdouard Glissants Entgegensetzung von mondialité und mondialisation.

Web, Fortschritt, Avantgarde

Ich habe mich selbst bisher statt an einer solchen Vorstellung des Web meist an einem Modell orientiert, das eigentlich nur eine alte Fortschritts- und Avantgarde-Ideologie umformuliert. Damit meine ich die—wenn auch vielleicht nicht explizite—Überzeugung, dass im Web technisch fortgeschrittene, neuere mediale Formen ältere ablösen, weil sie ihnen überlegen sind, dass die technischen Verbesserungen mit inhaltlichen einhergehen. Die Avantgarde, die ich im Web gesucht habe, hat in meiner eigenen Entwicklung zwei andere Formen des Avantgarde-Denkens abgelöst: die marxistische, an der ich mich als Schüler orientiert habe, und dann die Vorstellung einer künstlerischen Avantgarde, wie sie für die Moderne charakteristisch ist. In dem Moment, in dem das marxistische Modell offensichtlich gescheitert war und man auch in der Kunst eigentlich nur noch epigonale Avantgarden ausmachen konnte, habe ich bei den digitalen Technologien und speziell im Web eine Entwicklung gefunden, die dasselbe versprach wie diese gescheiterten Avantgarden: Orientierung, die Gewissheit, die Welt besser zu verstehn und sie anderen erklären zu können und dabei auch noch eine moralisch richtige Position zu vertreten. Letztlich habe ich an eine Universalgeschichte geglaubt und daran, dass man die eigene, gegenwärtige Position in dieser Geschichte begreifen und als Basis des eigenen Handelns verstehen kann.

Für die Fortschrittsideologie, die ich selbst vertreten habe, sind drei Annahmen charakteristisch:

  1. Das, was aktuell oder neuer ist, ist besser als das, was vorher war (Optimismus).
  2. Das, was gleichzeitig ist, hängt miteinander zusammen (Universalgeschichte).
  3. Das, was aktuell ist, hat sich zwangsläufig aus dem entwickelt, was vorher war (historische Notwendigkeit).

Die Fortschrittsideologie dient immer der ideologischen Legitimation dessen, was ist. Sie nimmt explizit oder implizit historische Agenten an wie die Vernunft, den Klassenkampf, den Markt oder die technische Entwicklung. Sie nimmt außerdem an, dass man die Geschichte von der Position aus verstehen kann, an der man sich in ihr befindet.

Was kann man dieser Ideologie entgegenhalten?

  1. Es gibt eine Pluralität von gesellschaftlichen oder historischen Phänomenen, die sich völlig unterschiedlich entwickeln.
  2. Es sind bei jedem historischen oder sozialen Phänomen immer verschieden Entwicklungs-Optionen oder Bifurkationen möglich.
  3. Was historische Entwicklungen miteinander verbindet, ist die Irreversibilität der Zeit und damit eine kontinuierliche Zerstörung.
  4. Historische Alternativen (Entwicklungen, die genauso möglich gewesen wären wie die realisierten) sind nur im Ausnahmefall erkennbar, weil wir andere als die tatsächlichen Entwicklungen nicht kennen.

Jetzt sehe ich, vor allem nach einer ersten Lektüre von Georgescu-Roegen, das, was ich bisher als Fortschritt verstanden habe, als Verfügbarmachen von mehr Energie, einerseits durch Steigerung des Energieverbrauchs und andererseits durch Erhöhung der Effizienz von Energie. Ich würde nicht mehr von Fortschritt, sondern von einem linearen Wachstum sprechen. Ein Fortschritt ist dieses Wachstum nur aus der Innenperspektive. Zwangsläufig und geradlinig ist es nur ex post—sonst wären tatsächlich historische Voraussagen möglich. Innerhalb eines dieser Wachstumspfade lässt sich nicht beurteilen, welche Alternativen möglich gewesen wären, an welcher Stelle die Entwicklung ganz anders hätte verlaufen können. Die historische Fortschrittsidee kommt mir vor wie eine Verwandte der Illusion, dass die Erde der Mittelpunkt des Universums ist: Der Platz, an dem wir gerade sind, erscheint uns als privilegiert und für uns vorgesehen, aber nur, weil wir nur von diesem Platz aus auf die Umwelt schauen und ihn nicht von außen sehen können. Wir brauchen nichttriviale Geräte wie Fernrohre oder schockartige Erfahrungen wie die Begegnung mit anderen Gesellschaften im 16. Jahrhundet, um zu erkennen, dass wir nicht im Mittelpunkt der Welt leben und dass sich die Geschichte nicht auf uns zubewegt hat.

Wenn man die Große Geschichte als Illusion erkennt, dann kann man statt an ihr an einzelnen Netzwerken mitwirken, an ihnen mitkonstruieren, in der Gewissheit, dass sie wieder abgelöst werden. Man kann die Kehrseite des Wachstums wahrnehmen, die Zerstörung und die Zunahme der Entropie, mit der es zwangsläufig verbunden ist.

Man hat die Chance, etwas herzustellen, das nicht von der nächsten Welle des quantitativen Wachstums obsolet gemacht wird. Auf das Netz bezogen wäre das eine Perspektive, die das Web als eine in sich vielfältige Kultur begreift, in der man an vielen Stellen basteln kann, die aber keine Gesamtrichtung braucht und die sich der Beherrschung durch zentrale wirtschaftliche oder politische Instanzen entzieht.

Geschichtskonzepte und Web

Ich versuche hier, das Konzept des offenen Web (und damit auch des IndieWeb) mit Gedanken über die Geschichte zu verbinden. Mir geht es dabei mehr um die Kritik an linearen Fortschrittsideen als darum, sie durch andere Konzepte zu ersetzen. Eine Schwierigkeit dabei ist, dass es in der digitalen Technologie und im Web tatsächlich Fortschritte gibt, die man durch Kritik am Fortschrittsbegriff nicht einfach wegerklären kann. Ich glaube, dass man diese Fortschritte nicht zu dem Fortschritt hochstilisieren darf (sonst endet man schlimmstenfalls bei der Trendforschung). Man muss sie auf konkrete Projekte beziehen, die von einem shared understanding getragen werden, von dem man z.B. in Bezug auf das offene Web tatsächlich sprechen kann.

Fortschritt ist ein teleologisches Konzept. Wenn man nicht eine historische Teleologie annimmt, die sich unabhängig von menschlichen Akteuren durchsetzt, dann kann es Fortschritt nur aufgrund von Zielvorstellungen geben, die von einer Community geteilt werden. Wenn man das weiterdenkt, kommt man zu einer Art konservativem Fortschrittsbegriff, bei dem sich eine Community (z.B. die Open Web Community) weiterentwickelt und zugleich aufgrund einer gemeinsamen Basis (quasi eines Gesellschaftsvertrags) weiterexistiert.

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Kommentar

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  1. ‪Danke für diese Überlegungen, Heinz. Frage mich weitergehend: Geht es um _ein kleines Web oder um viele? Und: Was ist es, das sie jeweils zusammenhält? Eine gemeinsame Aufgabe seiner Mitglieder? (oder zumindest ähnliche Interessen?) Sozusagen Kristallisationspunkte, wie es sie rund um echte Communities schon immer gab? Womöglich wäre dieses Verständnis ein Ausweg aus dem oberflächlichen und in der Tendenz schädlichen Wachstumsfetischismus im (Social) Web?

    • Danke, Thomas! Ich kann dir nur zustimmen. Es geht um viele Netzwerke (von einem kleinen Web zu sprechen, ist etwas gewaltsam), und sie müssen von etwas zusammengehalten werden, also fast “vertragsbasiert” sein. Wobei die Orientierung an Webstandards und Open Source-Prinzipien auch als Zustimmung zu einem Vertrag verstanden werden kann.