Am Dienstag bin ich mit dem Zug von München nach Graz gefahren. Ich habe keine UMTS-Karte und war offline — eine Gelegenheit, mir Gedanken über das Thema zu machen, auf das der Untertitel dieses Blogs hinweist: Bildung im Web, online-literacy oder — für mich die beste Alternative: network literacies. Was ist mit literacy im Web gemeint? Ich bin mit dem Thema noch lange nicht fertig; ich habe eine page dafür angelegt, die ich gelegentlich aktualisieren möchte, und ich bitte um Kommentare: Wozu network literacies?

Ein paar Überlegungen zur Vermittlung von Webkompetenz. Wenn ich damit etwas völlig Banales oder Naives schreibe, bitte ich (nicht aus affektierter Bescheidenheit) um Nachsicht oder um Präzisierungen und Hinweise; es geht mir hier vor allem um eine Selbstverständigung.

Ich habe mir neulich aufgeschrieben, dass Wissen immer Wissen von Gruppen ist, dass es kein isoliertes Wissen von Individuen gibt. Wenn diese These stimmt, dann ist Lernen, also das Erwerben von Wissen, immer das Erlernen des Verhaltens oder der Handlungsweisen bestimmter Gruppen. Es kann dann kein Lernen geben, das nicht soziales Lernen ist — auch wenn die Gruppen, in denen und für die das Lernen stattfindet, sich selbst nicht unbedingt oder meist nicht als Gruppen verstehen, sondern als Agenten von übersozialen Größen, z.B. einer Wissenschaft oder des Rechts.

Das bedeutet nicht, Wissen im Sinne von Sachwissen zu relativieren, also es zu einer Gruppenideologie zu erklären, hinter der man dann die wahren, nämlich die sozialen Verhältnisse entdecken kann. Im Sinne der Actor Network Theory würde ich soziale Gruppen eher als auch durch materielle oder nichtmenschliche Aktanten mitkonstituiert verstehen, wobei diese Aktanten einerseits in der Gruppe repräsentiert oder übersetzt werden und sie andererseits die Gruppe strukturieren.

Ich will darauf hinaus, das Lernen immer auch das Lernen der Praxis oder der Praktiken in bestimmten sozialen Gruppen ist. Wer Jura studiert, erwirbt nicht vor allem Wissen über das Recht, sondern er erlernt bestimmte juristische Praktiken, z.B. bestimmte Beweis- und Begründungsstrategien. Wer eine Wissenschaft studiert, erlernt die Forschungs- und damit auch die sozialen Praktiken einer bestimmten Scientific Community. An der Fachhochschule bilden wir Menschen in den Handlungsweisen von wissensintensiven, transdisziplinären communities of praxis aus. Media literacy oder network literacy ist nicht Wissen über Medien und auch nicht das mehr oder weniger automatisierte Beherrschen von bestimmten Handlungsabläufen, sondern das Beherrschen der Art und Weise, in denen bestimmte Gruppen mit Medien umgehen. Vielleicht sollte man eher zwischen zwei Formen oder zwei Ebenen von media literacy unterscheiden: Es gibt media literacy im (weiteren) Sinne des praktischen Umgangs mit Medien, und es gibt media literacy im (engeren) Sinne des Erlernens und Beherrschens der Praktiken von Gruppen, die durch Medien mitkonstituiert werden, die es also ohne Medien so überhaupt nicht gäbe.

Anders formuliert: network literacy im engeren Sinn besteht darin, Praktiken von Gruppen zu beherrschen, die durch das Web oder durch Netzmedien mitkonstituiert werden, die also ohne das Web gar nicht oder anders existieren würden. (Analog dazu könnte man sagen: Literarische Bildung besteht darin, die Praktiken von Gruppen zu beherrschen, die es ohne Literatur nicht oder so nicht gäbe.) Vermitteln von media literacy würde dann bedeuten: in die Praxis von Gruppen und damit in Gruppen einzuführen, die durch das Web oder Netzmedien konstituiert werden. Tatsächlich muss man den Ausdruck network literacy mit Jill Walker Rettberg im Plural verwenden, also von network literacies sprechen: Es gibt unterschiedliche soziale Gruppen, für die die Webkommunikation eine große Rolle spielt, und es gibt deshalb unterschiedliche Formen von Webkompetenz, zwischen denen aber so etwas wie eine Familienähnlichkeit besteht. (Der Ausdruck Gruppe ist hier nur ein Kürzel für soziale Entitäten, ich lasse ihn hier nur provisorisch undefiniert.)

Wenn ich erforschen will, wie network literacies vermittelt werden können, muss ich mich also damit beschäftigen, wie Menschen in die Praxis von Gruppen oder communities eingeführt werden (eingeführt werden können), für die die Kommunikation mit Netzmedien essentiell ist. Das Bedürfnis nach einer Vermittlung von network literacies wird in dem Maß wachsen, in dem mehr Gruppen auf Webkommunikation angewiesen sind, wobei sich besondere Formen der Netzkompetenz in webbasierten Unternehmen, in der Wissenschaft oder im Bereich von Medien und aktueller Information herausbilden soll. Die Vermittlung der Netzwerkkompetenz — das ist für mich das vorläufige Ergebnis dieser Überlegungen — ist die Einführung in die Kommunikationsform netzbasierter Communities und damit von der Teilnahme an solchen Gruppen nicht zu trennen.

Dan Gillmor formuliert Prinzipien einer neuen Medienbildung (leider scheint es für media literacy keine anderen Äquivalente zu geben als die hässliche Medienkompetenz und die überhöhte Medienbildung). In diesem kurzen Essay bleibt er sehr allgemein. Er fordert eine Medienerziehung, die der Demokratisierung der Medien Rechnung trägt. Prinzipien der herkömmlichen journalistischen Ethik wie Gründlichkeit, Genauigkeit und Fairness müssen Allgemeingut werden, wenn jede und jeder medial kommuniziert. Mit Unbehagen liest man, dass kritisches Denken in den amerikanischen Bildungseinrichtungen zunehmend als störend empfunden wird. Gillmor reflektiert in diesem Text nicht über den Gegensatz zwischen der Demokratisierung der Medienproduktion und der zumindest latent autoritären und konformistischen Haltung, die offenbar weite Teile des öffentlichen Lebens in den USA bestimmt (ich sage das mit aller Vorsicht, weil ich es selbst nicht beurteilen kann). Besteht zwischen beiden Phänomenen ein Zusammenhang?

Gillmor weist auf die Selbstverständlichkeit hin, dass Medienkompetenz nicht vor allem darin besteht, Techniken zu beherrschen, sondern darin, die Glaubwürdigkeit von Informationen beurteilen und rhetorische Mechanismen durchschauen zu können. Zum Schluss ein paar gute Sätze über Transparenz. Etwa:

It’s difficult, in fact, to name a business as opaque as journalism, the practitioners of which insist that others explain their actions but usually refuse to amplify on their own.

Frei übersetzt:

Tatsächlich findet man kaum eine Branche, die so undurchsichtig ist wie der Journalismus. Seine Vertreter bestehen darauf, dass andere ihre Handlungen erklären, lassen sich aber nur unwillig über ihre eigenen aus.

Über Thomas Pleil bin ich auf Jean-Pol Martin gestoßen, der die Theorie des Lernens durch Lehren entwickelt hat. (Ich glaube, dass wir an der FH an seine Arbeiten anschließen können, wenn wir uns mit Network Literacies beschäftigen.) In der Wikiversity beschreibt Martin, was er unter Netzsensibilität versteht — Regeln oder Muster dafür, im Netz Beziehungen zu Mitarbeitern und Mitstreitern aufzubauen. Sie sind alle zu beherzigen (und ich nehme mir vor, mich selbst besser nach ihnen zu richten). Jean-Pol Martin hat sie so konzis formuliert, dass man sie kaum zusammenfassen kann.

Hier nur die erst dieser Regeln; durch sie bin ich in meinem Feedreader auf den Text aufmerksam geworden:

Mach dich transparent: liefere in deinem Profil möglichst viele, für den Benutzer spannende Informationen über dich. Je mehr Informationen du über dich gibst, desto größer die Chance, dass jemand einen Ansatzpunkt zur Zusammenarbeit entdeckt. Angst vor Missbrauch der Angaben ist meistens unbegründet. No risk, no fun!

Martin formuliert hier einen entscheidenden Punkt. Im Netz kommunizieren Menschen miteinander, die als Individuen, mit ihren Wünschen, Vorlieben und Geschichten interessanter sind als die Firmen und Gruppen, zu denen sie gehören. Ich muss mich im Netz nicht hinter einer Institution verstecken oder den Regeln eines Verlags anpassen, um zu publizieren, und ich möchte dort auf Menschen treffen, die sich selbst nicht verstecken. Die interessantesten Texte im Web stammen von Autoren, die sich als Personen zeigen. (Für mich waren das in der Anfangszeit des Bloggens Dave Winer, Jeffrey Zeldman und Jörg Kantel.)

Man muss sich im Netz nicht entblößen, und man kann mit Identitäten spielen. Will man Menschen anspricht muss man ihnen aber signalisieren, welche Beziehung man zu ihnen möchte, und was und wieviel von sich man in diese Beziehung stecken will. Es geht um Angebote, nicht um einen Ausverkauf.

Anmerkung: Mit Kolleginnen bin ich dabei, ein Programm für die Forschung und Entwicklung in meinem Arbeitsbereich an der FH Joanneum zu formulieren. Wenigstens provisorisch möchte ich ihm den Titel Netzwerkkompetenz oder Network literacies geben. Wie vermittelt man besten die Fähigkeit, mit sozialen Medien umzugehen, mit ihnen Ziele zu erreichen und sie mit einem Lebensstil zu verbinden? Ich brauche dieses Wissen für meinen Unterricht, es lässt sich vielleicht auch in anderen Bereichen der Hochschule, an der ich arbeite, verwenden, und wir können es Unternehmen und Organisationen anbieten.

Sehenswert: Martin Ebners Präsentation #fff;"><div class='nav-arrow-left'></div><div class='nav-arrow-right'></div><div class='nav-fullscreen-button'></div></section> Podcasting, Blogging und Wikis auf dem Weg in die Hochschullehre">Podcasting, Blogging und Wikis auf dem Weg in die Hochschullehre; Video jetzt hier Gut gefällt mir vor allem das Bild des traditionellen Learning-Managements als Burg, mit der Administration oben, dem Learning-Management-System darunter und einem ganz kleinen Tor, durch das die Studierenden Kontakt mit der Außenwelt halten können (ein Bild, das sich auch gut auf Unternehmen übertragen lässt).

Martin geht es um die Öffnung dieses Systems, von einer Blogging-Plattform wie Elgg bis hin zu Tools für das mobile Lernen und der Integration der neuen internetähigen Geräte jenseits des Computers. (Daneben steht die Öffnung der Forschung durch Open-Access-Publikationen und zunehmend auch durch Tools wie BibSonomy, mit denen sich webgestützt wissenschaftlich arbeiten lässt.)

Jill Walker Rettberg, Weblogs: Learning in Public. Studenten, die bloggen, schreiben nicht für eine Lehrerin oder einen Lehrer allein, sondern für eine Öffentlichkeit. Jill Walker Rettberg (die ich leider nicht früher entdeckt habe) beschreibt, wie Teilnehmer eines ihrer Kurse mit der Erfahrung umgehen, dass ihre Blogs tatsächlich gelesen werden. Ich finde die Kriterien Beobachtbarkeit und Anschlussfähigkeit wieder, in denen sich Blogs von anderen Gattungen unterscheiden. (Assoziationen: Die Schulen und Universitäten organisieren das Wissen bisher zusammen mit dem physikalischen Raum; Wissen erlaubt Macht/Kontrolle über diesen Raum; umgekehrt werden Lernen und Wissen über den Raum kontrolliert. Im Netz wird das Wissen über seine digitale Verarbeitung kontrolliert; umgekehrt ermöglicht es das Wissen, die Datenflüsse zu kontrollieren. Die territoriale Organisation des Wissens gelangt an ihr Ende und wird so vielleicht erst sichtbar. Vielleicht hängt auch die Frage, oder besser: die Krise der Professionalität im Web damit zusammen, dass unseren Vorstellungen von Berufen letztlich räumliche Organisationen zugrunde liegen.) Sie beschäftigt sich vor allem mit den neuen Formen von Regulation und Korrektur, zu denen es durch die Vernetzung von Blogs mit anderen Blogs und Kommentaren kommt. Sie bezieht sich auf Steven Johnsons Emergence:

Organisation in a network without hierarchical control requires visibility and feedback, Johnson writes:

Relationships in these systems are mutual: you influence your neighbors, and your neighbors influence you. All emergent systems are built out of this kind of feedback, the two-way connections that foster higher learning. (2002: 120).

That’s what blogging is about, I said. It’s about taking control of your own learning, finding your own voice, and expressing your own opinions. It’s about responding to the world around you and listening to the responses you receive in return. The class was silent, patiently waiting for the break.

Dieser Gedanke ist vielleicht ein Gegenstück zu Tons Owning Your Learing Path, das den Lernenden in den Mittelpunkt stellt.

In diesem Eintrag verwendete Jill Walker Rettberg 2003 wohl zum ersten Mal den Ausdruck network literacy [gefunden via Will Richardson]. Bemerkenswert finde ich auch den Satz:

Rather than relying on one central infrastructure, new exostructures are developed continuously to give different views of the blogosphere.

Sie hat sich schon damals nicht nur mit Blogs in der Lehre, sondern auch mit der linguistisch-erzähltheoretischen Untersuchung von Blogs beschäftigt. Sie hat einen Diskurs geprägt, der heute schon fast trivial geworden ist — oder besser: Text wie dieser sind immer noch nicht trivial, während die endlosen Wiederholungen de aus ihnen abgeleiteten Schlagwörter nur noch langweilen.

Paul Bradshaw: Local news is changing – but not fast enough « Online Journalism Blog. U.a. eine ganze Reihe von Bemerkungen zur Journalistenausbildung. Tenor: Die am besten ausgebildeten Journalisten können am ehesten mit Online-Formaten umgehen, viele Journalisten wissen immerhin schon mehr als die Verlage für die sie arbeiten. Bradshaw legt vor allem darauf Wert, dass alle Plattformen und Kanäle (Flickr, YouTube, Twitter usw.) genutzt werden, um Nachrichten zu verbreiten — das gehört auch zum Thema unbundling the news.

Ton Zijlstra beschreibt, wie er Lehrer in das vernetzte Lernen einführt. Wie immer bei Ton Zijlstras Präsentationen liegt die Wirkung fast mehr darin, wie er erzählt, als was er erzählt. Er berichtet in der Präsentation von einem Tag in seinem Leben, den verschiedenen Tools, die er dabei benutzt, und den sozialen Netzen, in denen er sich bewegt. Theoretischer Hintergrund ist der Konnektivismus, den George Siemens und andere entwickelt haben.

Er geht von drei technisch bedingten quantitativen Veränderungen aus, durch die sich das Verhalten der Menschen und vor allem der Jugendlichen heute verändert: die Zunahme von Verbindungen zwischen Menschen, die Zunahme der Geschwindigkeit, vor allem der Geschwindigkeit von Veränderungen, und die Zunahme des Informationsvolumens. Sie erfordern drei qualitative Antworten:

  1. eine pro-aktivere persönliche Rolle (als sense maker, als Produzent und Verbraucher, als pattern-hunter, aktives Teilen)
  2. eine neue Menge von Fähigkeiten im Umgang mit Infomation (Mustererkennung, soziales Filtern, Prüfungs- und Bewertungsfähigkeiten)
  3. eine neue Menge von Werkzeugen (web2.0, social software) und Arbeitsformen (open space, communities of practice, vernetzte Organisationen)

Es gibt viele Möglichkeiten, von hier aus weiterzudenken. Mit der Perspektive des PolitCamps, das im Mai in Graz stattfindet, interessiert mich, wie sich die qualitativen Antworten von denen Ton Zijlstra spricht, für politische Zusammenhänge übersetzen lassen. Anders formuliert: Auch die Politik sieht sich neuen sozialen Struktuen, viel schnelleren Veränderungen und einer nicht mehr zu verarbeitenden Menge von Informationen gegenüber: Mit welchen Werkzeugen und Kommunikationsformen kann sie darauf antworten, wie kann das vernetzte Lernen zum Werkzeug der Politik werden?