Datentotalitarismus und Datenfundamentalismus

Spätestens seit den Enthüllungen Edward Snowdens ist Evangelismus für das Netz bittersüß. Wenigstens hier in Europa ist die Angst vor dem Missbrauch von Daten meist größer als die Hoffnungen, die in ihre Verarbeitung gesetzt werden.

Ich habe mich selbst immer wieder skeptisch über Datenschutz und Datenschützer geäußert. Das heißt aber nicht, das ich nicht auch skeptisch gegenüber der unkontrollierten und nicht transparenten Sammlung von Daten bin.

Ich halte den Datentotalitarismus für eine der schlimmsten Gefahren des beginnenden digitalen Zeitalters. Aber ich glaube nicht, das man ihn durch einen Datenfundamentalismus wirkungsvoll bekämpft.

Datentotalitär ist für mich die Abgabe der Kontrolle über alle persönliche Daten an eine zentrale und selbst nicht kontrollierbare Instanz, also z.B. an die NSA oder an einen anderen Geheimdienst. Wenn Geheimdienste oder anonyme Gremien entscheiden können, was mit persönlichen oder Geschäftsdaten passiert, sind demokratische Grundrechte außer Kraft gesetzt. Wenn Sicherheitsapparate präventiv alle bespitzeln, müssen sie sich selbst gegen Beobachtung und Kritik schützen und damit außer dem Recht auf Unversehrtheit der Person auch die Presse- und Meinungsfreiheit außer Kraft setzen, und zwar präventiv für potenziell jeden bzw. für alle. Dieser Punkt ist offenbar in den USA bereits erreicht, wie das Vorgehen gegen Snowden und Manning zeigt. Die flächendeckende Sammlung und Auswertung der Daten durch einen intransparenten Sicherheitsapparat führt zu einem autoritären Regime. Dass Kritiker des Sicherheitapparats schikaniert oder an der Einreise gehindert werden, spricht dafür, dass die USA und auch Großbritannien die Grenze dorthin schon überschritten haben. Da die Überwachung flächendeckend das gesamte Leben der Untertanen umfasst, ist ein Ausdruck wie datentotalitär für dieses Regime durchaus angebracht. Die Daten werden nicht freiwillig zur Verfügung gestellt und begrenzt ausgewertet, sondern allumfassend und unumschränkt.

Die fundamentalistische Gegenreaktion, die Verwendung aller Daten so schwer wie möglich zu machen, auch die durch Firmen wie Facebook und Google, liegt nahe. Wenn sie dazu führt, dass ebenfalls der gesamte Datenaustausch unter Verdacht gerät und das Arbeiten des Netzes selbst in Frage gestellt wird, ist sie datenfundamentalistisch. Ohne Speicherung und Auswertung von Daten sind das Internet und das Web überhaupt nicht möglich. Die Datenschützer, die schon die Verwendung von Facebook und Google durch Firmen und Institutionen unmöglich machen wollen, argumentieren fundamentalistisch, und sie bevormunden wie alle Fundamentalisten die Nutzer. Der Generalverdacht gegen die Nutzung von Daten schränkt auf seine Weise die Öffentlichkeit ein, etwa wenn es von vornherein als gefährlich gilt, ein soziales Netzwerk wie Facebook zu nutzen oder die Netznutzung durch Google monitoren zu lassen.

Dem totalitären Alptraum der universalen Kontrolle steht der fundamentalistische Traum der universalen Datensicherheit gegenüber. Beide sind unrealistisch und beide bedrohen das offene Netz. Zu beiden gehört es, schon die Idee eines offenen Netzes selbst zu einem Traum, zu einer Illusion zu erklären. Sie bedrohen die freiwilige Einigung auf Standards und Normen, die bedingte Verwendung von Daten, die begrenzte Öffentlichkeit. Sie erschweren es, sich auf Unbestimmtheit und überschaubare Risiken einzulassen. Mich erinnern sie an Latours Gegenüberstellung von Paranoikern und Megalomanen. Die Verteidiger eines offenen Netzes dürfen sich von ihnen nicht mundtot machen lassen.