Gleich zu Beginn des letzten Falter-Podcasts Klima und Corona – die Geschichte zweier Krisen1 spricht Hans-Jörg Schellnhuber vom Bauen als dem Elefant im Klimaraum. Ca 40% aller Treibhausgasemissionen hängen direkt oder indirekt mit Gebäuden und dem Bauen zusammen. Beim Bauen und Wohnen, öffentlich und privat, werden die Veränderungen eines neuen Klimaregimes wahrscheinlich deutlicher im Alltag spürbar sein als in jedem anderen gesellschaftlichen Bereich. Trotzdem beschäftigt sich die öffentliche Diskussion viel weniger mit dem Bauen als mit der Mobilität und der Ernährung. Ein Grund dafür ist vielleicht, dass unsere Wohnformen und die Nutzung von öffentlichen Gebäuden und Infrastrukturen uns noch selbstverständlicher sind als die Mobilität und die Ernährung, bei denen wir als Einzelne mehrfach am Tag Entscheidungen treffen oder treffen können. Ein anderer ist möglicherweise, dass das Bauen sehr eng mit anderen Bereichen, z.B. der Energienutzung und den Beziehungen von Arbeit und Freizeit, verbunden ist, so dass es oft nicht selbst zum Thema wird.

Schellnhuber bezeichnet im Podcast eine Publikation2 zu den Möglichkeiten, uns aus der Klimakrise hinauszubauen, als die wichtigste Arbeit, die er je geschrieben habe. In dieser Publikation geht es vor allem um Holz als CO2-absorbierende Alternative zu dem extrem klimaschädlichen Baumaterial Beton.

Wird man einmal auf die Verbindungen zwischen Bauen, Architektur und Klimakrise aufmerksam, dann wird einem auch schnell bewusst, wie groß das transformative Potenzial dieses Themas ist. Wohnen und Städte in einer Postkarbon-Zivilisation werden sich von den Städten heute wenigstens so deutlich unterscheiden wie diese von den Städten vor der Durchsetzung des industriellen Bauens. Neue Formen des Bauens können so zu den ikonischen Symbolen einer Postwachstumsgesellschaft werden, wie die Architektursprache der Moderne für die industrielle Gesellschaft des 20. Jahrhunderts steht.

Mich hat überrascht, dass in der Architektur diese Zusammenhänge schon lange nicht nur von Außenseitern diskutiert werden; anders als sonst in der Wirtschaft haben sich hier wenigstens in Deutschland Stimmen, die für die ganze Branche sprechen, längst vom Paradigma des unbegrenzten Wachstums verabschiedet. (Architektinnen und Architekten haben, zumindest in ihrer Berufsethik, eine Eigenständigkeit gegenüber ihren Auftraggebern und deren wirtschaftlichen und politischen Interessen, von der andere Design-Disziplinen wie die Contentstrategie weit entfernt sind.)

Der BDA und andere deutsche Verbände haben vor 10 Jahren in einem Klimamanifest (PDF)3 eine nachhaltige Architektur und Ingenieurbaukunst verlangt, um

mit der Planung und Gestaltung unserer Städte und Bauwerke eine ökologische Wende [zu] erreichen.

2019 hat der Bund deutscher Architektinnen und Architekten in dem noch darüber hinausgehenden Positionspapier Das Haus der Erde4 eine vollständige Dekarbonisierung des Bauens und politisches und soziales Engagement der Architektinnen und Architekten für ein Leben jenseits der Wachstumsgesellschaft gefordert.

Eine Kombination aus milder Zerknirschung, Besorgnis um den eigenen Status und mangelndem Mut für eine radikale Änderung unserer Lebenswirklichkeit, die immer noch vom Wachstumsgedanken getrieben wird, stößt – seit langem – an Grenzen.

Wir müssen mehr tun, um der Verantwortung unserer Profession und der Relevanz von Architektur angesichts der Klimakrise gerecht zu werden. Natürlich werden wir alleine die Welt nicht retten. Unsere Mitverantwortung für die globalen Auswirkungen des stetig steigenden Ressourcenverbrauchs fordert uns jetzt als Vorreiter einer klimagerechten Architektur. So können wir ein Umdenken im größeren Kontext initiieren.

Die Grazer Deklaration für Klimaschutz im Baubereich (PDF)5 übersetzt diese Zielsetzung in die Vorgabe, das Treibhausgasbudget jedes einzelnen Bauprojekts zur Planungsvorgabe zu machen und nur noch treibhausfrei zu bauen:

Für den Bau- und Immobilienbereich werden spezifische Ziele und Budgets für Treibhausgasemissionen benötigt. Diese sollen sowohl skalierbar und ebenenübergreifend (top-down, bottom-up für Bauprodukte, Gebäude, Städte, Gebäudebestände) sein als auch klare Zeitvorgaben enthalten, um die Treibhausgasneutralität bis oder schon vor Mitte dieses Jahrhunderts erreichen zu können.

Um die volle Wirksamkeit entfalten zu können, müssen die Ziele und Budgets
in Gesetzen und Normen verankert werden. […] Bedingt durch die lange Nutzungsdauer von Gebäuden und deren lang anhaltenden Auswirkungen müssen
verbindliche Anforderungen bis 2025 eingeführt werden. Dies ist der Dringlichkeit der Thematik angemessen und hilft
lock-in Effekte zu vermeiden.

Das Potenzial dieser Umsteuerung in der Architektur verkörpert sich in dem Projekt eines neuen Europäischen Bauhauses6, hinter das sich die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen gestellt hat, offenbar stark beeinflusst von Schellnhuber. Es ist verbunden mit der Forderung nach einer Kreislaufwirtschaft, die sich die europäische Kommission ebenfalls zu eigen gemacht hat.

Man kann diese offizielle EU-Politik leicht als ideologische Fassade vor der Fortsetzung eines Wachstums- und Globalisierungskurses abtun. Damit würde man aber die innere Widersprüchlichkeit der EU-Institutionen und die Veränderungsmöglichkeiten verkennen, die mit ihr verbunden sind. Die EU gehört zu den staatlichen Institutionen, ohne deren Veränderung eine Alternative zum neoliberalen Wachstumskurs nicht durchgesetzt werden kann. Radikale Ökologiebewegungen müssen hier im Sinne von Gramsci genauso eine Transformation des Staats und in Verbindung damit die Erringung kultureller Hegemonie vorantreiben wie auf den politischen Ebenen unterhalb des Nationalstaats, vor allem der kommunalen Ebene.

(Siehe auch hier im Blog: Contentstrategie für degrowth—ein Vorbild: Phineas Harper vergibt den steirischen Architekturpreis 2019)

Nachweise:


  1. Klima und Corona – die Geschichte zweier Krisen – #446. Abgerufen 11. Jänner 2021, von https://www.falter.at/falter/radio/baf1240a-b31d-4eed-91bc-a6ddfe755371/klima-und-corona-die-geschichte-zweier-krisen-446 
  2. Churkina, G., Organschi, A., Reyer, C. P. O., Ruff, A., Vinke, K., Liu, Z., Reck, B. K., Graedel, T. E., & Schellnhuber, H. J. (2020). Buildings as a global carbon sink. Nature Sustainability, 3(4), 269–276. https://doi.org/10.1038/s41893-019-0462-4 
  3. Vernunft für die Welt. Manifest der Architekten, Ingenieure und Stadtplaner für eine zukunftsfähige Architektur und Ingenieurbaukunst. (2011). http://www.klima-manifest.de/fileadmin/mediaFiles/Bundesverband/pdfs/Manifest_Vernunft_fuer_die_Welt.pdf 
  4. Bund deutscher Architektinnen und Architekten. (2019, August 19). Das Haus der Erde. Positionen für eine klimagerechte Architektur in Stadt und Land. https://www.bda-bund.de/2019/08/das-haus-der-erde_bda-position/ 
  5. Grazer Deklaration für Klimaschutz im Baubereich. (2019). https://www.tugraz.at/fileadmin/user_upload/tugrazInternal/News_Stories/Medienservice/2019/SBE19/Call_from_Graz_DE.pdf 
  6. Leyen, U. von der. (2020, Oktober 17). Wir brauchen ein neues Europäisches Bauhaus. FAZ.NET. https://www.faz.net/1.7006741 

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