MoJo steht für Mobile Journalism oder Mobiler Journalismus. Mobiler Journalismus ist Journalismus mit dem Mobiltelefon und Journalismus für das Mobiltelefon. Moderne Handys und Kleinkameras können sendefähige Videos und Audios aufnehmen. Es werden neue journalistische Formen möglich—und schon alte Fragen nach der Rolle der professionellen Journalisten müssen neu gestellt werden.

Beispiele

Aufsehen erregte dieses Video, das Gio Bonitez mit dem iPhone für CBS (WFOR in Miami) produzierte—so viel Aufsehen, dass CBS darüber einen weiteren Beitrag brachte, natürlich ebenfalls mit einem iPhone produziert. Poynter Online hat einen ausführlichen Chat über diese Story veröffentlicht, mit Benitez und seiner Redakteurin Adrienne Roark. Beide sprechen nicht nur über die Tools, die sie verwendet haben, sondern auch darüber, dass durch das mobile Arbeiten neue Formate entstehen werden.

Moeed Ahmed, der New Media-Verantwortliche von Aljazeera, spricht in einem Interview mit Christian Payne während der New Yorker 140 Character Conference über die Bedeutung des mobilen Berichtens für Aljazeera:

Neue Formate

Interessant sind Mobilgeräte vor allem als Ergänzung anderer Hardware. Sie unterstützen den Prozessjournalismus: Ein Interviewer, den ein Kameramann begleitet, kann mit seinem Mobiltelefon zusätzliche Shots machen, die er z.B. für Blogposts verwendet, die die Hauptstory ergänzen. WFOR will sein gesamtes Personal mit mobilen Kameras ausstatten, um ununterbrochen und von verschiedenen Standorten aus über Hurricans zu berichten.

Tools

Software: Via Twitter posten lassen sich Videos mit TwitVid und Fotos mit Twitpic. Mit der Iphone App TweetMic kann man Sprachbotschaften twittern. Für Audioaufnahmen mit dem iPhone lässt sich iProRecorder oder voice memos benutzen.

Hardware: Die Standard-Hardware von Mobiltelefonen lässt sich ergänzen; so gibt es für das iPhone Stativ-Anschlüsse und Wechselobjektive. Es ist auch möglich (nach Jailbreak), auf einem iPhone mit einer Bluetooth-Tastatur zu schreiben.

Plattformen: Vom Mobiltelefon aus streamen kann man via Kyte oder qik.

Ressourcen:
GlobalMojo ist ein Blog ausschließlich über mobilen Journalismus. Als Informations- und Experimentierplattform ist news4mobile gedacht, das eine eigene Seite mit Ressourcen zum mobilen Journalismus enthält.

Mehr Links zum Mobilen Journalismus

Version: 19.7.2009

Gestern: Telefongespräch mit @brodnig über die Frage: Wozu Twitter? Ich habe schon einmal versucht, diese Frage nicht zu beantworten, und ich glaube noch immer, dass es keinen Sinn hat, nach dem Sinn, der wahren Bedeutung oder dem höheren Zweck von Twitter zu fragen.
Spätestens die Ereignisse nach der angeblichen Wahl im Iran haben aber gezeigt, was man mit Twitter besser machen kann als mit allen Werkzeugen, die es vorher gab: Man kann Nachrichten an eine beliebige Zahl von Followern verschicken, die die Nachricht weitergeben, wenn sie sie interessant finden. Twitter ist die Open Source-Version der Nachrichtenagentur. Dass Michael Jackson gestorben ist, habe ich gestern Nacht via Twitter erfahren. So wie jeder Informationen, die er für wichtig hält, in der Wikipedia veröffentlichen kann, so kann jeder via Twitter auf Ereignisse hinweisen. In der Wikipedia kontrollieren freiwillige Redakteure, ob die Information stimmt und relevant ist. Bei Twitter entscheiden die User, welchen Quellen sie trauen.
Mit Twitter kann man nicht mehr tun, als auf ein Ereignis hinzuweisen. Alle weiteren Informationen kann man nur verlinken. Twitter ist also eine Art Headline-Service.
Nachrichten zu veröffentlichen, ist im Web auch ohne Twitter möglich. Aber Twitter vereinfacht es radikal und bietet eine Infrastruktur, die es extrem einfach macht, Nachrichten zu folgen. Twitter ist — viel mehr als Blogging-Umgebungen — ein Werkzeug zum Publizieren wie zum Verfolgen von Nachrichten.

Für morgen ist die Wahl des nächsten Rektors der FH Joanneum angesetzt. Gewählt wird vom Kollegium, das die Lehrenden, die Studierenden und die Studiengangsleiter vertritt. Ich habe bereits auf die Profile der Kandidaten im Web hingewiesen.

Der Betriebsrat unserer Hochschule hat den Kandidaten drei Fragen gestellt und ihre Antworten hier veröffentlicht. Der Rektor der FH Joanneum ist auch wissenschaftlicher Geschäftsführer und damit Partner und Antipode des Betriebsrats.

Die Antworten bestätigen mir, dass nur einer der Kandidaten wählbar ist. (“Die Phrase ist das gestärkte Vorhemd vor einer Normalgesinnung, die nie gewechselt wird.“)

Sollen wir über die Wahl nicht öffentlich diskutieren? Ich sehe nichts, das dagegen spräche. Die Steuerzahler finanzieren uns, und wir arbeiten für die Allgemeinheit. Die Öffentlichkeit darf erfahren, wer uns als Rektor vorgeschlagen wird.

An der FH Joanneum wird ein neuer Rektor gewählt. Die Landesregierung hat am Montag einen Dreiervorschlag beschlossen. Ernst Sittinger hat gestern in der Printausgabe der Kleinen Zeitung (die meinungsbildende Zeitung in Graz) darüber berichtet, dass es im Kollegium rumort, weil Klaus Posch, der interne Kandidat mit den größten Chancen, nicht in den Dreiervorschlag aufgenommen wurde.

Über die für den Dreiervorschlag Nominierten kann man sich online informieren (Martin Baumann, ein Studierendenvertreter im Kollegium, hat die Links gesammelt):

Univ. Prof. Dr. Peter Baumgartner
http://www.peter.baumgartner.name/
http://www.donau-uni.ac.at/de/universitaet/whois/06393/index.php

Prof. Dr. Johann Günther
http://www.johannguenther.at/
http://www.johannguenther.at/pdf/lebenslauf_johann_guenther.pdf

Univ.-Prof. DI Dr. Karl P Pfeiffer
http://www.i-med.ac.at/msig/mitarbeiter/pfeiffer/index.html.de

Informationen über die Aktivitäten von Klaus Posch an der FH gibt es u.a. hier und hier; Hinweise auf einige seiner Publikationen findet man über Google Scholar.

Ich bin selbst Mitglied unseres FH Kollegiums, und ich erhalte wie viele meiner Kollegen gerade aus verschiendenen Quellen viele vertrauliche Informationen und höre viele Gerüchte. Ich kann also nicht objektiv, sondern nur als Beteiligter Stellung nehmen. Ich hoffe, dass über den Dreiervorschlag und darüber, wie er zustande kam, offen und transparent diskutiert wird. Als eine Grundlage einer solchen Diskussion publiziere ich hier diese Links. Ich hoffe, dass nicht nur ich über dieses Thema bloggen werde.

Natürlich bedauere ich, dass ein Bewerber, der unsere Hochschule und das — nicht leicht zu verstehende — österreichische Fachhochschulwesen sehr genau kennt, nicht zum Zuge gekommen ist. Die FH ist eine der größten österreichischen Fachhochschulen, und vor uns liegt eine schwierige Phase: Die Budgets wachsen uns nicht mehr, und der Bologna-Prozess gibt uns neue Chancen, uns in der europäischen Hochschullandschaft zu positionieren. Dazu braucht die Hochschule eine Leitung, die die Spezifika einer FH versteht.

Der Kleinen Zeitung — der steirischen Regionalzeitung — können meine Kollegen und ich entnehmen, dass die steirische Landesregierung am Montag darüber entscheiden wird, wie die Stelle des Rektors der FH Joanneum ausgeschrieben wird: Vollaths Fachhochschul-Coup. Uneingeweihte können den Artikel nicht verstehen: Im Kern geht es wohl darum, ob die nächste wissenschaftliche Geschäftsführerin wieder Vorsitzende des FH-Kollegiums sein (und damit auch vom Kollegium mitgewählt) wird. Offenbar hält die zuständige Bildungslandesrätin Vollath an dem in Österreich einzigartigen Modell der Personalunion von Geschäftsführung und Kollegiumsvorsitz fest, während ihre Kollegin Edlinger-Ploder nach einem neuen Modell sucht. Frau Vollath gehört der SPÖ an, Frau Edlinger-Ploder der ÖVP; sie war in der letzten Legislaturperiode für die FH verantwortlich. Eine Proporzvorschrift kettet in der Steiermark beide Parteien in der Regierung aneinander. Tatsächlich belauern sie sich, und zur Zeit (wie eigentlich immer) beziehen sie Stellung für den nächsten Landtagswahlkampf. Am Montag dürfte auch darüber entschieden werden, ob und wie die Fachhochschule Joanneum in diesen Landtagswahlkampf hineingezogen wird.

Ich bin als einer der Vertreter der Lehrenden der FH Mitglied unseres Kollegiums, und ich denke wenigstens wöchentlich darüber nach, dieses Gremium zu verlassen. Der Bericht in der Kleinen Zeitung bringt mich diesem Schritt ein Stückchen näher. Zur zukünftigen Führungsstruktur der FH hat das Kollegium eine Stellungnahme formuliert; welche Rolle sie für die Entscheidung der Landesregierung spielt, wissen wir nicht. In der schlechten spätabsolutistischen Tradition der Steiermark werden Entscheidungen nicht offen diskutiert, bevor sie getroffen werden. Es gibt wenige Wissende und einige Personen in deren Umkreis, denen Indiskretionen zugeworfen werden. Auf eine solche Indiskretion dürfte auch der Artikel in der Kleinen Zeitung zurückgehen, der offenbar darauf abzielt, die Bildungslandesrätin zu schwächen. Der Einfluss des FH-Kollegiums, das für die Qualität von Lehre und Forschung verantwortlich ist, ist extrem gering. Noch komplizierter werden die Machtspiele um die FH durch einen politbüroartig agierenden Aufsichtsrat, gegen den sich, wie aus dem Artikel in der Kleinen hervorgeht, auch die vorgesetzte Landesrätin nicht immer durchsetzen kann, und durch die interne FH-Bürokratie, die in der Vergangenheit FH-Geschäftsführungen gefährlich geworden ist und im Gegensatz zu den Studiengängen nie evaluiert wird.

Die FH Joanneum hat einen guten Ruf; die Arbeitsbedingen sind nach wie vor besser als an vielen Universitätsinstituten. Ihren Ruf und ihre Qualität hat sie in einer Zeit erworben, in der sie relativ klein und überschaubar war und unbürokratisch geführt wurde — von Personen, die akademische Ansprüche hatten, auch wenn die FH als GmbH organisiert war. Wenn wir unsere Position auf dem Bildungsmarkt halten oder verbessern wollen, brauchen wir dringend und schnell:

  • eine innovations- und sachorientierte Führung mit Handlungskompetenzen;
  • transparente, entbürokratisierte Entscheidungsstrukturen, und vor allem eine
  • konsequente Entpolitisierung der Hochschule.

Wichtig wäre außerdem, dass tatsächlich ergebnisoffene und öffentliche interne und externe Diskussionen über die Entwicklung der FH und ihrer Studiengänge geführt werden. Alles intern und extern vorhanden Wissen muss genutzt werden, wenn die FH ihre Aufgaben als Wissens- und Innovationszentrum für die Region und ihre Wirtschaft erfüllen soll.

Heute nehme ich in Dieburg an der Tagung Zukunft Online-PR 2009. Zur Vorbereitung des Workshops RSS – Inhalte jenseits der Website zugänglich machen, den ich dort am Nachmittag moderiere, hier eine Mindmap:

(Direktes Linkzur Mindmap)

Als Diskussionsgrundlage habe ich fünf Thesen formuliert.

  1. Newsfeeds sind eine Form der Benutzer-zentrierten Content-Distribution. Sie unterstützen das Vendor Relationship Management bei Medien und gehören zu den Werkzeugen der PR jenseits der Massenmedien.

  2. RSS existiert schon lange, wird aber vor allem von Profis und Info-Junkies intensiv verwendet. Newfeeds sind ein wichtiges Tool vor allem für die Ansprache professioneller Zielgruppen.

  3. Die PR kann und sollte alle Anwendungsmöglichkeiten von RSS nutzen — außer dem Publish-Subscribe-Mechanismus auch das Aggregieren, Filtern und Mashing up von Feeds.

  4. Die PR kann und sollte das ganze Spektrum der Inhalte verwenden, die über Feeds verteilt werden können: außer Texten und Medien (Podcasts) z.B. auch Eventdaten und geografische Informationen.

  5. Newsfeeds gehören zum zweiten Layer der Publikationsformate im Web; sie erweitern das erste Layer (HTML) und funktionieren zusammen mit ihm. Ein drittes Layer, das von Twitter und XMPP repräsentiert wird, entsteht gerade und erlaubt das Live Web oder Real Time Web.

Mindmap und Thesen werde ich heute vielleicht noch erweitern; ich hoffe auf ein spannendes Gespräch.

Ich habe noch nie etwas zu Twitter geschrieben, weil mir dazu nie etwas Interessantes eingefallen ist. Währenddessen häufen sich in meinen ungelesenen starred items und meiner Read It Later-Liste Texte über Twitter. Ein paar meiner Studis und Kollegen sind sehr erfolgreiche Twitterer, und viele sind von Twitter begeistert. Hier ein paar erste Bemerkungen zu Twitter bzw. zum Microblogging (ich verwende die Ausdrücke synonym). Sie gehören in eine Materialsammlung zu den Formen der Webkommunikation (und sind weder inhaltlich noch stilistisch ausgereift).
Ich finde, fast alle Texte über Twitter, die nicht einfach Tools beschreiben, haben etwas gemeinsam: Sie schreiben, wie man Twitter für das nutzt, was die Autorin auch schon am meisten interessiert hat, bevor es Twitter gab — dabei kann es sich um Marketing, Journalismus, PR, Wissensaustausch oder Celebrity Gossip handeln. Je mehr ich über Twitter nachdenke, desto mehr finde ich: Die Frage: Welchen Sinn hat Twitter? hat keinen Sinn. Twitter ist kein Werkzeug, sondern eine Kommunikationsform. Und wie Kommunikation selbst haben auch Kommunikationsformen wohl keinen höheren Zweck — oder sehr viele unterschiedliche Zwecke, die immer wieder neu besprochen, ausgehandelt und festgelegt werden, während man kommuniziert. Mit Twitter kann man twittern, so wie man mit einem Telefon telefonieren, oder mit einem Blog bloggen kann.

Punkte, die mir bei Twitter wichtig sind:

  1. Twittern/Microblogging ist ein eigenes Format der Webkommunikation, das nicht durch andere Formen (z.B. Blogs, Wikis) ersetzbar ist, aber mit ihnen verglichen werden kann.
  2. Twitter erlaubt es offenen Gruppen von Menschen (und auch Services) im Web, sich zu beobachten und zu kommunizieren, und erleichtert es ihnen damit, sich zu organisieren.
  3. Twitter ist ein Teil des Webs. Twitter kann damit die Möglichkeiten des Webs und der Webkommunikation nutzen und ist für andere Formen der Webkommunikation einschließlich aller technischen Erweiterungen direkt anschlussfähig.
  4. Man twittert in der Öffentlichkeit des Webs; Twittern ist eine Publikationsform und eine Option für jeden, der im Web publiziert.

Weblogs — Twitter — Wikis

Vom Bloggen unterscheidet sich Twittern u.a. dadurch,

  • dass es in Echtzeit beobachtet wird,
  • dass Twitterer ihre Follower kennen, und
  • dass man mehrere oder viele Twitterer gleichzeitig beobachtet.

Wie das Bloggen ist Twittern aber eine hypertextuelle Gattung. Es ist also auch asynchron beobachtbar, und jede Äußerung ist verlinkbar, so dass man immer wieder an sie anschließen kann. Der Übergang zwischen Twittern und Bloggen ist fließend — man kann ohne Follower twittern, und man kann Twitterer im Web beobachten, ohne sich bei dem Service anzumelden. Aber das Besondere an Twitter besteht darin, dass man anderen ohne einen zwischengeschalteten Service (wie einen Feedreader) in Echtzeit folgt, und dass man weiß, wer einem selbst folgt.
Mit dem Schreiben in Wikis hat Microblogging auf den ersten Blick wenig gemeinsam, aber auch bei Twitter arbeiten viele Autoren zusammen an Seiten, und wie in einem Wiki kann man sehr leicht zwischen den Seiten navigieren. Wie
Wikis macht es auch Twitter so leicht wie nur möglich mitzumachen. Es gibt (Hashtags, @-Syntax) sogar etwas wie ein spezielles Markup. Während bei einem Wiki Wissen zusammengestellt wird und damit etwas Dauerhaftes entsteht (das aber trotzdem von einer Community getragen und geschützt werden muss, wie es für die Wikipedia Clay Shirky beschreibt), erfährt man bei Twitter, was gerade los ist. Wikis wurden von vielen für etwas Absurdes gehalten, bis dann die Wikipedia gezeigt hat, was mit diesem Format möglich ist. Genauso hielten und halten viele Twitter für sinnlos. Möglicherweise werden sie erleben, dass Twitter alles, was mit Nachrichten zu tun hat, so revolutioniert wie es die Wikis mit dem Wissensaustausch getan haben und tun.

Many to many

Am interessantesten erscheint mir bei Twitter, dass damit viele mit vielen kommunizieren können. Das wird nicht durch das Subskribieren von Twitterern ermöglicht, sondern durch die Beschränkung der Länge der Tweets auf 140 Zeichen. Man twittert immer in eine Wolke von Menschen hinein. Ein Menge von Botschaften unterschiedlicher Sprecher tritt an die Stelle von Monologen oder Dialogen.
Mit Twitter wird eine andere Form von Community oder Gruppe möglich als durch Wikis (zielgerichtete Kollaboration) oder Blogs (Gedanken- und Erfahrungsaustausch). Durch Twitternachrichten lässt sich eine Webcommunity permanent beobachten. Vielleicht ist das der Kern des Phänomens: Twitter gibt Communities im Weg die Möglichkeit, sich in Echtzeit zu wahrzunehmen. Dabei ist der Austausch synchron und asynchron ohne Medienbruch für andere Webteilnehmer prinzipiell offen; das unterscheidet Twitter von Gruppenchats oder dem Austausch in social networks.

Anschlusskommunikation

Twitter erlaubt einen unmittelbaren, interaktiven Umgang mit Echtzeitkommunikation über die unmittelbare Kommunikationssituation hinaus. Es macht Echtzeitkommunikation im Web anschlussfähig, weil sie direkt im Web beobachtbar und adressierbar ist. Man kann auf Tweets verlinken, man kann Streams von Tweets in Widgets zeigen, und man kann sie mit den verschiedensten Tools auswerten bzw. für Mashups verwenden. Vielleicht kann man sagen: Twittern erschließt für das Web eine Kommunikationsform, die vorher zwar im Internet (seit dem IRC) aber nur außerhalb des Webs möglich war. Damit erschließt es umgekehrt für die Echtzeitkommunition die Vielfalt der Möglichkeiten des Webs.

Twittern als Publikationsform

Wenn man twittert, statt zu chatten, begibt man sich in die Öffentlichkeit des Webs (auch wenn sich diese Öffentlichkeit einschränken lässt, indem man seine Tweets nur Followern zugänglich macht, die man vorher akzeptiert). Noch mehr als andere Formen der Webkommunikation ist dabei Twittern writing as a performing art. Twittern hat nur da einen Sinn, wo man die Vorteile des Webs benötigt, z.B. Verlinkbarkeit von Informationen, Zugänglichkeit für eine große, potenziell unbeschränkte Öffentlichkeit und Kombinierbarkeit von verschiedenen Medien. Wenn Twittern nicht nur eine Kuriosität ist, sondern eine der wichtgen Kommunikationsformen im Web, ist es damit eine ständigen Option für alle, die im Web publizieren. Wo immer öffentliche Information in Echtzeit (und am besten durch mehrere Autoren) sinnvoll ist, stellt sich die Frage, warum man nicht einfach twittert.

Wir starten im Herbst einen Bachelor-Studiengang Journalismus und PR. Darin bin ich für das Gebiet Web zuständig — zusammen mit Karin, die uns international vernetzt und sich mit didaktischen Themen beschäftigt, und hoffentlich oft im team teaching mit Boris, Maria und anderen Kollegen. Als ich vor ein paar Jahren begonnen habe, an der Fachhochschule zu unterrichten, bin ich aus der Praxis in die Lehre hineingestolpert. Jetzt haben wir eine Chance, etwas systematischer zu überlegen, was unser Unterricht soll und wie wir ihn anlegen.

Die Studenten haben drei Jahre Zeit, von denen sie ein halbes im Praktikum sind. Für das Thema Web stehen in den ersten Semestern ein paar Stunden zur Verfügung; im letzten Semester ist es dann möglich, sich auf Soziale Medien zu spezialisieren — als Alternative zu Journalismus oder PR. Das ist nicht sehr viel Zeit, und den größten Teil des Studiums werden sich die meisten mit älteren Medien und den herkömmlichen Formen der PR beschäftigen. Ein Teil wird nach dem Abschluss weiterstudieren, alle sollten nach dem Examen darauf vorbereitet sein, in der Medienbranche zu arbeiten. (Natürlich müssen wir alle Themen crossmedial unterrichten. Aber Spannungen, Debatten zwischen den Vertretern alter und neuer Medien sind lehrreicher als künstliche Harmonisierung.)

Was müssen die Studenten wissen? Was sind die wichtigsten Themen? Klar ist, dass es nicht vor allem um Faktenwissen gehen kann, das funktioniert schon quantitiv nicht, und die meisten Fakten, die man ihnen beibringen könnte, sind ohnehin schon in ein paar Jahren veraltet. Der Satz

life is not about stuff; it’s about possibilities

gilt ganz sicher für jede Art von Bildung oder Ausbildung.

Ich suche nach einer Formulierung (einem mission statement oder einer Leitlinie), die unterschiedliche Ansprüche erfüllt:

  1. Die Studenten müssen sie verstehen, und zwar so, dass sich ihr möglichst viel von dem, was wir in unserem Unterricht machen, zuordnen lässt.

  2. Sie muss sowohl für den Journalismus wie für die Unternehmenskommunikation gelten.

  3. Sie muss gültig sein, auch wenn alle hergebrachten Begriffe von Professionalität im Medienbereich in eine Krise geraten sind.

Als allgemeinste Zusammenfassung unserer Ziele fällt mir ein: den Studenten beibringen, wie sie mit den Mitteln des Web Mehrwert für ihre Leser oder User erzeugen. Das klingt nach langweiliger Unternehmenspräsentation. Vielleicht könnte ich auch sagen: den Studentinnen beibringen, wie man die Leser mit den Mitteln des Web so informieren und unterhalten kann, dass sie wiederkommen, dass sie der Autorin oder dem Medium, in dem sie schreibt, die Treue halten. Im Kern ist das eine uralte Zielsetzung. Nur die Mittel sind neu. Die Leserinnen oder Userinnen sollen etwas von dem haben, was ihnen Journalisten oder Unternehmenskomunikatoren bieten, und Professionalität besteht zu einem großen Teil darin, zu wissen, wie sie möglichst viel davon bekommen.

Ganz zufrieden bin ich mit der Orientierung am Mehrwert nicht — aber ich werde daran weiterdenken, bis ich auf eine prägnantere oder präzisere Formel stoße. Vielleicht fällt ja den Studierenden eine ein?

Meine Arbeit bestünde dann übrigens zu einem guten Teil darin herauszufinden, wo und wie sich mit den Mitteln des Web die Qualität von Nachrichten (im allerweitesten Sinn) verbessern lässt, und noch mehr darin, die Studentinnen anzuregen, das selbst zu entdecken. Ein interessanter Job — ich wünsche mir keinen anderen.

network literacies sind eine Form der Bildung, und Bildung bedeutet immer Teilhabe an Kommunikation. Wer nicht genug gebildet ist, kann an Kommunikation, die für ihn wichtig sein könnte, nicht oder nicht ausreichend teilnehmen. Wer nicht humanistisch gebildet ist, findet keinen Zugang zu einem Teil der literarischen Tradition. Selbst der altertümliche Ausdruck Herzensbildung meint die Teilhabe an der Gefühlen anderer, die durch Erfahrung und Erziehung kultivierte Fähigkeit, sich in andere einzufühlen.

Bildung als Teilhabe

Wer nicht über network literacies verfügt, kann die Netzmedien, kann das Internet und die mit ihm amalgamierten mobilen Medien nicht ausreichend nutzen, um an wichtigen Gebieten der gesellschaftlichen und privaten Kommunikation teilzuhaben. Umgekehrt: network literacies sind die Fähigkeiten oder die Kompetenzen, die man benötigt, um an der auf dem Internet und mobiler Kommunikation beruhenden aktuellen Zivilisation teilzunehmen. Der Ausdruck meint also einerseits technische Fähigkeiten. Andererseits bezieht er sich aber auf die Kompetenz, diese Fähigkeiten kommunikativ zu verwenden. Das lässt sich durch eine Analogie mit der humanistischen Bildung verdeutlichen. Zur humanistischen Bildung gehören technische Fähigkeiten, z.B. ein gewisses Maß an Kenntnis antiker Sprachen. Die humanistischen Bildung besteht aber nicht in diesen technischen Fähigkeiten sondern in der Kompetenz, sie situationsbezogen zu benutzen. Und diese Kompetenz, sie situationsbezogen zu benutzen, hängt von einem sozialen Wissen um das, was möglich und angemessen ist, ab.

Eine Umwelt mit einem Netzwerk teilen

Wer network literacies besitzt, kann Situationen so übersetzen, dass er als Angehöriger einer im Netz kommunizierenden Gruppe mit ihnen umgehen kann. Christoph Chorherr hat gezeigt, dass er die Ausgangssituation der Grünen im österreichischen Wahlkampf so interpretieren kann, dass eine im Netz kommunizierende Gruppe, nämlich die österreichische Blogger-Szene, produktiv an ihr mitarbeitet. Dazu gehören technische Kenntnisse: Chorherr weiß, wie man ein Weblog schreibt. Diese technische Fähigkeit allein reicht aber nicht, um andere Blogger dazu zu bringen, Ideen für den grünen Wahlkampf zu entwickeln. Chorherr verwendet seine technischen Fähigkeiten, um mit anderen ein Problem zu lösen — anders gesagt: um eine Situation in ein mit anderen lösbares Problem zu verwandeln. Die Situation wird damit zur Umwelt eines Netzwerks (Netzwerk hier verstanden als eine Form der sozialen Organisation), und das Netzwerk verändert sich, indem es sich auf diese Umwelt bezieht.

Technisches und soziales Wissen

Wenn diese Überlegung richtig ist, gehören zu den network literacies zwei Komponenten: einerseits technische (zu denen ich auch die sprachlichen und gestalterischen rechne) und andererseits soziales Wissen. Das soziale Wissen besteht in der Fähigkeit, in einer online kommunizierenden Gruppe auf Situationen zu reagieren bzw. darin, Situationen in einer online kommunizierenden Gruppe zu interpretieren. Geht man von Clay Shirkys Stufen der Gruppenbildung aus — Teilen, Kollaboration, kollektive Aktion — dann beginnen network literacies mit der Fähigkeit, Informationen online so zu teilen, dass die Möglichkeiten der Gruppenmitglieder gesteigert werden. Sie setzen sich fort in den Fähigkeiten, gemeinsam etwas zu schaffen und gemeinsam Ziele zu erreichen, z.B. politisch zu agieren.

Probleme lösbarer machen

Was erspare ich Menschen, denen ich network literacies vermittele? Sie können spezifische Probleme leichter lösen, weil sie von Gruppen unterstützt werden, mit denen sie online (aber meist nicht nur online) verbunden sind. Sie werden nicht versuchen, auf Situationen, die sich in die Umwelt einer online agierenden Gruppe übersetzen lassen, zu antworten, indem sie sich individuell anstrengen oder Organisationsformen aus der analogen Welt anwenden. Sie nutzen die Ressourcen online kommunizierender Gruppen und stellen ihre Ressourcen einem Netzwerk zur Verfügung zu stellen. Ich nehme meine eigene Situation als Lehrender als Beispiel: auf network literacies greife ich in dem Maß zurück, in dem ich Situationen, die ich im Unterricht bewältigen muss, in die Umwelt der online vernetzten learning community des Studiengangs, in dem ich arbeite, übersetze; zu ihr gehören viele Studierende und eine hoffentlich wachsende Zahl von Lehrenden. Die Studenten untereinander und ich als Lehrender können uns über Lernziele, Probleme, Bedarf nach zusätzlichen Informationen und wichtige Nachrichten auf dem Laufenden halten und uns gegenseitig unterstützen. Eine zweite — mit der ersten verschränkte — Gruppe bilden die Menschen außerhalb des Studiengangs, mit denen ich via Blog, Twitter oder Facebook in Verbindung stehe. Auch mit ihnen teile ich Fragestellungen, Interessen und Probleme. Um die Ressourcen beider Gruppen zu nutzen und ihnen meine Ressourcen zur Verfügung zu stellen, reicht technisches Wissen allein nicht aus. Ich muss besondere, individuelle Situationen in und für ein Netzwerk interpretieren.

[Letzte Version: 17. Juli 2008]