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Nichtretinale Fotografie: Zita Oberwalder im Künstlerhaus

Einladung zur Ausstellung Zita OberwaldersWas behalte ich von der Stunde im Künstlerhaus am intensivsten im Gedächtnis? Einige Minuten, in denen ich die Fotos allein anschaue und kurz glaube zu spüren, wie das Licht auf den Film eingewirkt hat —nicht als etwas, das registriert wird, sondern als labiles Gleichgewicht zwischen dem Schwarz der Lichtlosigkeit und dem Weiß der Überbelichtung. Und die Fotografin Zita Oberwalder selbst, die so lebendig und reflektiert über ihre Arbeit spricht, dass ich sie gefragt habe, ob es andere Gelegenheiten gibt, sie zu hören.
Ich habe erst ganz kurz vor dem Beginn des „Künstlergesprächs“ gesehen, dass die Ausstellung stattfindet. Ich hatte vorher noch nie etwas von Zita Oberwalder gehört. Nach dem Besuch glaube ich, dass sie einer interessantesten Köpfe der Grazer Kulturszene ist. Und ich habe etwas über Fotografie erfahren, das mir vorher nicht klar war—dass man Fotografien ähnlich ansehen kann wie die Drucke von Grafikern, in denen man die Spur des Stichels oder der Nadel spürt. Nur dass das Werkzeug hier das Licht ist, dass bei Zita Obermüller, die analog fotografiert, den Film getroffen hat und dann in der Dunkelkammer sichtbar gemacht wurde.
Dabei frage ich mich, wie wichtig dieser Aspekt für Zita Oberwalder selbst ist. Sie hat in dem Gespräch mit Christian Egger andere Aspekte ihrer Fotografien hervorgehoben. Sie ist vom Raum fasziniert, von Übergängen und Bewegungsmöglichkeiten und von den Wirklichkeiten, die in einem Bild erst sichtbar werden, wenn man etwas über den Ort weiss, der dargestellt wird: eine Mauer in Irland, die ein Exekutionsplatz war, ein Wald mit Zypressen und Ölbäumen, die an die Opfer des Terroranschlags in Madrid erinnern. Mich hat ihr intellektueller Zugang zu ihrer Arbeit angesprochen, die literarische, zitierende Reflexion darüber. Sie hat eine Buch über das Gehen erwähnt, als sie über die Bedeutung der Bewegung sprach, über Ovid gesprochen, mit dem sie sich in einem Langzeit Projekt beschäftigt, und auf abstrakte Lyrik von Dylan Thomas hingewiesen.
Marcel Duchamp hat die Kunst, die ihn interessiert, von der retinalen Malerei abgesetzt, also der Kunst, die das Vorgegebene nur reproduziert. Vielleicht kann man eine fotografische Arbeit wie die von Zita Oberwalder von einer retinalen Fotografie absetzen. Die Fotos zeigen visuell etwas, das man nicht sehen kann, aber nicht indem sie es symbolisieren, sondern indem sie auf etwas verweisen, das präsent ist, aber sich der Sichtbarkeit entzieht. Sie verweisen auf etwas im Dunklen, das mit dem Sichtbaren zugleich da ist. So interpretiere ich eine Bemerkung Zita Obermüllers in der Ausstellung, die ich nicht verstanden habe: In der hellen Kammer stehe, dass jedes Foto sage, dass das was es zeige, vergangen sei. Sie selbst wolle etwas zeigen, das gegenwärtig, das da ist, nicht nur vergangen. Dabei geht es wohl auch um die Anwesenheit der Toten, der Geschichte, der Nacht an einem Ort—nicht um etwas Hermetisches, sondern um die Präsenz bestimmter Toter, einer bestimmten, aber nicht sichtbaren Geschichte an einem bestimmten Ort, der sichtbar gemacht werden kann, zu dem man sich bewegen kann.
Durch den nichtretinalen, abstrahierenden, vielleicht minimalistischen Ansatz Zita Obermüllers hat mich die Ausstellung im Künstlerhaus an eine andere Fotoausstellung erinnert, bei der ich etwas für mich ganz Neues entdeckt habe: die Lewis Baltz-Ausstellung in der Albertina vor ein paar Jahren. Mich interessieren Fotografen, die das Sichtbarmachen oder Sichtbarwerden thematisieren, statt aufzuzeichnen oder zu wiederholen, was man sieht.
Die Fotografien Obermüllers beziehen sich nicht nur auf bestimmte Orte, zu denen die Fotografin gefahren ist, sie sind auch selbst materielle Objekte, unterschiedlich gedruckt—im Grazer Künstlerhaus einerseits im Großformat und andererseits klein, in einem in Leinen gebundenen Skizzenbuch. In ihrem Minimalismus passt die Ausstellung zu den Bildern Zita Obermüllers — erst recht jetzt an einem Februarabend, nachdem es geschneit hat und alles, was nicht weiss oder schwarz ist, nur wie ein Übergang wirkt.

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