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“Radikale Politisierung aller ökologischen Fragen”—erste Notizen zu “Abondance et liberté” von Pierre Charbonnier

Gestern habe ich mir Abondance et liberté von Charbonnier als Ebook gekauft und den ersten Teil der Einleitung gelesen. Ich habe mir vorher noch ein Gespräch mit Charbonnier auf France Culture angehört.

Mein erster Eindruck ist, dass dieses Buch eine Basis für politisches Denken im Anthropozän formuliert. In dem Interview sagt Sylvain Bourmeau, Charbonniers Gesprächspartner, dass Charbonnier den Gedanken einer radikalen Politisierung aller ökologischen Fragen vertritt. Damit ist gemeint, dass er zeigt, dass alles, was bisher als Umweltfrage galt, also als Frage der Beziehung zu etwas außerhalb der Gesellschaft, heute zu einer politischen Frage geworden ist. Es ist auch gemeint, dass alle bisherigen politischen Fragen auch Fragen sind, die die Umwelt, oder besser: die nichtmenschlichen Komponenten der Gesellschaft betreffen.

Dabei will Charbonnier in seinem Buch zeigen, dass auch das bisherige politische Denken sich immer mit der Beziehung der Gesellschaft zur Erde, zu den materiellen Ressourcen beschäftigt hat. Ökologie als Thematisierung der Gesellschaft zu einer von ihr getrennten Umwelt ist damit obsolet. L’écologie est finie. Die Gesellschaft lässt sich nicht unabhängig von dem thematisieren, was als Nichtgesellschaft, als Umwelt, auch als Technik angesehen wurde. Gesellschaft existiert nicht unabhängig etwa von Territorien (schon das Wort drückt aus, dass sie etwas Soziales sind) oder von natürlichen Ressourcen, die ausgebeutet werden können. Es gibt keine Gesellschaft ohne diese materielle Basis (wenn dieser marxistische Ausdruck adäquat ist), und deshalb gibt es auch keine Möglichkeit, die Gesellschaft unabhängig von dieser Basis begrifflich zu erfassen und zu erforschen. (Charbonnier hat sich in einem früheren ausführlichen Buch mit der Unterscheidung von Natur und Gesellschaft in der Soziologie beschäftigt.)

Für Charbonnier gibt es in der Neuzeit drei große Formationen der Bestimmung von Politik und Wirtschaft im Verhältnis zum Boden und zu Ressourcen: die Phase, in der es vor allem um die Beherrschung und Organisation des Landes und seiner Produkte ging, die Phase der industriellen Ausbeutung von Ressourcen, und die jetzt beginnende Phase, in der die planetary boundaries (Charbonnier erwähnt sie hier nicht ausdrücklich) und die Folgen ihrer Überschreitung den bestimmenden Kontext aller sozialen Aktivitäten bilden. Diese dritte Phase ist neu, und wir beginnen erst sie zu verstehen. Charbonnier versucht über den Umweg der Analyse der politischen Theorie der beiden vergangenen Formationen zu erfassen, worin die Besonderheiten und worin die politischen Aufgaben in dieser neuen Formation bestehen.

Verbunden sind diese drei Formationen durch das Thema der Autonomie. Wenn ich Charbonniers Ansatz nach der allerersten Lektüre schon richtig verstehe, dann zeigt er, dass Autonomie in der ersten, vorindustriellen Formation der Neuzeit bezogen auf Territorien gedacht und realisiert wurde, und dass nach der Entdeckung der fossilen Energieträger die politischen und sozialen Kämpfe vor allem davon bestimmt wurden, Autonomie in Verbindung mit einer immer radikaleren Ausbeutung der Ressourcen zu realisieren. Gerechtigkeit und Teilhabe am industriell produzierten materiellen Überfluss hängen dabei in unterschiedlicher Form voneinander ab. Mit der radikalen Politisierung aller ökologischen Fragen im Anthropozän ist gemeint, dass Autonomie nun unter Bedingungen gerecht hergestellt werden muss, unter denen die weitere Ausbeutung der Ressourcen die Autonomie von immer mehr der jetzt und schon in naher Zukunft lebenden Menschen radikal in Frage stellt. Vielleicht versimpele ich die Ideen Charbonniers zu stark—aber ich habe das What do we want? Climate justice! When do we want it? Now! der Klimademonstrationen im Ohr, wenn ich solche Passagen lese.

Ich bin auf das Buch sehr gespannt. Charbonnier ist kein collapsologue, wie es sein Interviewpartner sagt. Er gibt den Anspruch auf Autonomie nicht auf und sieht der Auflösung der Allianz von Autonomie und industrieller Erzeugung von immer mehr materiellem Überfluss als notwendige, aber theoretisch und politisch schwer zu lösende Aufgabe—unter Bedingungen, in denen ein weiteres Überschreiten der planetaren Grenzen die Existenz der bestehenden Gesellschaft schon in der unmittelbaren Zukunft gefährdet.

Anmerkung: Ich habe gestern schon etwas zu Charbonnier geschrieben. Ich versuche hier meine Gedanken nach einer kurzen Lektüre zu formulieren—es kann durchaus sein, dass ich mit meiner Interpretation schief liege.

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