Mit Karl Rose, dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Energie Steiermark und „Energie-Experten“, habe ich mich hier schon ausführlich beschäftigt. Rose war bis vor kurzem (Haase, 2024) im Aufsichtsrat der OMV. Dort und als Berater der Adnoc, der Öl- und Gasfirma der Vereinigten Arabischen Emirate, trieb er die fossile Expansion aktiv und in einer verantwortlichen Rolle voran. Ich habe selbst gehört, wie er bei einem Vortrag in Graz darauf hinwies, dass er Fluggesellschaften Öl verkauft habe (Rose, 2023).

Hier in der Steiermark hat er die Rolle des „Energie-Experten“. Für diese Rolle ist der Titel des Universitäts-Professors hilfreich, den Rose von der Karl-Franzens-Universität erhalten hat, obwohl er so gut wie keine selbsterstellte wissenschaftliche Arbeit veröffentlicht hat (Rose Karl – Publikationen – Forschungsportal – Karl-Franzens-Universität Graz, 2025).

In dieser Rolle tritt Rose nicht als Klimaleugner auf. Im Gegenteil: Er weist zu Recht darauf hin, dass viel zu wenig geschieht, um die globale Erhitzung zu bremsen. Dabei beruft er sich auf glaubwürdige Quellen. So hat er jetzt bei einem Vortrag vor steirischen Installateuren festgestellt, dass die Temperaturen im Vergleich zur vorindustriellen Zeit um 2,7° steigen würden („Auch das 2-Grad-Klimaziel wird fallen“, 2025). Damit gibt er wieder, wie sich die Temperaturen nach dem jetzigen Kenntnisstand mit mittlerer Wahrscheinlichkeit entwickeln werden, wenn die Staaten der Erde ihre aktuelle Politik fortsetzen (Climate Action Tracker, 2024).

Rose stellt solche Entwicklungen aber als unausweichliches Schicksal dar. Er lässt konsequent den Zusammenhang weg, in den Prognosen über die zukünftige Temperaturentwicklung in der Klimawissenschaft und in den Gremien der Vereinten Nationen gestellt werden: Dass alles unternommen werden muss, um diese Entwicklung zu verhindern, und dass es dafür noch nicht zu spät ist. Die Wirkung dieses selektiven Umgangs mit Informationsquellen entspricht den Interessen von Roses früheren Arbeit- und Auftraggebern: die notwendigen und möglichen radikalen Maßnahmen zur Abkehr von Öl- und Gas nicht zu ergreifen oder in eine unbestimmte Zukunft zu verschieben. Das ist das genaue Gegenteil dessen, was in den Dokumenten gefordert wird, auf die Rose sich bezieht.

Rose selbst spricht den falschen Schluss, den sein Publikum aufgrund seiner verkürzten Darstellung der Fakten ziehen muss, nicht aus. Aber er macht diesen Schluss – dass es sinnlos sei, eine entschlossene Dekarbonisierung zu fordern, weil es zu spät für sie ist – durch Zusatzbehauptungen akzeptabel, die ihn weniger abwegig erscheinen lassen: Auch eine Erhitzung um 2,7° sei keine Katastrophe, es sei, wie Rose offenbar wörtlich gesagt hat, „nicht die Totalkatastrophe“ und „nicht nötig, sich dafür auf die Straße zu kleben“. Diese Verharmlosung Roses widerspricht eindeutig wissenschaftlichen Erkenntnissen: Eine Erhitzung um 2,7° hätte katastrophale Folgen für die Menschen in vielen Regionen der Erde (Lenton et al., 2023) und sie wäre mit extremen Risiken verbunden wie dem, Kaskaden von Kipp-Elementen auszulösen (Armstrong McKay et al., 2022), die sogar den Untergang der menschlichen Zivilisation bewirken könnten (Kemp et al., 2022).

Extrem fragwürdig ist auch eine weitere Argumentationslinie Roses: Man werde die Probleme der globalen Erhitzung mit technischen Mitteln lösen. Hier handelt es sich um einen Glaubenssatz, den man argumentativ nicht widerlegen kann, dem aber weder der Weltklimarat noch die österreichische Klimawissenschaft zustimmen. Sicher ist, dass technische Mittel nicht ausreichen werden, um die weitere Erhitzung noch vor einer globalen Katastrophe zu stoppen, sondern dass eine Vielzahl von Maßnahmen – darunter der Verzicht auf fossile Subventionen und die Reduzierung der Nachfrage nach Energie – dazu nötig ist (IPCC, 2022).

Rose spricht bevorzugt vor Gruppen, die seine Aussagen und seinen Expertenstatus nicht beurteilen können. Die Kleine Zeitung macht ihn in ihrem Artikel über die Installateurstagung sogar zum Direktor des Weltklimarats (Lehner, 2025). Die WKO – eine der Institutionen, die in Österreich seit Jahren Klimapolitik blockieren (Narodoslawsky, 2024) – zitiert ihn auf ihrer Website ohne jede Bewertung oder Distanzierung. Seine angebliche Expertise ist ein Teil der provinziellen Dumpfheit und Ergebenheit in das angeblich Unausweichliche, die es Roses früheren Auftraggebern leicht macht, vom globalen Ökozid zu profitieren.

Nachweise

Armstrong McKay, D. I., Staal, A., Abrams, J. F., Winkelmann, R., Sakschewski, B., Loriani, S., Fetzer, I., Cornell, S. E., Rockström, J., & Lenton, T. M. (2022). Exceeding 1.5°C global warming could trigger multiple climate tipping points. Science, 377(6611), eabn7950. https://doi.org/10.1126/science.abn7950
„Auch das 2-Grad-Klimaziel wird fallen“. (2025, March 20). wko.at. https://www.wko.at/stmk/news/-auch-das-2-grad-klimaziel-wird-fallen-interview-karl-rose
Climate Action Tracker. (2024). Warming Projections Global Update. Climate Action Tracker. https://climateactiontracker.org/documents/1277/CAT_2024-11-14_GlobalUpdate_COP29.pdf
Haase, C. E. (2024, May 28). OMV-Hauptversammlung: Vertreter aus Abu Dhabi: „Schlagen ein neues Kapitel unserer Beziehung auf“. https://www.kleinezeitung.at/wirtschaft/18510476/vertreter-aus-abu-dhabi-schlagen-ein-neues-kapitel-unserer-beziehung
IPCC (Ed.). (2022). Summary for Policymakers. In Climate Change 2022 – Mitigation of Climate Change. Working Group III Contribution to the IPCC Sixth Assessment Report (AR6). https://report.ipcc.ch/ar6wg3/pdf/IPCC_AR6_WGIII_SummaryForPolicymakers.pdf
Kemp, L., Xu, C., Depledge, J., Ebi, K. L., Gibbins, G., Kohler, T. A., Rockström, J., Scheffer, M., Schellnhuber, H. J., Steffen, W., & Lenton, T. M. (2022). Climate Endgame: Exploring catastrophic climate change scenarios. Proceedings of the National Academy of Sciences, 119(34), e2108146119. https://doi.org/10.1073/pnas.2108146119
Lehner, C. (2025, February 14). Hochkarätige Gäste: In Lannach sprachen Energie- und Politikprofis über aktuelle Themen. Kleine Zeitung. https://www.kleinezeitung.at/steiermark/suedsuedwest/19363165/in-lannach-sprachen-energie-und-politikprofis-ueber-aktuelle-themen
Lenton, T. M., Xu, C., Abrams, J. F., Ghadiali, A., Loriani, S., Sakschewski, B., Zimm, C., Ebi, K. L., Dunn, R. R., Svenning, J.-C., & Scheffer, M. (2023). Quantifying the human cost of global warming. Nature Sustainability. https://doi.org/10.1038/s41893-023-01132-6
Narodoslawsky, B. (2024, November 29). Leak: Wirtschaftskammer fordert offenbar Rückschritte in Klimapolitik. DER STANDARD. https://www.derstandard.at/story/3000000247116/leak-wirtschaftskammer-fordert-offenbar-rueckschritte-in-klimapolitik
Rose, K. (2023, November 15). Zukunft der Energiewende – Entwicklungspfade zwischen Notwendigkeit und harten Realitäten [Keynote]. Zukunftskongress Joanneum Research, Messecongress Graz.
Rose Karl – Publikationen – Forschungsportal – Karl-Franzens-Universität Graz. (2025). Forschungsportal Der Unversität Graz. https://online.uni-graz.at/kfu_online/pl/ui/$ctx;lang=EN/wbForschungsportal.cbShowPortal?pFpFospNr=&pOrgNr=&pPersonNr=76043&pMode=E&pLevel=PERS&pCallType=PUB

4 thoughts on “„Man muss sich deswegen nicht auf die Straße kleben.“ – Für den Aufsichtsratsvorsitzenden der Energie Steiermark sind 2,7° Erhitzung „nicht die Totalkatastrophe“

  1. @heinz Heute in der Kleinen Zeitung die Nominierten für den Aufsichtsrat der Energie Steiermark:Karl Rose: 2,7°C Erderhitzung sind kein ProblemChrista Zengerer: Geschäftsführerin des Auto-ClustersThomas Krautzer: Ex-Geschäftsführer der Industriellenvereinigung SteiermarkEwald Münzer: Biodiesel-HerstellerJudith Obermayr-Schreiber: Juhu – Wir haben das Erneuerbares-Gas-Gesetz gekippt!

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