Die Kleine Zeitung hat zum ersten Mal einen der längeren Artikel Ernst Sittingers über die FH Joanneum in ihre Online-Ausgabe aufgenommen: Fachhochschul-Wirbel: Rektor zwischen Fronten. Damit ist er nicht nur dauerhaft öffentlich zugänglich archiviert, sondern auch verlinkbar und online diskutierbar. Allerdings sind Kommentare in der Kleinen selbst auf 1000 Zeichen beschränkt.

Kaum einem steirischen Politikern und auch nur wenigen an unserer Hochschule dürfte bewusst sein, dass durch Online-Publikationen eine neue Form der öffentlichen Diskussion möglich wird, die nicht von dem leicht kontrollierbaren Zugang zu dem beschränkten Platz in der gedruckten Zeitung abhängig ist. Leider machen die Betroffenen davon kaum Gebrauch. Wie ungewohnt diese Form der Öffentlichkeit ist, zeigen Kommentierer, die bedauern, dass die Diskussion überhaupt öffentlich geführt wird. Dabei demonstriert der Inhalt des Artikels, wie wichtig Öffentlichkeit wäre, damit Entscheidungen (in diesem Fall immerhin über eine der größten österreichischen Fachhochschulen) transparent und sachgerecht getroffen werden:

Ernst Sittinger hat die für die FH zuständige steirische Landesrätin Bettina Vollath zu einem fünfseitigen Brief befragt, den der Rektor der FH […] an den österreichischen Fachhochschulrat geschrieben hat, und in dem er die Unhaltbarkeit seiner eigenen Position (einerseits gewählter Vertreter des FH Kollegiums, andererseits weisungsgebundener Geschäftsführer) erläutert (Details im Artikel Ernst Sittingers). Die Antworten der Landesrätin sind ein Musterbeispiel für den politischen Versuch, Verantwortung zu verschieben, Sprachregelungen vorzunehmen und dabei auch wahrheitswidrige Behauptungen nicht zu scheuen. Der Rektor hat sehr wohl versucht, vor seinem Brief ein Gespräch mit der Landesrätin zu führen; ein Termin mit ihrem Referenten fand statt. Grund für den Schlamassel an der FH ist nicht eine unklare Rechtslage (GmbH-Recht versus Fachhochschulrecht), sondern der Unwille der Landesregierung und des FH-Aufsichtsrats, Forschung und Lehre an der FH Joanneum auch nur ein Minimum an Selbstbestimmung zuzuerkennen. Man möchte die FH nach außen mit dem Titel Hochschule schmücken und verwendet nach innen die GmbH-Strukturen, um die FH wie einen bürokratisierten Staatsbetrieb zu führen. Da lässt sich dann zum Beispiel Kritikern leicht mit der Keule des betriebsschädigenden Verhaltens drohen.

Die FH Joanneum ist eine aus öffentlichen Mitteln finanzierte Hochschule (wobei in Österreich übrigens der Bund 90% der Kosten jedes Studienplatzes deckt und die Kommunen die FH-Infrastruktur stellen; das Land, das die die FH kontrolliert, finanziert sie nur zu einem kleinen Teil). Es gibt keinen Gund dafür, dass Prozesse an einer solchen Institution nicht auch öffentlich diskutiert werden — wie sollen die Wähler sonst bei den nächsten Wahlen beurteilen, wie die Politiker mit ihren Mandaten umgegangen sind? Die tröpfelnde Diskussion über Ernst Sittingers Artikel zeigt, wie zögernd die neuen Formen der Öffentlichkeit, die das Web bietet, auf der regionalen und lokale Ebene angenommen werden. Aber sie ist ein Signal dafür, dass man politischen Sprachregelungen sofort und auf derselben Plattform widersprechen kann.

(Anmerkung, 13.4.2010: An der mit Auslassungszeichen versehenen Stelle wurde ein Name entfernt.)

8 Kommentare zu “FH Joanneum — warum darf's nicht öffentlich sein?

  1. Schade wieder einmal feststellen zu müssen, dass wo Macht ausgeübt werden will, die Inhalte verschwinden. Ich würde mir noch mehr Informationen zu dem Thema wünschen um mir ein noch besseres Bild machen zu können. Vor allem auch direkte Informationen von Seiten des Erhalters. Was war die Motivation des Erhalters eine so instabil wirkende Struktur zu schaffen, die nicht nur Auswirkung auf die oberen Managementbereiche der Fachhochschule hat, sondern bis zum einzelnen Mitarbeiter am Ende der Kette Auswirkung zeigt (sei es nun Identifikation, Vertrauen in das Unternehmen, wie mit Offenheit umgegangen wird) Muss man befürchten abgehört zu werden, wenn man seine Meinung Kund tut? Ist ein kritischer Diskurs an einer Bildungseinrichtung wie der FH Joanneum gewünscht oder zumindest geduldet?
    Wie wird mit Kritik aktuell umgegangen? Können wir durch die offenen Diskussion wieder ein Gefühl für Aktio = Reaktio bekommen – demokratisch gesehen? Was bedeutet es für einen Menschen oder eine Gruppe, wenn Sie keine Entscheidungsgewalt über Ihr eigenes Tun erhält und welche Reaktion kann sich der/die dafür Verantwortliche erwarten? Man sollte sich das Leitbild der FH Joanneum ansehen und sich dabei die augenblickliche Dikussionen vergegenwärtigen. Wie hilfreich es ist, dieses Leitbild mit Hilfe von Entscheidungen der verantwortlichen Gremien und der Reaktion der MitarbeiterInnen wahr werden zu lassen?

  2. Ich glaube, dass der Erhalter die bestehende Struktur vor allem aus Angst vor Kontrollverlust eingerichtet hat. Dahinter steht – wenn ich es richtig sehe – die Vorstellung, man könne die FH wie einen Industriebetrieb führen. Ich hoffe, dass die Landesregierung jetzt versteht, dass eine Organisation wie die FH nur funktionieren kann, wenn sie sich selbst steuert und wenn sie sich selbst am Markt orientieren kann. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist aus meiner Sicht, dass der Aufsichtsrat sich auf Aufsichtsfunktionen beschränkt und mit Leuten besetzt wird, die nachgewiesene Kompetenzen im Bereich der Hochschulentwicklung bzw. der Führung wissensintensiver Unternehmen haben.

  3. Weils grad passt, an eine frühere Diskussion anknüpft (auch wenn sich manche von Liessmann auf den Schlips getreten fühlen):
    „Seit kurzer Zeit leben wir in der Wissensgesellschaft, die sich durch „Wissensmanagement“ und „wissensbasierte“ Tätigkeiten auszeichnet. Was ist denn aus der Dienstleistungsgesellschaft geworden?, höhnt Konrad Paul Liessmann in seiner „Theorie der Unbildung“. Der Wiener Philosoph hält das aktuelle Label für Blendwerk: Die Wissensgesellschaft sei eine „Desinformationsgesellschaft“ und wir auf dem Weg in die „Kontrollgesellschaft“.
    Liessmann wehrt sich gegen die INDUSTRIALISIERUNG und ÖKONOMISIERUNG von Schule und Universität. … Die Veränderungen im Gefolge von Pisa und europäischer Hochschulreform „demolierten“ nur. Auf die Reform folge bald die Reform der Reform, was enorme Kräfte binde. “
    „Am Beispiel Immanuel Kants erläutert Liessmann die Grenzen universitärer Qualitätskontrolle. Kaum war Kant zum Professor ernannt worden, hörte er auf zu publizieren, um nach zehn Jahren des Schweigens mit „Kritik der reinen Vernunft“ ein Werk zu veröffentlichen, dessen Bedeutung seine Zeitgenossen nicht verstanden haben. Da stellt sich die Frage, wie geniale Leistungen gefördert werden können, wenn betriebswirtschaftliche Gesichtspunkte den universitären Alltag bestimmen sollen.“
    http://www.sandammeer.at/rezensionen/unbildung-liessmann.htm
    http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&dig=2007/01/06/a0205

  4. Die FHs erheben zwar den Anspruch, dass sie so flexibel sind und sich schnell dem Markt anpassen können, aber für diesen schnellen Wechsel muss man auch den Freiheitsgrad entsprechend erhöhen.
    Je höher der Wissensstand von MitarbeiterInnen ist, desto weniger gerne geben sie sich mit sinngemäßem:“Es ist halt so!“ ab. D.h. man braucht für eine Änderung von oben, wenn man die Motivation nicht in den Keller rasseln lassen möchte, eine ganze Latte guter Argumente, warum etwas zu passieren hat und muss sich dabei auch darauf einstellen Gegenfragen- und Gegenargumente zu hören und zu verarbeiten. Erst aus dem erlangten Verständnis heraus (durch nachvollziehbare Argumente) können MitarbeiterInnen wieder eigene kreative Lösungen für die neuen Problemstellungen entwickeln. Eine andere Methode, vergleichsweise schnelle Wechsel durchzuführen, ist eine militärisch geprägte, deren klare Hierarchie Rückfragen quasi unmöglich macht und damit schnell Änderungen bewirken kann. Für die Erste Methode muss die Qualität der Kommunikation in beide Richtungen hoch sein, für die zweite reicht es laut und deutlich zu sprechen..
    Die Frage ist, welche Methode sich für eine Bildungseinrichtung besser eignet?

  5. @Heinz: Hast recht! Dachte zu subtil.. Aber gerade am Anfang kommt ein schönes Beispiel (stark verkürzt), wo die Lieblingskonkubine eines Herrschers geköpft wird, weil alle anderen Damen nicht spuren (in militärischem Sinne). Danach klappts auch bei den anderen wie am Schnürchen..

  6. Meister Han Fei (Die Kunst der Staatsführung) ist zwar nicht so bekannt wie Sun Tse, aber auch sehr empfehlenswert in dem Zusammenhang.

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