Habe zum ersten Mal einen Text von Chaïm Perelman (1983) gelesen. Ich kenne Perelman als Begründer einer „neuen Rhetorik“, habe mich aber nie mit ihm beschäftigt. Jetzt interessiert mich die Frage, ob Überlegungen zu einer Rhetorik, die mehr ist als nur eine Hinführung zur „eigentlichen“ Wahrheit, für die Klimakommunikation im weitesten Sinn fruchtbar gemacht werden können.

Für Perelman lässt sich in den Humanwissenschaften auf Rhetorik (bei ihm fallen „Rhetorik“ und „Argumentation“ zusammen) nie verzichten. In diesem Text stellt er dar, wie Historiker:innen Bedeutsamkeit für ein Publikum mit Argumentationen, mit rhetorischen Mitteln herstellen. Sie verwenden Kategorien oder Zuordnungen zu handelnden Personen, die Werturteile voraussetzen, damit überhaupt über Fakten gesprochen werden kann.

Ich frage mich, ob ein Grund dafür, dass Klimakommunikation immer wieder scheitert, darin liegt, dass diese Ebene der Argumentation, der Rhetorik, ignoriert wird. In der Politik und im Recht ist dagegen klar, dass die rhetorische Ebene entscheidend dafür ist, wie Probleme definiert und gelöst werden. (Ich komme auf diese Fragestellung durch Bruno Latour, der es immer für falsch gehalten hat, Klimapolitik als Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu verstehen.)

Ausgehend von dem, was ich neulich über Cicero gelesen habe, kommt es mir so vor, als gingen Klimakommunikation und Klimapolitik oft von „Dogmatismen“ aus, also von privilegierten Zugängen zur Wahrheit. Ein solcher privilegierter Zugang ist der wissenschaftliche Zugang zur biophysikalischen Realität. Ein weiterer ist der Zugang zu „wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten“, die liberal oder kapitalismuskritisch verstanden werden.

Ich möchte nicht behaupten, dass es legitim ist, den naturwissenschaftlichen Zugang zu relativieren, sondern dass es auch wahre Sätze und zutreffende Argumentationen außerhalb der Wissenschaft gibt und dass sich die Rationalität solcher Argumentationen nicht auf die wissenschaftliche Rationalität (wenn sie als Einheit verstanden wird) reduzieren lässt. Vor allem auf dieser Ebene muss klimapolitisch argumentiert werden – wie es z.B. erfolgreich bei den Gerichtsverfahren passiert ist, die zu Auflagen für die Klimapolitik führten. Auf dieser Ebene geht es darum, was für ein Publikum plausibel ist. Diese Plausibilität ergibt sich aus den Beziehungen des Publikums zu den Fakten und sie ist von Argumentationen („richtigen“ und „falschen“) abhängig.

Die Festlegung der 1,5°-Grenze des Pariser Abkommens ist ein Ergebnis solcher Argumentationen, nicht „der Wissenschaft“. Auseinandersetzungen z.B. über diese Grenze sind nur scheinbar naturwissenschaftliche Auseinandersetzungen. Tatsächlich sind sie Argumentationen über Rechte, Interessen und Zugehörigkeiten. Sie werden andererseits leicht mit wirtschaftswissenschaftlichen Aussagen z.B. über Discount-Raten verwechselt. Weder die naturwissenschaftlichen Aussagen über die Lebensverhältnisse bei 1,5° noch manche ökonomische Berechnungen zur Wirtschaft in der Zukunft sind falsch. Sie ersetzen aber nicht die Argumentation über Belastungen und Handlungsmöglichkeiten. Klimakommunikation wäre dann weniger die Popularisierung von wissenschaftlichen Erkenntnissen als die – persuasive – Argumentation, die an sie anschließt.

Perelman, C. (1983). L’argomentazione nel discorso storico. In G. De Luna, P. Ortoleva, M. Revelli, & N. Tranfaglia (Eds.), Gli Strumenti della Ricerca (Vol. 2, pp. 850–860). La Nuova Italia. https://dipot.ulb.ac.be/dspace/bitstream/2013/199328/3/VAR-57197-1001_11-05-2015_09-59-18_corrected.abbyy.pdf
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