In diesem Post versuche ich ausgehend von aktuellen Texten die folgende Überlegung zu formulieren:
- Der beste Ausgangspunkt zum Verständnis der Beziehungen zwischen Wirtschaft und Gesellschaft einerseits und globaler Erhitzung andererseits sind die Energie- und Materialströme, die den wirtschaftlichen Durchsatz (Throughput) bilden.
- Die Dynamik dieser Energie- und Materialströme ist gekoppelt an Größe und Wachstum der materiellen Infrastruktur, der Stocks (Bestände) oder Technomasse.
- Die Infrastruktur oder Technomasse ist nicht nur durch ihren Umfang der wichtigste Faktor bei der Verursachung der globalen Erhitzung (und anderer Überschreitungen der planetaren Grenzen). Sie hat eine Eigendynamik, die die globale Erhitzung vorantreibt.
- Eine Schlüsselfrage für das Handeln gegen die globale Erhitzung ist damit, welche Natur diese Eigendynamik hat. Eine mehrfach vorgeschlagene Antwort auf diese Frage ist, dass die Technosphäre ihre eigene Entwicklung und ihr Wachstum steuert.
- Eine „soziale Ökologie“, die gesellschaftliche Veränderungen als Voraussetzung der Begrenzung der globale Erhitzung sieht, braucht gegen die „Technosphären-Option“ neue Argumentationen, die die Eigendynamik der gesellschaftlichen Artefakte nicht wegrelativieren.
Haben wir in der Klimabewegung Faktoren missverstanden, die die Klimakatastrophe antreiben, und ist dieses Missverständnis ein Grund dafür, dass die Klimabewegung dabei gescheitert ist, die Erhitzung der Erde wirksam zu bremsen? Ich suche seit Jahren Antworten auf diese Fragen. Dabei habe ich nicht den Anspruch eine Lösung für Probleme zu finden, über die Menschen überall auf der Erde nachdenken und debattieren. Ich will herausfinden und verstehen, welche schlüssigen Antworten auf diese Fragen es gibt, und ich würde sie gern so nachvollziehbar wie möglich darstellen.
Ich glaube, dass ich beim Finden von adäquaten Antworten auf diese Fragen durch das Lesen einiger aktueller Texte etwas weitergekommen bin. Andererseits sehe ich aber auch Problemstellungen, die mir so vorher nicht klar waren.
Ich sehe die Antworten deutlicher als früher in der ökologischen Ökonomie und dort in der Rolle, die die Stocks, die materiellen Bestände, für die weitere Akkumulation spielen. Gleichzeitig erkenne ich, wie schwierig es ist, diese Rolle zu erfassen – klar zu beschreiben, wie die vorhandenen Artefakte in ihrer Materialität die wirtschaftlich/soziale Dynamik bestimmen. Diese Problematik hat eine empirische Seite – die Fakten zur „großen Beschleunigung“ und ihren Auswirkungen zu erkennen und zu beschreiben. Sie hat aber auch eine begriffliche oder philosophische Seite: Missverständnisse darüber zu vermeiden, von welcher Art diese Fakten sind und sie z.B. mechanistisch oder mit für andere Zusammenhänge entwickelten soziologischen oder ökonomischen Konzepten zu erfassen.
Ich schaffe es im Moment nicht, Aussagen zu diesen Zusammenhängen zu formulieren, mit denen ich zufrieden bin. Bei jedem Satz, den ich dazu schreibe, stoße ich auf neue lose Enden. Deshalb hier nur ein paar Bemerkungen zu den Texten, mit denen ich mich in diesem Zusammenhang gerade beschäftige – als vorläufige Bestimmung einer Richtung, aber noch nicht als Darstellung eines gangbaren Wegs.
Sozio-metabolischer Nexus bei Éric Pineault
Éric Pineault hat in einem Kapitel für ein neues Degrowth-Handbuch (2025) wichtige Aussagen seines Buchs über die soziale Ökologie des Kapitalismus (2023) zusammengefasst. Dabei arbeitet er die Schlüsselrolle des sozio-metabolischen Nexus, der Verbindung von Material- und Energieflüssen (flows), materiellen Bestände (stocks) und sozialen Praktiken heraus.

In allen menschlichen Gesellschaften dienen die „flows“ nur zu einem kleinen Teil dazu, den für das physische Überleben nötigen Bedarf nach Stoffen und Energie zu befriedigen. Im sozio-metabolischen Regime der Gegenwart, der fossilen Industriegesellschaft wird etwa 66mal so viel Energie gebraucht, um den Bestand und das Funktionieren der technischen Artefakte zu sichern als für die körperliche Existenz der Menschen nötig ist. In den agrarischen Gesellschaft wird dagegen im Durchschnitt 16mal soviel Energie für die gesamte materielle Infrastruktur verwendet wie für die Menschen als biologische Wesen. In die Artefakte der Jäger- und Sammlergesellschaften fließt 3,7mal so viel Energie, als die Körper ihrer Mitglieder aufnehmen (Pineault 2025, 25).
Der soziale Metabolismus der fossilen Industriegesellschaft unterscheidet sich von dem der Agrar- und der Jäger- und Sammlergesellschaften nicht nur quantitativ, sondern auch dadurch, dass der Umfang der materiellen Bestände immer mehr zunimmt. Dazu werden vor allem immer größere Mengen mineralischer Materialien verwendet, die mit – meist – fossilen Energien gefördert und verarbeitet werden. Die aus ihnen hergestellten Produkte werden mit diesen Energien betrieben.
Stocks, Flows und die Anthropozän-Problematik
In vielen Publikationen zur globalen Erhitzung und den anderen ökologischen Krisen werden die Natur oder Teile der Natur auf der einen Seite und andererseits die menschliche Gesellschaft, oft einfach der Mensch oder die Menschheit einander gegenübergestellt. Ursache der Belastung der Natur oder des Erdsystems ist der Mensch – im Ausdruck „Anthropozän“ drückt sich dieses binäre Verständnis des Verhältnisses von Mensch und Natur deutlich aus.
Ein Beispiel dafür ist eine wichtige neue Publikation des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung (Rockström et al. 2026). Sie stellt die Ergebnisse von Rechnungen mit Erdmodellen dar, die Folgen von Treibhausgasemissionen der nächsten Jahrzehnte bis zum Jahr 3000 durchspielen. Der Aufsatz macht sehr klar, wie wichtig es ist, die Emissionen schnell und konsequent zu begrenzen. Die Autoren schreiben die Emissionen aber nicht dem Metabolismus der fossil-industriellen Gesellschaft zu und können sich deshalb nur auf einen Appell an die Menschheit (humanity) beschränken. Es wird nicht thematisiert, dass für den Energiebedarf, den die fossilen Energien decken, zum allergrößten Teil nicht der direkte Konsum, sondern die Infrastruktur verantwortlich ist, die im Verlauf der „großen Beschleunigung“ aufgebaut wurde.
Wie immer die kausale Beziehung zwischen dem „Menschen“ und den Treibhausgasemissionen und anderen Überschreitungen der planetaren Grenzen zu analysieren sind: Die Masse der Artefakte, ihre Produktion und Erhaltung spielen bei ihr eine entscheidende Rolle. Der Ausdruck „stocks“ für dies Artefakte geht (indirekt) auf Nicholas Georgescu-Roegen zurück, einen der Begründer der ökologischen Ökonomie. Georgescu-Roegen entwickelte seine Bio-Ökonomik ausgehend von der Theorie der exosomatischen Organe des Biologen Alfred Lotka. Der Mensch verfüge außer über innere auch über äußere Organe, die für ihn überlebenswichtig seien. Während sich in der Evolution Grenzen für die Energie- und Nahrungsaufnahme zur Versorgung der inneren Organe entwickelt hätten, gebe es keine biologischen Regeln für die Größe der äußeren Organe. Die Forderung nach Degrowth, die u.a. auf Georgescu-Roegen zurückgeht, zielt auf eine Begrenzung der äußeren Organe aufgrund von Erkenntnissen über Folgeschäden ihres Wachstums ab.
Ob man von exosomatischen Organen, Stocks und Flows oder mit Alf Hornborg von „Technomasse“ (2022) spricht: mit ihrer Analyse befindet man sich auf derselben materiellen Ebene wie bei der Analyse von planetaren Grenzen und ihrer Überschreitung. Sie bilden die „Vermittlungsebene“ zwischen „Mensch“ und „Erdsystem“. Die Faktoren, die die Expansion dieser Stocks und in Verbindung damit die Expansion der Flows steuern, sind die entscheidenden Faktoren für das Überschreiten der planetaren Grenzen. Es ist schwer vorstellbar, dass ein Leben im Einklang mit den planetaren Grenzen anders als durch eine Verkleinerung der Masse der Artefakte möglich ist.
Fossil-industrieller Kapitalismus oder Technosphäre?
Den Stocks bzw. den Stocks und Flows gemeinsam eine Schlüsselfunktion für die Belastung des Erdsystem zuzuschreiben bedeutet aber noch nicht, Aussagen über die Art der Dynamik zu machen, die zur Expansion der Stocks führt. Ökologische Ökonomie und soziale Ökologie im Verständnis Pineaults (und seiner Vorgänger:innen) gehen von einem Stock-Flow-Praxis-Nexus aus. Handlungskraft, agency haben Stocks und Flows in Verbindung mit Praktiken.
Die Praktiken sind in diesem Modell von Institutionen geformt, in der heutigen Weltwirtschaft vor allem von den Institutionen des postfordistischen Kapitalismus (siehe hier im Blog: „We don’t know what capitalism is yet“ – Éric Pineaults Buch über die soziale Ökologie des Kapitals und Konzerne als Haupttreiber destruktiven Wachstums: Zu Éric Pineaults Theorie des fortgeschrittenen Kapitalismus). Fossil-industrieller Metabolismus und kapitalistische Akkumulation greifen ineinander und bewirken Überproduktion und Überkonsumption. Die Möglichkeit, durch weitere Extraktion ökonomischer zu produzieren schafft einen Wachstums-Impuls. Der Zwang, in einem insgesamt wachsenden Markt weiterzuwachsen, um die Kontrolle über die eigenen Märkte zu erhalten, schafft für monopolistische Konzerne zugleich einen Wachstumsimperativ.
Die institutionalisierte kapitalistische Akkumulation – unterstützt durch Wachstumsbündnisse von Kapital, Gewerkschaften und Staat – sorgt für immer weiter zunehmenden Durchsatz von Material und Energie. Der Durchsatz vollzieht sich über die vier Stufen Extraktion, Produktion, Konsumption und Dissipation, die alle vier vom Kapital dominiert werden. Er ist mit enormen Ungleichheiten verbunden, seine ökologischen und sozialen Formen werden externalisiert – sie spielen für die Steuerung der Akkumulation keine relevante Rolle.
Während dieses Verständnis des sozialen Metabolismus dem Nexus von Stocks, Flows und Praktiken Handlungskraft (agency) zuordnet, verstehen andere Forschende die Gesamtheit der Artefakte als Technosphäre und schreiben ihr eine eigene Handlungskraft zu. James Dyke hat gerade in einem Blogpost das Manuskript eines Artikels veröffentlich (2026), in dem er eine „planetare Ethologie“ fordert: die Analyse der Technosphäre als einer handelnden Einheit. Wie in der Ethologie (Verhaltensforschung) sei die Untersuchung des Verhaltens der Technosphäre unabhängig davon, ob man ihr ein Bewusstsein zuschreibe. Wichtig sei es, ihre Dynamik nicht als Ausdruck der Intentionen von für sie verantwortlichen menschlichen Agierenden zu verstehen. Dieses Missverständnis habe dazu geführt, die Wachstumsdynamik der Technosphäre zu unterschätzen und Illusionen über die Möglichkeit genährt, die Entwicklung der Technosphäre zu steuern, also etwa ihr Wachstum zu begrenzen. Dyke fordert ausdrücklich nicht, sich einer immer weiter wachsenden Technosphäre zu unterwerfen, sondern Politik für eine nachhaltige Entwicklung angesichts der Eigendynamik der Technosphäre zu konzipieren, so wie auch eine erfolgreiche Gesundheitspolitik voraussetze, die Eigendynamik von Epidemien zu verstehen.
Das Verständnis der Gesamtheit der Artefakte des sozialen Metabolismus wird damit zu einem Schlüssel für die Definition einer ökologischen Politik. Im Kern geht es dabei um die bereits mehrfach erwähnte agency, die „Handlungsmacht“ der Technomassen oder in Verbindung mit ihnen. Dyke und andere Autor:innen, die die Technosphäre als eine Akteurin verstehen (z.B. Galbraith et al. 2025), die eine eigene „Direktionalität“ hat, also eine Richtung verfolgt, stützen sich auf das Konzept der dissipativen Systeme, das aus der Thermodynamik stammt. Dissipative Systeme erhalten ihre eigene Struktur, indem sie negative Entropie, also Ordnung, aus ihrer Umwelt entnehmen und in Entropie verwandeln. Biologische Organismen sind solche dissipativen Systeme. Dissipative Systeme haben die Fähigkeit zur Autokatalyse, also zur Generierung ihrer eigenen Struktur. Dyke und andere sehen Anzeichen dafür, dass die Technosphäre diese Fähigkeit zur Autokatalyse hat, dass sie etwa Prozesse auswählen kann, die ihre Fortexistenz und ihr Wachstum unterstützen.
Auch die ökologische Ökonomie baut auf der Thermodynamik auf. Nicholas Georgescu-Roegen entwickelte eine Theorie des wirtschaftlichen Prozesses, die die Gesetze der Thermodynamik und damit die Irreversibilität der Erzeugung von Entropie bei jedem technischen und wirtschaftlichen Vorgang ernst nimmt. Die orthodoxen Wirtschaftstheorien seien dagegen beim mechanistischen Verständnis physikalischer Prozesse stehengeblieben, das von Gleichgewichtszuständen ausgehe und alle Prozesse als reversibel ansehe.
(In den 70er Jahren kam es zu Gesprächen zwischen Ilya Prigogine, der für die Erforschung dissipativer Systeme den Nobelpreis erhalten hatte, und Nicholas Georgescu-Roegen, der sich durch die Entwicklung der Bioökonomik zunehmend vom wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream isoliert hatte (Grinevald 2006). Es gelang kein wirklicher Dialog. Möglicherweise begann damals eine Spaltung in zwei Stränge eines an der Thermodynmik orientierten Denkens, die sich bis heute fortsetzt.)
Der Ansatz der sozialen Ökologie
Das Verständnis der technischen Artefakte und der „agency“, die mit ihnen verbunden ist, hat viele weitere Aspekte – ich habe in diesem Post nur an der Oberfläche dieser Thematik gekratzt. Wenn ich es richtig sehe, dann ignorieren die Theoretiker der Technosphäre die Bedeutung von Macht, Herrschaft und Ungerechtigkeit für die Dynamik des Wachstums der „Stocks and Flows“. Schon der Ausdruck „Technosphäre“ blendet die monetäre Steuerung der Stocks and Flows in der fossilen Industriegesellschaft aus. So suggestiv die Verwendung des Konzepts der „dissipativen Systeme“ für soziale und wirtschaftliche Strukturen ist, so schwierig ist es, im Detail zu zeigen, dass ein dissipatives System vorliegt und wie es funktioniert (siehe z.B. Kondepudi et al. 2020).
Andererseits besteht bei der Übernahme von Begriffen aus vorökologischen sozialen und politischen Debatten – bis hin zum Begriff „Kapitalismus“ – immer die Gefahr, dass die Technomasse nicht in ihrer Materialität begriffen, sondern als Ausdruck menschlicher Intentionen missverstanden wird. Éric Pineault hat deshalb das Kapitalismus-Verständnis seines Buchs sorgfältig von älteren Kapitalismus-Konzepten abgesetzt.
Murray Bookchin hat seine Philosophie der sozialen Ökologie – einen Ausgangspunkt von Pineaults Buch – vor den Forschungen zur „großen Beschleunigung“ und den Debatten über das Anthropozän formuliert (Bookchin 2022). Das Wissen über die Quantität und die Folgen der Technomasse, die die weitere Geschichte des Erdsystems mitbestimmen werden, erfordert es heute neu zu verstehen, worin ihre Besonderheiten liegen und wie sie mit dem Erdsystem interagiert. Dabei besteht immer die Gefahr, diese Eigenschaften auf soziale Beziehungen zu reduzieren, die umgekehrt erst durch die materiellen Besonderheiten der fossilen und mineralischen Stocks and Flows möglich werden. Die stewardship, von der Bookchin spricht – die Verantwortung der Menschen für die Entwicklung des Erdsystems – und eine kritische Theorie, die sich an ihr orientiert, muss angesichts der Forschungen zum Anthropozän so formuliert werden, dass die Materialität der menschlichen Artefakte nicht auf soziale Beziehungen reduziert wird, ohne umgekehrt die Besonderheit der Handlungskraft der Menschen und der anderen Organismen der Biosphäre und ihrer Kollektive zu ignorieren.