Rudi Wiederhofer liest aus Ludwig Birós Autobiographe „Die erste Hälfte meines Lebens“. Im Hintergrund Christian Fleck und Barbara Lorenz. Grazmuseum, 21.1.2026

Am Mittwoch wurde im Grazmuseum Ludwig Birós Autobiographie „Die erste Hälfte meines Lebens“ vorgestellt, die der Droschl-Verlag neu aufgelegt hat. Ich kannte das Buch nicht. Rudi Widerhofer las mehrere Passagen, zur Kindheit Birós in einer orthodox geprägten Familie und dann zu seinen Erfahrungen mit den Nationalsozialisten, die ihn schikanierten, bedrohten und mehrfach einsperrten. In einem sehr bedrückenden und leider auch sehr aktuellen Abschnitt seines Buchs hält Biró fest, wie sich die europäischen Länder dagegen wehrten, Jüdinnen und Juden aus Deutschland und Österreich aufzunehmen und dadurch für den Tod vieler verantwortlich machten. Biró, dem die Flucht gelang und der später nach Graz zurückkehrte, hat als Jurist die Rechte von Jüdinnen und Juden verteidigt und die Grazer Gemeinde nach dem Krieg mitaufgebaut.

Allen die diese Veranstaltung gestalteten, und wohl auch alle im Publikum wussten, dass die Erinnerung an Biró und an die Geschichte der Grazer jüdischen Gemeinde heute eine politische Botschaft ist. Die fremdenfeindlichen geistigen Nachfolger des Antisemitismus von damals stellen in der Steiermark inzwischen den Landeshauptmann. Rudi Widerhofer las zurückgenommen und ließ damit Raum für das Pathos der schonungslosen Sätze Birós.

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Ein Projekt des ausreißer_Die Wandzeitung, Redaktion: Joachim Hainzl, Evelyn Schalk, Eva Ursprung
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Supported by Kunsthaus Graz u. v. m.

Ana und ich waren gestern auf der Textperformance Das Alphabet des Autoritären im Kunsthaus. Evelyn Schalk, Joachim Hainzl und Eva Ursprung trugen einen dreistimmigen Text vor. Jede der drei Stimmen bestand aus Abschnitten, die jeweils mit einem Buchstaben des Alphabets und einem Stichwort überschrieben waren oder nur daraus bestanden, also zum Beispiel K wie Klimaterroristen.

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Selbstporträts und ein Porträt von Heinrich Pölzl, z.T. auf Staffeleien

Bilder von Heinrich Pölzl. Agnes Altziebler und Martin Pölzl haben gestern zum hundertsten Geburtstag ihres Vaters in das Hinterhaus in der Ungergasse eingeladen, in dem Pölzls Nachlass aufbewahrt wird. Pölzls Werk ist ein wichtiger Teil der steirischen Moderne. In der Öffentlichkeit hier in Graz ist es leider nur wenig präsent – als Zugereister habe ich erst nach Jahren davon erfahren.

„Der Nebel von Dybern“ von Maria Lazar. Inszenierung am Schauspielhaus Graz. Ensemble (c) Lex Karelly
„Der Nebel von Dybern“ von Maria Lazar. Inszenierung am Schauspielhaus Graz. Ensemble (c) Lex Karelly

Gestern war ich im Schauspielhaus in Der Nebel von Dybern. Das Stück wurde in den 30er Jahren geschrieben, damals aber in Graz nicht aufgeführt, weil die Autorin, Maria Lazar, aus einer ursprünglich jüdischen Familie stammte. Jetzt ist es wiederentdeckt worden, und zwar parallel hier in Graz und in Wien.

Die Aufführung ist kurz, etwa anderthalb Stunden lang. Das war, glaube ich, die Dauer der antiken Tragödien, und mit antiken Tragödien hat das Stück eine große Ähnlichkeit. Aus einem Chor lösen sich einige Personen als Protagonistinnen und Protagonisten. Der Chor trägt das Stück. Continue reading

Ziemlich genau vor drei Jahren hat Tanja Maljartschuk im Grazer Literaturhaus aus „Blauwal der Erinnerung“ gelesen. Ich habe es versäumt, in meinem Blog darüber zu schreiben. Der Witz und die Illusionslosigkeit Tanja Maljartschuks haben mir damals imponiert. Von ihrer Lesung sind mir Szenen über ukrainische Partisanen in Erinnerung geblieben, die erst gegen die Nazis, dann gegen die sowjetische Armee gekämpft haben und fast alle exekutiert wurden. Ein Vorfahre, ich glaube: der Großvater Tanja Maljartschuks, hat in einem Dorf überlebt, weil es ihm gelungen ist, sich diesen Kämpfen zu entziehen. Ich bin mir nicht sicher, ob meine Erinnerungen zutreffen (Rezension von Blauwal der Erinnerung mit einer Inhaltsangabe von Kerstin Holm hier).

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Ich kenne David Abulafias Namen, weil mir Regina vor Jahren seine Biografie des Mittelmeers geschenkt hat. Ich habe in den letzten Wochen öfter an an das Buch gedacht und mir vorgenommen, es zuende zu lesen, wenn wir im Sommer auf Žirje sind. Das Abulafia in Graz liest, habe ich erst ein paar Stunden vor der Veranstaltung gesehen.

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