Ich arbeite am Layout dieses Blogs. Kurzfristige Lesebehinderungen sind möglich. Ich bitte um Entschuldigung!
Leider komme ich im Moment kaum dazu zu bloggen; vor allem weil ich mit der Neufassung eines Forschungsantrags für ein Kompetenzzentrum Webkommunikation beschäftigt bin.
Heute und morgen bin ich auf einer Klausurtagung unseres Studiengangs. Um mich vorzubereiten, habe ich in ein paar Thesen mein derzeitiges Selbstverständnis als Lehrender formuliert. Ich hoffe, sie sind ohne die eigentlich nötigen Erläuterungen nicht zu kryptisch:
- Der Studiengang ist eine Lerncommunity, in der Wissen ausgetauscht und damit
erweitert wird. - Seine Aufgabe ist es, den Studierenden eine — offene — Toolbox mit Werkzeugen zu vermitteln, um nachhaltige… Dialoge mit der Öffentlichkeit und Stakeholdern (Gerrit Eicker) beginnen und führen zu können. Theorie ist nichts Sekundäres, sondern das Wissen, mit dem man von der eigenen Kommunikation Rechenschaft ablegen kann.
- Professionelle Kommunikation lässt sich heute nur über einen offenen, experimentellen Zugang vermitteln.
- Der Kontext, in dem wir Inhalte vermitteln, ist für den Erfolg nicht weniger entscheidend als die Inhalte selbst. Durch diesen Kontext lernen die Studierenden, wie sie weiterlernen.
- Die wichtigsten Komponenten der Lehre sind die Vermittlung von Techniken, die Analyse von Beispielen und die von Lehrenden und Mitstudierenden unterstützte eigene Praxis.
- Die Studierenden lernen zu einem großen Teil selbstgesteuert und voneinander. Als Lehrende sollten wir sie dabei unterstützen und nicht ersetzen.
- Die Möglichkeiten der Vernetzung und die Inhalte, die wir unterrichten, erfordern, dass wir weitgehend öffentlich unterrichten und uns den damit gegebenen Risiken aussetzen.
Ich werde an dieses Thesen weiterarbeiten und sie ausführlich begründen, sobald ich dazu komme. Ich freue mich auf interne und externe Diskussionen, durch die ich sie ergänzen oder revidieren kann.
Wir starten im Herbst einen Bachelor-Studiengang Journalismus und PR
. Darin bin ich für das Gebiet Web
zuständig — zusammen mit Karin, die uns international vernetzt und sich mit didaktischen Themen beschäftigt, und hoffentlich oft im team teaching mit Boris, Maria und anderen Kollegen. Als ich vor ein paar Jahren begonnen habe, an der Fachhochschule zu unterrichten, bin ich aus der Praxis in die Lehre hineingestolpert. Jetzt haben wir eine Chance, etwas systematischer zu überlegen, was unser Unterricht soll und wie wir ihn anlegen.
Die Studenten haben drei Jahre Zeit, von denen sie ein halbes im Praktikum sind. Für das Thema Web
stehen in den ersten Semestern ein paar Stunden zur Verfügung; im letzten Semester ist es dann möglich, sich auf Soziale Medien zu spezialisieren — als Alternative zu Journalismus oder PR. Das ist nicht sehr viel Zeit, und den größten Teil des Studiums werden sich die meisten mit älteren Medien und den herkömmlichen Formen der PR beschäftigen. Ein Teil wird nach dem Abschluss weiterstudieren, alle sollten nach dem Examen darauf vorbereitet sein, in der Medienbranche zu arbeiten. (Natürlich müssen wir alle Themen crossmedial unterrichten. Aber Spannungen, Debatten zwischen den Vertretern alter und neuer Medien sind lehrreicher als künstliche Harmonisierung.)
Was müssen die Studenten wissen? Was sind die wichtigsten Themen? Klar ist, dass es nicht vor allem um Faktenwissen gehen kann, das funktioniert schon quantitiv nicht, und die meisten Fakten, die man ihnen beibringen könnte, sind ohnehin schon in ein paar Jahren veraltet. Der Satz
life is not about stuff; it’s about possibilities
gilt ganz sicher für jede Art von Bildung oder Ausbildung.
Ich suche nach einer Formulierung (einem mission statement
oder einer Leitlinie), die unterschiedliche Ansprüche erfüllt:
-
Die Studenten müssen sie verstehen, und zwar so, dass sich ihr möglichst viel von dem, was wir in unserem Unterricht machen, zuordnen lässt.
-
Sie muss sowohl für den Journalismus wie für die Unternehmenskommunikation gelten.
-
Sie muss gültig sein, auch wenn alle hergebrachten Begriffe von Professionalität im Medienbereich in eine Krise geraten sind.
Als allgemeinste Zusammenfassung unserer Ziele fällt mir ein: den Studenten beibringen, wie sie mit den Mitteln des Web Mehrwert für ihre Leser oder User erzeugen. Das klingt nach langweiliger Unternehmenspräsentation. Vielleicht könnte ich auch sagen: den Studentinnen beibringen, wie man die Leser mit den Mitteln des Web so informieren und unterhalten kann, dass sie wiederkommen, dass sie der Autorin oder dem Medium, in dem sie schreibt, die Treue halten. Im Kern ist das eine uralte Zielsetzung. Nur die Mittel sind neu. Die Leserinnen oder Userinnen sollen etwas von dem haben
, was ihnen Journalisten oder Unternehmenskomunikatoren bieten, und Professionalität besteht zu einem großen Teil darin, zu wissen, wie sie möglichst viel davon bekommen.
Ganz zufrieden bin ich mit der Orientierung am Mehrwert
nicht — aber ich werde daran weiterdenken, bis ich auf eine prägnantere oder präzisere Formel stoße. Vielleicht fällt ja den Studierenden eine ein?
Meine Arbeit bestünde dann übrigens zu einem guten Teil darin herauszufinden, wo und wie sich mit den Mitteln des Web die Qualität von Nachrichten (im allerweitesten Sinn) verbessern lässt, und noch mehr darin, die Studentinnen anzuregen, das selbst zu entdecken. Ein interessanter Job — ich wünsche mir keinen anderen.
network literacies sind eine Form der Bildung, und Bildung bedeutet immer Teilhabe an Kommunikation. Wer nicht genug gebildet ist, kann an Kommunikation, die für ihn wichtig sein könnte, nicht oder nicht ausreichend teilnehmen. Wer nicht humanistisch gebildet ist, findet keinen Zugang zu einem Teil der literarischen Tradition. Selbst der altertümliche Ausdruck Herzensbildung meint die Teilhabe an der Gefühlen anderer, die durch Erfahrung und Erziehung kultivierte Fähigkeit, sich in andere einzufühlen.
Bildung als Teilhabe
Wer nicht über network literacies verfügt, kann die Netzmedien, kann das Internet und die mit ihm amalgamierten mobilen Medien nicht ausreichend nutzen, um an wichtigen Gebieten der gesellschaftlichen und privaten Kommunikation teilzuhaben. Umgekehrt: network literacies sind die Fähigkeiten oder die Kompetenzen, die man benötigt, um an der auf dem Internet und mobiler Kommunikation beruhenden aktuellen Zivilisation teilzunehmen. Der Ausdruck meint also einerseits technische Fähigkeiten. Andererseits bezieht er sich aber auf die Kompetenz, diese Fähigkeiten kommunikativ zu verwenden. Das lässt sich durch eine Analogie mit der humanistischen Bildung verdeutlichen. Zur humanistischen Bildung gehören technische Fähigkeiten, z.B. ein gewisses Maß an Kenntnis antiker Sprachen. Die humanistischen Bildung besteht aber nicht in diesen technischen Fähigkeiten sondern in der Kompetenz, sie situationsbezogen zu benutzen. Und diese Kompetenz, sie situationsbezogen zu benutzen, hängt von einem sozialen Wissen um das, was möglich und angemessen ist, ab.
Eine Umwelt mit einem Netzwerk teilen
Wer network literacies besitzt, kann Situationen so übersetzen, dass er als Angehöriger einer im Netz kommunizierenden Gruppe mit ihnen umgehen kann. Christoph Chorherr hat gezeigt, dass er die Ausgangssituation der Grünen im österreichischen Wahlkampf so interpretieren kann, dass eine im Netz kommunizierende Gruppe, nämlich die österreichische Blogger-Szene, produktiv an ihr mitarbeitet. Dazu gehören technische Kenntnisse: Chorherr weiß, wie man ein Weblog schreibt. Diese technische Fähigkeit allein reicht aber nicht, um andere Blogger dazu zu bringen, Ideen für den grünen Wahlkampf zu entwickeln. Chorherr verwendet seine technischen Fähigkeiten, um mit anderen ein Problem zu lösen — anders gesagt: um eine Situation in ein mit anderen lösbares Problem zu verwandeln. Die Situation wird damit zur Umwelt eines Netzwerks (Netzwerk hier verstanden als eine Form der sozialen Organisation), und das Netzwerk verändert sich, indem es sich auf diese Umwelt bezieht.
Technisches und soziales Wissen
Wenn diese Überlegung richtig ist, gehören zu den network literacies zwei Komponenten: einerseits technische (zu denen ich auch die sprachlichen und gestalterischen rechne) und andererseits soziales Wissen. Das soziale Wissen besteht in der Fähigkeit, in einer online kommunizierenden Gruppe auf Situationen zu reagieren bzw. darin, Situationen in einer online kommunizierenden Gruppe zu interpretieren. Geht man von Clay Shirkys Stufen der Gruppenbildung aus — Teilen, Kollaboration, kollektive Aktion — dann beginnen network literacies mit der Fähigkeit, Informationen online so zu teilen, dass die Möglichkeiten der Gruppenmitglieder gesteigert werden. Sie setzen sich fort in den Fähigkeiten, gemeinsam etwas zu schaffen und gemeinsam Ziele zu erreichen, z.B. politisch zu agieren.
Probleme lösbarer machen
Was erspare ich Menschen, denen ich network literacies vermittele? Sie können spezifische Probleme leichter lösen, weil sie von Gruppen unterstützt werden, mit denen sie online (aber meist nicht nur online) verbunden sind. Sie werden nicht versuchen, auf Situationen, die sich in die Umwelt einer online agierenden Gruppe übersetzen lassen, zu antworten, indem sie sich individuell anstrengen oder Organisationsformen aus der analogen Welt anwenden. Sie nutzen die Ressourcen online kommunizierender Gruppen und stellen ihre Ressourcen einem Netzwerk zur Verfügung zu stellen. Ich nehme meine eigene Situation als Lehrender als Beispiel: auf network literacies greife ich in dem Maß zurück, in dem ich Situationen, die ich im Unterricht bewältigen muss, in die Umwelt der online vernetzten learning community des Studiengangs, in dem ich arbeite, übersetze; zu ihr gehören viele Studierende und eine hoffentlich wachsende Zahl von Lehrenden. Die Studenten untereinander und ich als Lehrender können uns über Lernziele, Probleme, Bedarf nach zusätzlichen Informationen und wichtige Nachrichten auf dem Laufenden halten und uns gegenseitig unterstützen. Eine zweite — mit der ersten verschränkte — Gruppe bilden die Menschen außerhalb des Studiengangs, mit denen ich via Blog, Twitter oder Facebook in Verbindung stehe. Auch mit ihnen teile ich Fragestellungen, Interessen und Probleme. Um die Ressourcen beider Gruppen zu nutzen und ihnen meine Ressourcen zur Verfügung zu stellen, reicht technisches Wissen allein nicht aus. Ich muss besondere, individuelle Situationen in und für ein Netzwerk interpretieren.
[Letzte Version: 17. Juli 2008]