Wenn mich in Zukunft jemand fragt, was ein Blogger ist, werde ich Dave Winer zitieren. Winer hat erklärt, was Dave Rosen und er unter einem Natural-born Blogger, also unter einem geborenen Blogger oder einer geborenen Bloggerin verstehen:

  1. Ein GB bittet nicht um Erlaubnis.
  2. Ein GB erklärt die Dinge, selbst wenn er sie nicht versteht. Wenn ein GB Fehler zugeben muss—und das passiert oft—zuckt er die Achseln und sagt etwas wie Shit happens.
  3. GBs gehen voran. Hast du einen GB bei dir, musst du nicht warten, bis sich Freiwillige melden.
  4. GBs sagen lieber zu viel als zu wenig. Wenn du merkst, dass du zu jemand nur sagen willst: Halt endlich die Schnauze (englisch: STFU), hast du wahrscheinlich einen GB vor dir.

Winer sucht in der amerikanischen Geschichte nach geborenen Bloggern avant la lettre. Ich glaube, dass sie ein ganz altes europäisches Phänomen sind. Petra Gehring hat gerade in einer FAZ-Rezension darauf hingewiesen, dass Michel Foucaults letzte Vorlesungen um Begriff der parrhesia kreisen:

des Aktes einer freimütigen Aussage, die ohne Rücksicht auf mögliche Gefahren offen getätigt wird. Die parrhesia ist eine situative Kategorie, für welche die griechische Sprache einen eigenen Namen besitzt, der sie von der isegoria, dem formalen Rederecht jedes Bürgers, klar unterscheidet. … Der Parrhesiast ist einer, der in der Volksversammlung spricht, die Dinge zurechtrückt, wie Perikles im richtigen Moment interveniert.

Blogger nehmen sich ein Rederecht, sie lassen es sich nicht einfach zugestehen. Sie agieren nicht im Namen anderer oder von Firmen oder Institutionen. Sie sprechen für sich und damit für die Allgemeinheit statt für diejenigen, die sich zu deren Vertretern ernennen. Blogs sind erst durch das Web möglich geworden, aber die Haltung hinter ihnen hat eine lange Geschichte, die mit der Geschichte der Demokratie verwoben ist.

Ein Vorschlag zur Definition von web literacy: Web literacy ist die die Fähigkeit, mit den Mitteln des Web reflexiv eine gemeinsame soziale Realität zu erzeugen.

Ich habe gestern zwei Aufsätze gelesen, die sich mit der Reflexivität in der Ethnomethodologie beschäftigen (Geschichte versus Genealogie von Andreas Langenohl und The Notion of Member is the Heart of the Matter von Paul ten Have). Ethnomethodologen sehen Reflexivität als eine Eigenschaft jeden sozialen Handelns an. Soziales Handeln erzeugt immer zugleich das, was es ausdrückt; die Methoden, mit denen man von seinen Handlungen Rechenschaft ablegt, sind Bestandteile des Handelns. Beim Handeln werden Äußerungen, Dokumente und Dokumentationen produziert, die es für die Handelnden und ihre Mitwelt verständlich machen. Mitglied einer Gruppe ist man dadurch, dass man von seinem Handeln in dieser Gruppe Rechenschaft ablegen kann.

Sein Handeln zu begründen und zu dokumentieren, Rechenschaft von ihm abzulegen (Garfinkel spricht von accountancy) bedeutet Methoden anzuwenden, um in offenen Situationen immer wieder neu eine soziale, gemeinsame Realität zu produzieren. Ein Beispiel: Wenn ich als Lehrer einem Studenten eine Note gebe, benutze ich explizite (z.B. ein Punktesystem) und implizite (z.B. mein Bewertung seiner sprachlichen Fähigkeiten) Schemata zusammen mit Verfahren zur Ankündigung und Abhaltung von Prüfungen und zur Dokumentation, um zu einem Ergebnis zu gelangen, das für den Studenten, für meine Kollegen, für mich und für meine Vorgesetzten plausibel ist, das wir als gemeinsame Realität verstehen. Wie alle Beteiligten folge ich nicht nur Regeln, sondern erkläre zugleich, welchen Regeln ich folge und warum ich ihnen folge, ich muss mich mit Situationen beschäftigen, bei denen ich mit den Regeln nicht auskomme, und ich muss auch immer wieder Regeln neu aushandeln. Die soziale Wirklichkeit liegt nicht vor, sondern sie wird immer wieder neu gemacht. Die Methoden, die die Mitgliedern einer Gruppe dabei gemeinsam verwenden, machen ihre Kompetenz aus.

Lässt sich dieser Begriff vor Reflexivität für die Beschreibung von Webmedien oder sozialen Medien fruchtbar machen? Menschen, die soziale Medien verwenden, produzieren eine gemeinsame soziale Realität und legen gleichzeitig permanent von ihren Aktivitäten in dieser Realität Rechenschaft ab. Webkompetenz oder web literacy bestünde dann aus den Methoden, mit denen man im Web eine soziale Wirklichkeit produziert. Dazu gehören z.B. Methoden, um die Reputation von Teilnehmern oder die Wichtigkeit von Informationen festzustellen. Dazu gehören auch Methoden, z.B. mit Kommentaren, Retweets und ähnlichem auf Äußerungen zu reagieren. Alle diese Methoden sind nicht einfach etwas Vorgegebenes, sondern sie werden laufend diskutiert, und man macht sich sein Handeln in dieser Web-Wirklichkeit immer wieder wechselseitig verständlich—wohl eine der Hauptfunktionen von Blogs, Microblogs und Veranstaltungen wie BarCamps.

Das sind nur Anfangsüberlegungen. Nächste Schritte könnten genauere Analysen zur Reflexivität und ethnographische Detailbeschreibungen des Umgangs mit sozialen Medien sein, die die accountancy, die Verfahren, Rechenschaft von der eigenen Praxis abzulegen, thematisieren.

Gestern haben wir unsere experimentelle Lehrveranstaltungsreihe Talks and Demos fortgesetzt. Leider waren nur wenige Leute da. Thema war Twitter im Tourismus; ausgegangen sind wir von Jochen Henckes Präsentation über Twitter als PR-Tool.

Mit Ulrich Andres war zum ersten Mal ein Nicht-FHler dabei. Er hat in der Diskussion ein paar wichtige Bemerkungen gemacht, die ich festhalten möchte.

  1. Twitter als Aktualisierungstool für die Homepage: Ausgangspunkt war Heinrich der Ferien auf dem Bauernhof in Kärnten anbietet und twittert. Dabei folgen, wie Ulrich sagte, wohl die wenigsten Gäste Heinrich direkt bei Twitter. Durch den Twitter-Stream hat seine Website aber immer neue Inhalte. Mit Twitter kann jemand, der nur ganz selten am Computer sitzt, sein Angebot einfach laufend aktualisieren. Heinrichs Site ist ein Beispiel für viele Websites von Kleinunternehmen, die kaum dazu kommen, ihre Inhalte regelmäßig zu pflegen.

  2. Arbeitsteilung zwischen Vermarktern von Regionen und einzelnen Betrieben: Wir kamen in der Diskussion auch auf Wilhelmus, der für das Tourismus-eBusiness von British Columbia zuständig ist. Ulrich hat darauf hingewiesen, dass man in dieser kanadischen Region eine Entwicklung beobachten kann, die sich vielleicht auch bei uns durchsetzen wird: Die Regionalanbieter, also übergeordnete Dienste, sind für die Pflege von Basisinformationen zuständig—für die klasssischen Homepage-Inhalte von Unternehmen. Die Unternehmen selbst kümmern sich nur noch um den Dialog mit den Kunden, also um den Web 2.0-Teil der Kommunikation. Auch das kommt mir interessant vor; das Prinzip lässt sich gut auf andere Branchen übertragen.

  3. Professionelles Storytelling als Agenturleistung: Ulrich ging dann noch kurz auf ein Projekt ein, bei dem seine Agentur TAO beteiligt ist: Österreichs Wanderdörfer. TAO entwickelt gemeinsam mit den Dörfern Geschichten, die professionell erzählt werden. Die Inhalte dieser Geschichten werden durch einen Fragebogen eruiert; damit wird verhindert, dass die Dörfer die gängigen nichtssagenden Allzweck-PR-Texte zur Darstellung im Web verwenden. Ulrich meint, dass beim Storytelling weiter Professionisten benötigt werden, dass diese Inhalte in absehbarer Zeit nicht von Usern, z.B. Gästen der Dörfer kommen werden. (Ich habe erst jetzt gemerkt, dass der ganze Marketing-Ansatz von TAO vom Storytelling ausgeht; ein Thema für weitere Posts und Diskussionen.)

Wir haben uns am Studiengang schon mehrfach mit der Entwicklung von Webinhalten in kleinen Unternehmen beschäftigt. Die Punkte, die Ulrich angesprochen hat, sind mir alle neu, und man kann aus ihnen viele Ideen für Unternehmen ableiten, die Schwierigkeiten damit haben, Inhalte für ihre Websites zu produzieren.

Auf dem Weg zurück nach Graz. Gestern abend wurde im Figurentheater Lilarum der Wolfgang Lorenz Gedenkpreis für internetfreie Minuten zum ersten Mal verliehen (bei Twitter: #wolo09). An seiner Entstehung war ich nicht unbeteiligt. Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich Lorenz letztes Jahr seinen Sager vom Scheiß-Internet entlockt, und bei der gemeinsamen Nachbetrachtung an der FH kam Kollege Grenzfurthner auf die Preisidee. Ich war gestern von einer Grippe noch etwas lädiert und froh, dass Jana ein Mashup mit Blogger-Reaktionen auf Armin Thurnhers Internet-Bashing vorbereitet hatte, das wir gemeinsam vorgetragen haben.

Es war eine sehr österreichische Veranstaltung. Wo sonst ziehen Onliner die Repräsentanten von Top down-Medien und Top down-Politik mit so viel vernichtendem und versöhnlichem Humor durch den Kakao? Wobei sich die Teilnehmer—allen voran die monochrom-Leute— zugleich über sich selbst lustig machten—sonst wäre alles in Rechthaberei ausgeartet. (Dass wir gegenüber den Lorenz und Thurnher Recht haben, wissen wir ja—und sie wissen es auch.)

Zur Doppelbödigkeit des ganzen Abends hat gut gepasst, dass zum Schluss mit Christoph Chorherr ein Unschuldiger bestraft wurde. Christoph nahm den Preis für die Wiener Grünen souverän an. Er bleibt der einzige österreichische (ich fürchte: deutschsprachige) Politiker, der das Web tatächlich versteht: als Alternativ-Plattform zu Parteien und Verbänden, nicht als ihre Ergänzung.

Highlights: Janas Nominierungsrede für Ibrahim Evsan in der Kategorie Social Media Guru nahm elegant alle Vertreter des technischen und technokratischen Determinismus auf Korn. Thomas Thurner stellte den Plagiatsjäger Stefan Weber in die Ecke der profilierungssüchtigen Studenten-Verächter—ein klassischer Distinktionsgewinnler. Max Kossatz‘ Blütenlese mit Statements von grünen Lokalpolitikern zum Netz und zur Basisdemokratie werde ich—wie mir empfohlen wurde—im Unterricht verwenden. Ingrid Brodnig decouvrierte die Großmäuligkeit des Ex-Kanzlers Schüssel (Stichwort: Internetmilliarde) mit ein paar scheinbar schüchternen Sätzen—die sie hoffentlich noch zu einer längeren Story ausbaut.

Wolokopie Leider sind nicht so viele gekommen, wie sich angekündigt hatten. Dafür kannten sich fast alle und setzten den Abend im Foyer noch ziemlich lange fort. Eine sehr angenehme Gruppe von Leuten, die medien- und technikaffin sind, weil sie sich gerne austauschen und neugierig sind—das Gegenteil der Karikatur von asozialen Nerds, die das Netz mit der Realität verwechseln. Anders als in Graz sind in diese Szene in Wien auch viele Frauen unterwegs, und leider nur ganz wenige Leute über 40.

Zum Schluss noch ein Dank an die Studenten von JuK07: Sie haben den Preis nach Johannes Grenzfurthners Original nachgebildet (Bild) und dieses womöglich noch übertroffen. Die nächste Jury wird entscheiden, ob 2010, wie von Jana vorgeschlagen, eine gehäkelte Version der Trophäe verliehen wird.

Ich habe im Unterricht schon oft im Anschluss an Jay Rosen von den People Formerly Known as the Audience gesprochen: den Leuten, die bisher Adressaten von Medien waren und die nun selbst weltweit publizieren können, wenn sie nur ein Handy haben. Bisher habe ich aber nicht berücksichtigt, dass sich durch die Online-Medien nicht nur die Beziehungen zwischen Sendern und Empfängen ändern, sondern auch die Beziehungen unter den bisherigen Empfängern. In den letzten Tagen bin ich auf mehrere Versuche gestoßen, diese Beziehungen zu beschreiben und vor allem: sie zu organisieren.

Am interessantesten und fortgeschrittensten: Cody Browns Post A Public Can Talk To Itself: Why The Future of News is Actually Pretty Clear. Cody Brown, ein New Yorker Undergraduate-Student, beruft sich auf den Gründer der New York Times, der es als Aufgabe seiner Zeitung sah, Nachrichten wiederzugeben, statt sie für andere zu machen. In seinem ausführlichen und komplexen Beitrag fordert er News-Werkzeuge, die es dem früheren Publikum ermöglichen, selbst in organisierter Form Nachrichten auszutauschen. Ein Vorbild: die Wikipedia, in der sich Autoren mit unterschiedlichen Positionen untereinander auf Formulierungen einigen. Cody Brown entwickelt mit einem Team ein solches Tool, das im kommenden Frühjahr veröffentlicht werden soll: Kommons.

Auf Cody Brown bin ich durch die Folge 31 von Rebooting the News gestoßen: Dave Winer und Jay Rosen unterhalten sich mit ihm und interpretieren sein Konzept.

Cody Brown zieht mit Kommons Konsequenzen aus Überlegungen, die bei Jay Rosen immer wieder auftauchen, ausführlich in Audience Atomization Overcome: Why the Internet Weakens the Authority of the Press. In diesem Post sieht er die Atomisierung des Publikums als notwendiges Gegenstück zur Macht der Presse, einerseits Debattenthemen zu definieren und andererseits festzustellen, welche Themen so selbstverständlich sind, dass sie nicht diskutiert werden dürfen oder müssen. Rosens und Browns schematische Beschreibungen des Gatekeeper-Journalismus sind ähnlich, aber nicht identisch; Rosen geht es eher um die Inhalte, Brown eher um die Arbeitsweise der news organizations.

Schließlich noch ein Hinweis auf eine plakative, aber instruktive Darstellung des veränderten Beziehungsgeflechts zwischen neuen und alten Medienmachern—Clay Shirky spricht darüber in seinem TED-Vortrag im Juni 2009. Seine Präsentation kann man sich wie eine Einführung zu den Überlegungen Rosens und den praktischen Konsequenzen Browns ansehen:

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Die Vogelperspektive ist Shirky, Rosen und Brown gemeinsam. Aber sie alle, am meisten wohl Brown, suchen nach einer Konkretisierung dieser Ideen im entstehenden Realtime Web.

Christiane Schulzki-Haddouti erweitert in “Haltung” als journalistische Kernkompetenz ihren Katalog journalistischer Kerkompetenzen. Eine Haltung unterscheide Journalisten von PR-Leuten:

Dass Journalismus ohne “Haltung” überhaupt nicht möglich ist, zeigt ein einfacher Vergleich von journalistischer und auf Public Relations ausgerichteter Arbeit. Beide greifen auf die fünf Kernkompetenzen gleichermaßen zurück. Es besteht überhaupt kein Unterschied. Gleichwohl müssen sich beide voneinander abgrenzen. Denn sonst ginge das Vertrauen der Rezipienten verloren. Und für diese Abgrenzung ist einzig und allein “Haltung” erforderlich.

Sie stellt dann fest:

Haltung hat etwas mit “aufrechtem Gang” zu tun, den die Bürger im 19. Jahrhundert mühesam einübten.

Schließlich fragt sie, warum man die Frage nach der Vereinbarkeit von Journalismus und PR—im Studium oder in der eigenen Praxis—nicht als ethische Frage stellt:

Angesichts der immer wieder aufflammenden Debatte um das Verhältnis zwischen PR und Journalismus, uneinheitlichen Berufskodizes sowie Studiengängen, die beides vermitteln, frage ich mich, warum man dies nicht direkt als ethisches Problem thematisiert – und von dieser Perspektive her direkt angeht.

Ich habe schon mehrfach auf Christiane Schulzki-Haddoutis Ansatz zurückgegriffen, um so etwas wie ein Leitbild für unsere Ausbildung von Journalisten und PR-Leuten zu formulieren, und ich verwender sie auch bei der Neuformulierung des Social Media-Teils unseres Curriculums. Bisher bin ich nur davon ausgegangen, dass man über die erwähnten Kompetenzen hinaus zwischen den Rollen und Aufgaben von Journalisten und PR-Leuten unterscheiden muss. Zu diesen Rollen gehört aber—und das ist der wichtigste neue Gedanke in Christianes Beitrag—eine bestimmte Ethik, die man allerdings nicht mit allgemeinen ethischen Prinzipien gleichsetzen sollte, wie sie für jede Art von Kommunikation gelten.

David Barstow über journalistische Ethik

David Barstow von der New York Times hat während des Elevate-Festivals einen Workshop an unserem Studiengang gehalten. Barstow_small Dabei hat er gleich zu Beginn die Ethik als Kern des Journalismus bezeichnet. Die journalistische Ethik sei der wichtigste Inhalt einer journalistischen Ausbildung. Techniken, Schreiben, Storytelling, investigative Methoden könne man mehr oder weniger leicht erlernen. Die ethische Haltung müsse man sich selbst aneignen und aufrechterhalten, und zwar oft gegen heftige Widerstände.

Die ethische Haltung lässt sich für Barstow nicht von den journalistischen Techniken ablösen, sie ist die Voraussetzung dafür, dass das journalistische Handwerk richtig und erfolgreich ausgeübt wird. Die Haltung erlaubt es dem Journalisten, gegenüber sich selbst, gegenüber den Menschen, die ihm nahe stehen („your mum“), gegenüber den Informanten, den Vorgesetzten und seinen Gegnern so zu handeln, dass er verlässlich, verständlich, berechenbar bleibt. Bereits kleine Unsicherheiten und Fehler belasten die journalistische Arbeit, führen zu Zweifeln an der eigenen Rolle und machen die Geschichten, die der Journalist schreibt, ungenauer.

Am wichtigsten ist die ethische Haltung des Journalisten gegenüber Informanten, die sich in Gefahr bringen, wenn sie einem Journalisten etwas erzählen. Die Informanten müssen sich darauf verlassen können, dass die Journalistin oder der Journalist mit ihren Informationen korrekt umgeht und sie als Personen schützt. Der Journalist muss darüber hinaus den Informanten wie einen Mitarbeiter gewinnen. Die Quelle ist dann am besten, wenn ihr Name veröffentlicht werden kann und sie selbst dafür geradesteht, dass stimmt, was sie mitgeteilt hat.

Barstow lehnt es nicht nur ab, sich auf einzelne „whistleblowers“ zu verlassen. Wenn eine Quelle anonym bleiben will und ein Journalist nicht auf sie verzichten will, soll dieser Schritt ausdrücklich vollzogen und seine Bedeutung formuliert werden. Der Journalist muss dem Informanten feierlich mitteilen: „Ich werde für Sie notfalls ins Gefängnis gehen!“ Der Informant soll wissen, dass seine Information für den Journalisten ein Risiko bedeutet, und sie muss es selbst mitverantworten, dass der Journalist dieses Risiko eingeht.

Jpr_small Die Überzeugung, ethisch richtig zu handeln, gibt der Journalistin oder dem Journalisten die Kraft, ihre Arbeiten gegen heftige Widerstände zu verfolgen. „Fight like hell for your story!“ sei die einzig richtige Devise, wenn Vorgesetzte die Arbeit an einer Geschichte abbrechen wollten, von der der Journalist überzeugt sei.

Barstow hat uns klargemacht, wie viel Energie nötig ist, um etwas an den Tag zu bringen, was aus gutem Grund unter der Decke gehalten wurde. Der Journalist ist sich lange nicht sicher, ob er überhaupt auf der richtigen Spur ist; er und seine Informanten werden eingeschüchtert oder bedroht; seine Redaktion unterstützt ihn vielleicht nicht; sein Familienleben leidet, weil sich intensive Recherchen nicht in Achtstundentagen bewältigen lassen. Diesen Widerständen erliegt der Journalist, wenn er nicht daran glaubt, das Richtige zu tun und an einer Geschichte zu arbeiten, auf die er lange stolz sein kann, die nicht im Tagesschäft untergeht („I didn’t like doing the crap stories“).

Eine ethische Haltung bestimmt nicht nur, welche Ziele ein Journalist verfolgt, sondern auch, mit welchen Mitteln er arbeitet. Die Mittel dürfen das Ziel nicht diskreditieren, sie dürfen der Rolle des Journalisten nicht widersprechen und ihn gegenüber anderen und vor allem gegenüber sich selbst unglaubwürdig machen. Barstow hat 9/11 direkt vom Ground Zero berichtet und sich als Security-Mann ausgegeben, um in die streng abgesperrte Sicherheitszone zu kommen. Er ist sich bis heute nicht sicher, ob dieses Versteckspiel moralisch erlaubt war.

Aufdecken als journalistische Aufgabe

Beim Lesen von Christianes Posting ist mir David Barstows Vortrag sofort eingefallen. Barstow hat die Haltung beschrieben, die Journalisten von anderen professionellen Kommunikatoren unterscheidet. Diese Haltung ist keine persönliche Qualität, die ausschließt, dass ihr Träger andere Qualitäten und Eigenschaften hat. Sie wird von einem Job gefordert, so wie ein Leistungssportler eine bestimmte Moral braucht, um weitermachen zu können. Ob man diese Haltung haben und gleichzeitig PR machen kann, ist wohl keine Frage der moralischen Unverträglichkeit sondern der persönlichen Leistungsfähigkeit.

Barstow verkörpert ein Verständnis der Rolle des Journalisten, das man in Europa nur selten in dieser Schärfe findet: Journalisten kontrollieren die Mächtigen, indem sie für die demokratische Öffentlichkeit Dinge publizieren, die aus unethischen Gründen geheimgehalten werden. Die dazu erforderliche Haltung unterscheidet Journalisten von PR-Leuten: Journalisten müssen Rebellen sein.

Das bedeutet nicht, dass Journalisten bessere Menschen sind als PR-Leute. Eine Gesellschaft, die nur aus Rebellen besteht, wäre wahrscheinlich kein sehr angenehmer Platz, schon gar nicht für die Rebellen. Es bedeutet auch nicht, dass PR- oder Marketing-Leute keine Rebellen sein können—das Cluetrain Manifest ist ein Gegenbeweis. Aber zur Ethik der PR gehört nicht das Aufdecken von Informationen gegen alle Widerstände.

Noch eine Bemerkung zu diesem Thema, mit dem ich mich weiterbeschäftigen möchte: Die Krise des Printjournalismus ist dramatisch, weil sie den investigativen Journalismus, wie ein David Barstow mit der Unterstützung der New York Times betreiben kann, gefährdet. Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, diesen Journalismus zu erhalten und seine Unabhängigkeit zu schützen. Dazu gehört es auch, ihn in der Ausbildung von Journalisten zu verankern, statt ihn einer falsch verstandenen „Wirtschaftsnähe“ zu opfern.

(Leider habe ich nur die beiden unscharfen Handy-Fotos von David Barstows Auftritt bei uns. Ich hoffe, sie vermitteln wenigstens etwas von der Stimmung an einem der spannendsten Tage an unserem Studiengang.)

Die letzte Woche war so angefüllt, dass ich ein paar Tage Ruhe brauche, um die Eindrücke zu verarbeiten. Es waren völlig unterschiedliche Treffen und Gespräche, die alle mit den radikalen Veränderungen in den Medien zusammenhingen, die wir gerade erleben. Der Höhepunkt war für mich gestern ein Workshop, den David Barstow für unsere Studenten hielt—ich glaube: der interessanteste Tag, den ich bisher an unserer Hochschule mitbekommen habe.

Davor: Am letzten Freitag ein Tag bei Burda im Media Innovation Lab: Wir sind bei einem neuen Projekt des Lab beteiligt, sodass unsere Studenten das Online-Business sehr konkret kennenlernen können. Dann am Samstag und Sonntag das Barcamp München—ich habe es noch nicht geschafft meine Notizen aufzuarbeiten; ich werde mit denen zu Scrum und zu Google Wave anfangen.

In der Woche: eine lange Diskussion mit Kurt Winter, Karin Raffer und Julian Ausserhofer über unser Web Literacy Lab und die Frage, welche Rolle Forschung dabei spielen soll, dann viele Gespräche vom allem im Umkreis des Elevate Festivals (bei dem eine Gruppe unserer Studenten das Video-Coverage macht) und vor allem mit Kollegen vom ORF wie Ilse Amenitsch, Erich Möchel und Karl Pachner.

Alle diese Gespräche und Treffen hängen für mich mit der Arbeit am Studiengang und der Frage zusammen, wie wir unser Programm weiterentwickeln sollten. Ich kann jetzt keine Schlüsse daraus ziehen und mich nur etwas kryptisch ausdrücken—vielleicht müssen wir, was unsere Inhalte und unsere Methoden angeht, auch zu so etwas wie der Agilen Softwareentwicklung kommen. Wir stecken mitten in einer Medienrevolution. Wir müssen Medienprofis so ausbilden, dass sie wissen was vor sich geht und die Distanz und den Überblick haben, um die Entwicklungen in ihren Gebieten mitsteuern zu können.

So viel für den Augenblick. Ich hoffe auf etwas ruhigere Wochen, um den vielen Input in etwas mehr Output verwandeln zu können.

Viel Neues fällt mir nicht ein zu der Debatte, die Armin Thurnher durch seinen ISPA-Auftritt und seinen Leitartikel wieder angefacht hat— Helge und viele andere haben genug Antworten gegeben. Ich hatte vermutet, Thurnher würde das Thema nicht mehr aufgreifen, um sich nicht weiter zu demontieren. Aber er nimmt einer Szene, die den Falter ernst nimmt, übel, dass sie dessen Chefredakteur nicht mehr ernst nimmt—jedenfalls nicht, wenn er sich über das Internet äußert, über das er—Entschuldigung !—losschwadroniert, als könne man es (deliberativ) in den Griff bekommen, indem man ausmacht und diskutiert, wieviel an ihm gut und wieviel schlecht ist.

Thurnher schreibt lieber (und besser) über Thurnher als über das Web; er inszeniert sich theatralisch als Opfer einer Hetzmeute und als Sachwalter der Aufklärung. Helge vergleicht ihn mit einem spätmittelalterlichen Abt (und denkt vielleicht an Johannes Trithemius, dessen gedruckte Polemik gegen den Buchdruck Clay Shirky aufgriff). Aus meinem Studium fallen mir Gottsched und der Sturm und Drang ein—ich weiß nicht, wie weit der Vergleich trägt.

Schade finde ich, dass Thurnher seinen Kritikern nicht seine Augenhöhe zutraut, dass er ihnen nicht einmal Artikulationsfähigkeit zuspricht: Sie blöken und jaulen. Und weil sie als Masse den großen Einzelnen Thurnher verfolgen, werden auch nur die wenigsten namentlich erwähnt. Wer sich nur akklamativ statt deliberativ äußert, wird auch als Quelle nicht verlinkt. (Helge hat es allerdings geschafft, den Falter zum Print-Linkjournalismus zu bewegen—hoffentlich nicht nur bei seiner Antwort auf Thurnher.) Thurnher fordert den Diskurs, aber er spricht nicht mit seinen Kritikern, sondern polemisiert über sie.

Wenn ich es richtig sehe, gehöre auch ich zu den implizit Erwähnten. Thurnher wirft mir vor, ich traue ihm nicht zu Blogs zu lesen. Für den Fall, dass er diesen Beitrag findet, empfehle ich ihm das Cluetrain Manifesto, vor allem die Sätze 3 und 4:

Conversations among human beings sound human. They are conducted in a human voice.

Whether delivering information, opinions, perspectives, dissenting arguments or humorous asides, the human voice is typically open, natural, uncontrived.

Wir suchen einen Dialog mit menschlicher Stimme. Es liegt auch an Armin Thurnher, ob er zustande kommt.

Sollen Journalisten akademisch ausgebildet werden? Wie sollen Journalisten akademisch ausgebildet werden? Ein Dauerthema in Journalismus- und J-school-Blogs. (J-school ist der englische Ausdruck für Journalismus-Schulen, vor allem für die Journalismus-Fakultäten an den Universitäten.)

„Open J-School“

In den starred items meines Feedreaders haben sich einige Posts zu diesem Thema angesammelt; ein paar habe ich am Wochenende gelesen. Ein Schlagwort in Jay Rosen’s Tweets fasst die Diskussionen zusammen: open J-school, offene Journalistenschule. Gefordert ist eine Ausbildung in Sichtweite von und oft in Tuchfühlung mit den Änderungen in der Medien- und Kommunikationstechnik und der Wirtschaft. Sie muss widerspiegeln, dass sich die Rolle der Journalisten radikal wandelt, dass die Journalisten von Gatekeepern zu Knoten in einem Netzwerk werden, in dem Nachrichten immer mehr horizontal statt vertikal verbreitet werden.

Journalisten brauchen heute Kompetenzen, die die klassische Ausbildung—in Schulen oder Hochschulen, aber auch on the job—nicht vermitteln kann. Andere Disziplinen müssen eine größere Rolle spielen:

Mostly, I think j-schools need to be coordinating (even integrating) more closely with other departments — mainly business schools and departments of computer science and library science. … But if journalists need to learn skills that, by and large, j-schools and journalism professors don’t yet possess, then it probably makes sense to partner with other relevant departments in a college or university [Amy Gahran: Busting J-School Silos: What Will it Take?].

Allerdings zweifel Amy Gahran an der Fähigkeit von Journalistenschulen und der Universität insgesamt, auf schnelle Veränderungen zu reagieren, sie warnt vor institutioneller Trägheit.

Web Literacy

Web-Kompetenz, web literacy, ist die wichtigste unter den Fähigkeiten, die Journalisten heute und in Zukunft brauchen, die ihnen aber bisher nicht ausreichend vermittelt werden können. King Kaufman:

If you’re not willing to work on the Web, do more than write, get your hands dirty with code, blog, be a social media pro, etc, than journalism isn’t for you. If you don’t like turmoil, seek a different career. Journalism is going through a massive transformation right now, and unfortunately most journalism schools are not preparing students for those transformations [Let’s be honest about J-school – King Kaufman – Open Salon].

Allerdings macht web literacy allein keinen guten Journalisten, darüber sind sich die amerikanischen J-Blogger einig. Journalisten werden auch in Zukunft vor allem Geschichten finden und erzählen. Auf den journalistischen Anspruch dürfen Journalistenschulen nicht verzichten. Doc Searls kann niemand Missachtung des Web oder Wirtschaftsferne vorwerfen. Er macht sich darüber lustig, dass die renommierte Medill School of Journalism den Journalismus aus ihrem Namen tilgt, und spricht von der School of Journalism Marketing and Stuff. Achten wir auch hier darauf, dass wir nicht zu einer Schule für Journalismus, Marketing und Zeugs werden!

Breites Bachelor-Studium

Journalismus als Handwerk lässt sich nicht an Schulen und Universitäten lernen. Mindy McAdams:

No one learns how to do anything by sitting in a classroom and listening to a teacher. That might be a great way to get started — but the real learning is going to happen somewhere else [Teaching Online Journalism » Experience, the best teacher].

Trotzdem ist es sinnvoll, Journalismus zu studieren—allerdings in dem Wissen, dass die journalistische Praxis auch nur in der Praxis erlernt werden kann. Auch on the Job lassen sich die Fähigkeiten, die Journalisten in Zukunft brachen, heute kaum erwerben.

On-the-job training (as if there were anyone in today’s newsrooms who would or could train the new kid) is not going to suffice, because today’s journalist actually does need to be well educated.

Interessant ist, dass in den USA deutlich zwischen den Funktionen des Bachelor- oder Undergraduate- und des Master- oder Graduate-Studiums unterschieden wird. Ich glaube wie Mindy McAdams, dass das Bachelor-Studium eine breite Qualifikation vermitteln, also auch allgemeinbildend sein sollte:

The years spent at university as an undergrad are not meant to be job training. In North America, at least, those years serve as a transition between who you were as a child and who you will become. That has to do with a lot more than the job you will get after graduation.

Gerade gegenüber radikalem sozialen, ökonomischen und technischen Wandel sind die allgemeinen Qualifikationen oder Metaqualifikationen wichtiger als ein Fachwissen, das ohnehin nicht beständig ist:

The general ed courses fulfill the role that a liberal arts education has always fulfilled (or at least, they’re meant to): completing your education. Put another way, the undergraduate journey is supposed to lead to your becoming an educated person.

Der Sinn eines Bachelor-Studiums im Journalismus besteht also nicht nur darin, auf eine Berufstätigkeit als Journalist vorzubereiten. Die journalistische Bildung oder Ausbildung kann zu vielen anderen Tätigkeiten führen. Um es etwas phrasenhaft auszudrücken: Je wichtiger Kommunikation in vielen sozialen Bereichen wird, und je mehr dank der Möglichkeiten des Netzes jeder Medien herstellen und veröffentlichen kann, desto größer wird der Bedarf nach Menschen mit einer journalistischen Ausbildung, die in ganz verschiedenen Berufen und Funktionen für die Qualität von Informationen verantwortlich sind. Dazu muss die Ausbildung sich allerdings vor allem an journalistischer Qualität orientieren:

I do not think universities commit fraud if they admit hundreds of new journalism majors each year. I do believe that a journalism program commits fraud if it hands out journalism degrees to students who can’t write, can’t fact-check properly, or can’t use the necessary tools of journalism in the 21st century. [Teaching Online Journalism » Why does anyone major in journalism?]

Business-Orientierung im Master

Journalistische Master-Programme sind in den USA und in Großbritannien zunehmend mehr auf Entreperneurship ausgerichtet. Nicht so sehr unmittelbar journalistische Qualitäten sind das Ziel (die sich besser außerhalb der Hochschue erwerben lassen), als die Fähigkeit, mit diesen Fähigkeiten selbst wirtschaftlich zu überleben und neue Typen von Dienstleistungen und Medien zu entwickeln. King Kaufman:

If you already have journalism experience and lots of clips, I’d only attend a program that is going to modernize your skills and thought processes (and you’re not a self starter). This is where programs that are heavy into entrepreneurism make a lot of sense.

Außer in entsprechenden Programmen in den USA (z.B. an der CUNY Graduate School of Journalism und der New York University) wird journalistische Entrepreneuship jetzt auch an der Universität Birmingham unterrichtet.

Die NewYorker Columbia University sucht nach neuen Geschäftsmodellen für Nachrichten; dabei arbeitet sie mit Unternehmen zusammen, die sich untereinander lange erbittert Konkurrenz gemacht haben.

Hier in Graz sind wir mit der Konzeption unseres Master noch nicht fertig. Es ist sicher sinnvoll, dass wir uns intensiv mit den Diskussionen in den USA beschäftigen—schon weil es dort eine ganz andere Tradition von journalistischen Bachelor- und Masterstudiengängen gibt. Die Orientierung an Allgemeinbildung im Bachelor und an Entrepreneurship im Master halte ich auch bei unseren Studiengang (in dem Journalismus und PR unterrichtet werden) für eine sinnvolle, wenn auch sicher nicht für die einzige, Option. Das Ideal einer open J-School sollten wir in jedem Fall hochhalten.

In der letzten Woche habe ich ein paar Tage in Alpbach bei den Wirtschaftsgesprächen verbracht. Am Mittwoch saß ich im Panel einer Arbeitsgruppe zum Thema Vertrauen in einer vernetzten Welt. Wir haben über so unterschiedliche Themen gesprochen wie die elektronische Gesundheitsakte, das Urheberrecht und den Datenschutz in sozialen Netzwerken.

Be open!

Wenn dieser Beitrag etwas länglich-unsicher ausfällt, liegt das nicht an der Veranstaltung. Sie war spannend und die Gespräche waren intensiv: Alpbach ist ein guter Platz um interessante Leute kennen zu lernen, die auch selbst andere Menschen kennen lernen wollen und sich öffnen. Aber weil man dort intensiv kommuniziert, und zwar in einer eher festlichen Stimmung, ist Alpbach kein guter Platz zum Schreiben. Von Alpbach bin ich dann direkt nach München zu (sehr interessanten) Terminen bei Burda gefahren, und von dort nach Graz, wo mich die Berufsrealität eingeholt hat—die leider nicht nur von offenen Menschen geprägt wird.

Ich war zum ersten Mal in Alpbach und kann noch nicht absehen, wohin die vielen neuen Informationen und Kontakte führen werden. Zuerst war ich skeptisch, das Ganze kam mir zu sehr wie eine Business-Großveranstaltung mit vielen wichtigen Männern in dunklen Anzügen und Krawatten vor, während ich entspannte informelle Gespräche in einer kreativen Atmosphäre erwartet hatte. Jetzt, im Rückblick, denke ich genau an solche kreative Gespräche zurück und bedauere, dass ich nicht länger an ihnen teilnehmen konnte.

Diskussionszirkel als Podium

Die meisten dieser Gespräche habe ich mit den Leuten geführt, mit denen ich auch auf dem Podium gesessen habe— das habe ich bei anderen Diskussionsveranstaltungen außer bei Barcamps noch nicht erlebt. Eingerahmt wurden diese Diskurse von Gesprächen mit Julian, der mit einem Stipendium schon vor mir in Alpbach war, mit Chris Langreiter, der am Dienstag spontan für zwei Stunden nach Alpbach gekommen ist, mit Luca Hammer, der als Blogger nach Alpbach eingeladen war (und viele, die ihn nicht kannten, sehr schnell beeindruckt hat), und am Freitg auch noch kurz mit Christoph Chorherr.

Blogger sagen öffentlich was andere unter Freunden sagen, hat Luca in Alpbach getwittert. Genau das tue ich jetzt und hoffe, dass es allen, über die ich dabei schreibe, recht ist. Ich bitte um Kommentare, wenn ich etwas missverstanden habe. Ich muss die Eindrücke selbst erst verarbeiten. Die meisten Themen der Diskussion waren mir nicht vertraut und die anderen Teilnehmer kannte ich vorher nicht. Deshalb archiviere ich ein paar Eindrücke und Links, die vielleicht für andere in dieser Ausführlichkeit nicht interessant sind.

Die gemeinsame Vorbereitung unserer Diskussion hat für mich schon am Montagabend begonnen, an dem ich beim Abendessen Theresa Philippi kennengelernt habe, die als Juristin die elektronische Gesundheitsakte (ELGA) mit vorbereitet. Theresa Philippi hat mir übrigens am letzten Tag erklärt, dass das Forum Alpbach unmittelbar nach dem Krieg von Widerstandskämpfern gegen die Nazis gegründet wurde, und dass Innsbruck als einzige größere österreichische Stadt von innen befreit wurde.

Vom ELGA-Projekt habe ich vorher überhaupt nichts gewusst, und mit der ganzen Problematik medizinischer Daten im Netz habe ich mich nie beschäftigt. Die elektronische Gesudheitsakte, die Frage, ob sie in der geplanten Form realistisch ist, der Umgang mit digitalen Patientendaten, ihr Schutz, und schließlich auch die Frage, wie Firmen wie 23andMe mit genetischen Daten umgehen, nahm dann die erste Hälfte unserer Arbeitsgruppensitzung ein und war sicher der interessanteste Teil. Das lag auch daran, dass neben Theresa Philippi zwei weitere Experten auf dem Podium saßen: Nikolaus Forgó , der in Hannover und Wien IT-Recht lehrt, und der Diskussionsleiter Gerald Reischl, der in der Google Falle auch 23andMe beschreibt. Reischl hat dort übrigens selbst eine Genanalyse durchführen lassen. (Ich fand sehr bemerkenswert, wie Gerald Reischl die Themen journalistisch auf den Punkt brachte, ohne zu versimpeln. Reischl kann Aufmerksamkeit generieren, Publizität herstellen, Veröffentlichungsprozesse beherrschen: ein gutes Beispiel für eine der Schlüsselkompetenzen, die wir unseren Studenten vermitteln wollen.)

Wenn ich es richtig verstanden habe, war fast niemand in der Diskusion grundsätzlich dagegen, die medizinischen Daten von Patienten digital zu archivieren. Dennoch hatte Theresa Philippi, die für das Projekt sprach und die juristischen Probleme nicht verniedlichte, einen schweren Stand: Es wurde allgemein, auch von einigen Teilnehmern im Publikum, bezweifelt, dass die ELGA in absehbarer Zeit verwirklicht werden kann und dass die Daten der Patienten sicher sind, wenn sie so gespeichert werden, wie es bisher vorgesehen ist. Bei ELGA sollen nämlich die Patientendaten dezentral bei den einzelnen Ärzten oder in ihrem Auftrag archiviert werden. Das heisst: Jeder Arzt betreibt einen eigenen Server mit Patientendaten, auf den dann andere zugreifen können. Den Zugriff sollen dabei übrigens nicht nur andere Ärzte haben, sondern alle, die Gesundheitsberufe ausüben, also zum Beispiel auch Physiotherapeuten—insgesamt über 100.000 Personen in Österreich, wenn ich es richtig verstanden habe. Das hört sich unglaublich an, so als hätten die Leute bei ELGA von Cloud Computing noch nie etwas gehört (wahrscheinlich ist die Wirklichkeit nicht so simpel). So wie sich mir die Sache während der Diskussion darstellte—ich habe dazu kaum recherchiert—, verwechselt man bei ELGA digitale Patientendaten mit analogen Daten und glaubt, dass man sie im Wesentlichen gleich behandeln kann, also z.B. den einzelnen Arzt dafür verantwortlich machen kann, dass sie nicht missbraucht werden. An die Stelle des Aktenordners tritt die Festplatte oder der Server des Dienstleisters. Tatsächlich sind aber Daten im Netz eben Daten im Netz, egal wo sie physikalisch liegen. Sie müssen im Netz verwaltet und gegen die dort möglichen Risiken geschützt werden. Diese Risiken betreffen übrigens nicht nur den Zugang, sondern auch die Weitergabe und Weiterverarbeitung von Daten.

[Ein paar unsystematisch zusammengestellte Informationen zur ELGA: Bericht von Dieter Hack in der futurezone; Datenschutz: Im Spucknapf des digitalen Zeitalters (Artikel in der „Presse“ zu den Bedenken Nikolaus Forgós gegenüber ELFA, 23andMe und den Verwendundungsmöglichkeiten von Daten aus Gesundheitsforen); Informationen zu ELGA und E-Health in Österreich der unabhängigen (?) „Initiative Elga“]

Digitale Identität funktioniert nur im Plural

In Zusammenhang mit ELGA, aber auch sonst immer wieder, kamen wir auch auf das Problem der Authentifizierung und der digitalen Identität. Für ELGA soll man sich wohl mit der Bürgerkarte identifizieren. Die Bürgerkarte ist aber, wie Nikolaus Forgó darstellte, gerade ein Beispiel für eine staatlich verordnete technische Lösung, die von fast niemand akzeptiert wird.

Ich glaube, dass im Netz nur Identitätslösungen funktionieren, also angenommen werden, die mit mehreren Identitäten für jeweils unterschiedliche Zwecke oder in unterschiedlichen Zusammenhängen arbeiten. Zur Vorbereitung auf Alpbach habe ich Kim Camerons Laws of Identity (PDF-Version) gelesen, und ich finde dieses Konzept sehr schlüssig. Microsoft hat es inzwischen technisch als CardSpace umgesetzt. Dabei hat der User die Wahl zwischen unterschiedlichen Identitäten, die er für verschiedene Zwecke benutzt. Man könnte sich zum Beispiel vorstellen, dass es eine eigene Gesundheitsidentität gibt, die man verwendet, um medizinische Daten zu aggregieren, die aber nichts mit den Identiät zu tun hat, die man den Sozial- und Krankenversicherungen, dem Finanzamt oder seinem Arbeitgeber gegenüber verwendet.

Rätselraten zum Urheberrecht

Die anderen Themen haben wir nicht mit der Intensität und in der Tiefe diskutiert, zu der wir bei der elektronischen Gesundheitsakte gefunden haben. Es ging einerseits um das Schicksal des Urheberrechts im Internet und die Möglichkeit, für Inhalte Geld zu bekommen, andererseits um die Frage, wie man richtig mit sozialen Netzen umgeht und welche Daten man in ihnen veröffentlichen kann. Ich selbst habe zum Urheberrecht im Internet eine klare Meinung, nämlich die, dass es sich dort nicht wie in der analogen Welt aufrechterhalten lässt, und dass es nicht den Zugang zu Inhalten und ihre Weiterverarbeitung erschweren darf. Ich glaube, dass nicht Inhalte Geld kosten dürfen und können, sondern nur Services. Mir ist natürlich klar, dass diese Position so holzschnittartig ist, weil ich mich wenig mit diesem Thema beschäftigt habe, und dass es auch Argumente gegen sie gibt, die man nicht einfach vom Tisch wischen darf.

In Alpbach habe ich in der Sitzung der Arbeitsgrupppe, aber auch vorher, immer wieder mit Karin Haager und Ulrich Müller-Uri über das Urheberrecht im Netz gesprochen. Sie sind die Gründer der Firma flimmit, die legale Film-Downloads anbietet. flimmit verzichtet auf jedes DRM-System, aus der richtigen Überlegung heraus, dass man User, die freiwillig für Inhalte zahlen, obwohl sie auch illegale Plattformen benutzen könnten, nicht auch noch kriminialisieren soll, indem man beschränkt, was sie mit den erworbenen Inhalten machen können. Bei den Gespächen mit Karin und Uli habe ich viel gelernt, auch weil es sich um richtige Filmfreaks handelt, die aus Liebe zu einem Thema arbeiten. Deshalb können sie einem einen Zugang zu neuen Themen öffnen—ich hoffe, dass wir in Verbindung bleiben.

Daten sind keine physikalischen Objekte

Zwischengedanke: Vielleicht gibt es eine Parallele zwischen der Vorstellung, elektronische Patientenakten könnten ähnlich wie Akten auf Papier aufbewahrt und geschützt werden, und der Vorstellung, man könne das Kopieren, Verändern und Tauschen von Inhalten im Web staatlich/juristisch beschränken. In beiden Fällen wird der Cyberspace analog zur physikalischen Welt verstanden, als könne man in ihm Grenzen setzen und Regeln definieren wie in der Politik und im Recht der territorial organisierten Staaten. Nichts ist trügerischer. Zwischen Daten im Netz bestehen ganz andere Beziehungen und sie ermöglichen ganz andere Operationen als sie von physikalischem Eigentum bekannt sind. Das gilt sowohl für Angriffe und für Gegenmittel wie z.B. Verschlüsselungen als auch für spontane Verbindungen z.B. in Peer-to-peer-Netzwerken. Die Adressen von Daten sind einfach nicht dasselbe wie Positionen im physikalischen Raum; deshalb kann man Daten nicht sichern, indem man sie auf den Festplatten oder Servern von Ärzten wie in Aktenschränken unterbringt, und deshalb sind Filesharing-Netze möglich, die nur aus Links bestehen und selbst überhaupt keine Inhalte anbieten. Es hat mit den (nützlichen!) Eigenschaften von Daten im Netz zu tun, dass sich für jede blockierte Pirate Bay sofort ein paar neue bilden, deshalb gefährden die Angriffe auf das illegale Filesharing tendenziell immer das Netz überhaupt.

Nicht sehr viel Neues bieten konnten wir wohl in der Diskussion über die Risiken sozialer Netzwerke und die Gefahren unbedachter Veröffentlichungen im Internet. Vielleicht kommt es mir auch nur so vor, weil ich das Thema nicht für so relevant halte bzw. glaube, dass der Hinweis auf diese Risiken vor allem dazu dient, gegen eine neues und unbekanntes Medium zu polemisieren. (Was nicht heisst, dass Publikationen im Web nicht eine hohes Maß an Bewusstheit verlangen, auch wenn es nur um Amateurfotos geht, und dass media literacy erforderlich ist, um sich im Web zu bewegen.)

Microsoft als Nice Guy und Good Citizen

Die Veranstaltung war von Microsoft gesponsort. Obwohl es in der Konstellation durchaus möglich gewesen wäre, kam es überhaupt nicht zu einem Microsoft-Bashing. Im Gegenteil verstanden es die Microsoft-Leute nicht schlecht, bei den Teilnehmern die Vorstellungen von Vertrauen und Sicherheit mit ihrer Marke zu assoziieren. Was die Identitäts-Architektur angeht, ist das wohl auch nicht unverdient. Ob, was im Gespräch manchmal durchklang, Microsoft gut daran tut, vor dem Monopolistengehabe Googles zu warnen (z.B. indem man den Diskusssionsteilnehmern zum Abschluss Gerald Reischls Google-Falle schenkte)? Ich glaube, das ist keine gute Strategie. Microsoft ist, was PR (z.B. demonstrierte Corporate Social Responsibility) und Kooperation mit Institutionen z.B. im Erziehungswesen angeht, einfach viel weiter als Google. Man spürt bei den Microsoft-Vertretern—jedenfalls kommt es mir so vor—dass sie demonstrieren wollen, dass im Web auch eine Firma wie Microsoft nicht mehr allein die Regeln bestimmen kann, sondern dass die Firma am meisten erreicht, wenn sie sich als nice guy einführt. Wie auch immer: Ich habe einige nette Microsoft-Kollegen kennengelernt: Ausser Gerhard Göschl, der mit am Podium saß, auch Thomas Lutz und Andreas Exner. Mit Petra Jenner habe ich eine interessantes —für sie sicher nicht das erste—Gespräch darüber geführt, warum so wenig Frauen in der IT-Branche sind, und gelernt, dass die Freundinnen da wohl eine entscheidende Rolle spielen.

Warum interessieren wir uns so wenig für Microsoft?

Noch ein Zwischengedanke (nicht im Auftrag des Sponsors der Veranstaltung): In der österreichischen Social Web-Szene beschäftigen wir uns mit Micosoft immer nur am Rande. Wer weiss, was dort überhaupt stattfindet? Möglicherweise macht uns der Hype um den Apple AppStore oder die jeweils neuesten facebook-Features blind für Entwicklungen, die das Web in den nächsten Jahren viel mehr beeinflussen werden, und die durch die Präsenz von Microsoft in Firmen und anderen Einrichtungen viel breiter wirken können als die Marketing-Aktionen der angesagteren Firmen.

Marginalisierung des Rechts?

Die Diskussion hatte direkt oder indirekt immer mit juristischen Themen zu tun. Sie hat sehr dadurch gewonnen, dass Juristen an ihr teilnahmen, für die das Internet kein fremdes Territoritorium ist. Nikolaus Forgó machte vor allem bei der elektronischen Patientenakte sehr deutlich auf die Datenschutz-Probleme aufmerksam, und er sorgte auch dafür, dass wir bei der Frage der illegalen Downloads wenigstens mit einer gewissen Präzision sprachen. Er sprach zum Abschluss der Diskussion davon, dass das Recht im Internet mit einem Bedeutungsverlust rechnen muss, und er scheint diese Entwicklung für unabwendbar zu halten (während andere Verzweiflungsmaßnahmen wie Internetsperren befürworten.) Der Abschluss passte zu einer Diskussion, die viele Probleme aufgezeigt, aber keine Scheinlösungen angeboten hat.