Einige der renommiertesten Forschenden zur Biodiversität fordern in einer neuen, zusammenfassenden Publikation, unser Wirtschaftssystem sofort weltweit und radikal zu transformieren, um nicht die lebenserhaltenden Systeme des Planeten dauerhaft zu zerstören: Underestimating the Challenges of Avoiding a Ghastly Future1.

Der Ernst der Lage erfordert grundlegende Veränderungen in Bezug auf globalen Kapitalismus, Bildung und Gleichheit, die unter anderem die Abschaffung des immerwährenden Wirtschaftswachstums, eine angemessene Bepreisung der Externalitäten, einen raschen Ausstieg aus der Nutzung fossiler Brennstoffe, eine strenge Regulierung der Märkte und des Eigentumserwerbs, die Eindämmung des Lobbyismus der Unternehmen und die Stärkung der Rolle der Frauen beinhalten.2

Die weitere Ausbeutung und Zerstörung von nicht regenerierbaren Ressourcen würde die weltweiten sozialen und ökologischen Katastrophen so verschärfen, dass das Überleben großer Teile der Menschheit gefährdet ist.

Der Aufruf ist eine wissenschaftliche Publikation, die als politischer Weckruf gedacht ist. Eine Schlussfolgerung der Autorinnen und Autoren ist die Forderung an die Forschenden, politisch zu handeln.

Als Alarmruf ist das Papier vergleichbar mit dem berühmten Hothouse Paper3 und dem Aufruf von Erdsystemforschern4 ein Jahr später. Es handelt sich um eine Zusammenfassung des wissenschaftlichen Stands zur Zerstörung der Biodiversität und ihrer Beziehungen zu den wirtschaftlichen Aktivitäten auf der Erde. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler interpretieren die Ergebnisse ihrer Forschungen selbst und stellen sich mit ihrer fachlichen Autorität hinter diese Interpretation.

Eine der typischen rhetorische Taktiken, solche Interpretionen zu relativieren, besteht im Vorwurf des Alarmismus. (Ein Muster dieser rhetorischen Figur bildet dieser Twitter-Thread des Klima-Journalisten der Welt Axel Bojanowski, der sich gerade wieder auf Twitter in einer Weise über Stefan Rahmstorf mokiert hat, die signifikant für ein politisiertes Wissenschaftsverständnis ist, das für sich selbst Neutralität in Anspruch nimmt.)

Kritiker des angeblichen Alarmismus werfen Forscherinnen und Forschern vor, ihr Terrain zu verlassen. Dieser Vorwurf versucht, innerhalb der wissenschaftlichen Interpretationen von Daten eine Mauer einzuziehen, wo die Aussagen sich kritisch auf die Gesellschaft beziehen. Das Wissenschaftsverständnis hinter diesem Vorwurf ist beschränkt. Jede wissenschaftliche Aussage, nicht erst eine Aussage über gesellschaftliche Konsequenzen von wissenschaftlichen Ergebnissen, ist eine Übersetzung. Wissenschaftlichkeit besteht nicht darin, Interpretationen und Übersetzungen zu verweigern, sondern in der Art und Weise dieser Übersetzungen (in den Referenzketten5, die sie verbinden, und in ihrer Überprüfbarkeit in einer Community von Fachleuten). Dass in die Übersetzungen Konzepte, Methoden, Praktiken und Ziele eingehen, die situations- und zeitgebunden sind, nimmt ihnen nicht die Wissenschaftlichkeit. Unwissensenschaftich ist es, die Übersetzungen und Interpretationen von Daten von Zielen oder Normen abhängig zu machen, statt sie in einen expliziten Bezug zu Zielen und Normen zu stellen. Unwissenschaftlich und manipulativ ist es auch, den größeren oder geringeren Grad der Unsicherheit bei Äußerungen zu ignorieren und gegen Prognosen, die in einer wissenschaftlichen Community als gut gesichert erkannt worden sind, die grundsätzliche Unsicherheit jeder wissenschaftlichen Äußerung ins Feld zu führen. So gesehen sind gerade viele Formen der Kritik an der angeblich politisierten Wissenschaft unwissenschaftlich, weil sie wissenschaftliche Resultate nicht akzeptieren, aus denen sich ergibt, dass das aktuelle wirtschaftliche System in eine Katastrophe führt.

Die neue Publikation ist Bestandteil einer Gattung der wissenschaftlichen Literatur: der synthetisierenden Zusammenfassung von Ergebnissen unter dem Gesichtspunkt dringlicher Handlungen. Eine solche Zusammenfassung hat selbst wissenschaftlichen Charakter, deshalb erscheint sie als wissenschaftliche Publikation. Ihre Aussagen sind nach wissenschaftlichen Kriterien überprüfbar. Der Unterschied zu Texten wie den IPCC-Berichten besteht darin, dass diese Publikationen keinen anderen als wissenschaftlichen Kriterien folgen müssen, dass sie also nicht politische Rücksichten nehmen müssen und dass auch nicht notwendig ein Minimalkonsens formuliert werden muss.

Ich habe den Artikel gelesen, kurz nachdem ich die Aufzeichnung des Treffens des Dalai Lama mit Greta Thunberg und zwei Vertreterinnen der Klimaforschung gesehen hatte. In diesem Treffen ging es um die Tipping Points, die auch Thema eine Video-Reihe des Mind-and-Life-Instituts sind. Auch die Klimawissenschaftler in diesem Treffen haben politisch-gesellschaftlich argumentiert, und zwar aus ihren Forschungen heraus, wobei der hypothetische Charakter einiger Schlussfolgerungen aus diesen Forschungen deutlich ausgesprochen wurde—aber nicht als Begründung dafür, diese Ergebnisse weniger ernst zu nehmen und keine praktischen Folgerungen aus ihnen zu ziehen.

Angesichts sicherer Bedrohungen Alarm zu schlagen ist nicht eine Politisierung der Wissenschaft sondern Klarsichtigkeit in Bezug auf ihre Ergebnisse—im Gegensatz zur Politisierung der Wissenschaft, wie sie in primitivster Form die Trump-Administration noch immer vorführt. Die Politisierung und damit Relativierung wird nur subtiler von denen in Journalismus und Politik betrieben, die wissenschaftliche Ergebnisse auf Meinungen in einem gesellschaftlichen Diskurs reduzieren wollen und damit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bewusst zu einer Partei erklären, die einer politischen Logik folgt.


Ich bin auf den Artikel durch Martha Krumpeck aufmerksam geworden, die in einem Extinction Rebellion Channel darauf hingewiesen hat. Der Guardian hat sofort berichtet6.


Anmerkungen


  1. Bradshaw CJA, Ehrlich PR, Beattie A, Ceballos G, Crist E, Diamond J, Dirzo R, Ehrlich AH, Harte J, Harte ME, Pyke G, Raven PH, Ripple WJ, Saltré F, Turnbull C, Wackernagel M and Blumstein DT (2021). Underestimating the Challenges of Avoiding a Ghastly Future. Front. Conserv. Sci. 1:615419.  
  2. Original: The gravity of the situation requires fundamental changes to global capitalism, education, and equality, which include inter alia the abolition of perpetual economic growth, properly pricing externalities, a rapid exit from fossil-fuel use, strict regulation of markets and property acquisition, reigning in corporate lobbying, and the empowerment of women. Übers. H.W. mit Hilfe von https://www.deepl.com/translator 
  3. Steffen, W., Rockström, J., Richardson, K., Lenton, T. M., Folke, C., Liverman, D., Summerhayes, C. P., Barnosky, A. D., Cornell, S. E., Crucifix, M., Donges, J. F., Fetzer, I., Lade, S. J., Scheffer, M., Winkelmann, R., & Schellnhuber, H. J. (2018). Trajectories of the Earth System in the Anthropocene. Proceedings of the National Academy of Sciences, 115(33), 8252–8259. https://doi.org/10.1073/pnas.1810141115 
  4. Lenton, T. M., Rockström, J., Gaffney, O., Rahmstorf, S., Richardson, K., Steffen, W., & Schellnhuber, H. J. (2019). Climate tipping points—Too risky to bet against. Nature, 575(7784), 592–595. https://doi.org/10.1038/d41586-019-03595-0 
  5. Latour, B. (2002). Zirkulierende Referenz. In Die Hoffnung der Pandora (Dt. Übers. von Gustav Roßler, stw Bd. 1596, S. 36–95). Suhrkamp. http://people.zhdk.ch/shusha.niederberger/texte/bruno-latour/zirkulierende-referenzen.pdf 
  6. Weston, P. (2021, Jänner 13). Top scientists warn of „ghastly future of mass extinction“ and climate disruption. The Guardian. http://www.theguardian.com/environment/2021/jan/13/top-scientists-warn-of-ghastly-future-of-mass-extinction-and-climate-disruption-aoe 

Wir fahren im Höchsttempo genau auf eine Wand zu. Und wir geben auch noch Gas, die Wirtschaft braucht ja Wachstum. Ich glaube nicht, dass wir noch irgendetwas anderes tun sollten als das Steuer herumzureissen—und vor allem in Unternehmen und Hochschulen.

79. Digitaldialog: Webinar | C-ITS / CCAM oder der Kampf neuer Technologien um heiße Märkte in der Verkehrstelematik (silicon-alps.at)
26. January 2021 Posted by: Category: No Comments Map Unavailable Datum/Zeit Date(s) - 26/01/2021 17:00 - 20:00 Kategorien Digital Dialog Digitalisierung Research and Development Wissensvermittlung 79. Digitaldialog: Webinar | C-ITS / CCAM oder der Kampf neuer Technologien um heiße Märkte in der ...

Habe eben die Einladung zum nächsten @siliconalps-Digitaldialog in Graz gelesen. Frage mich, warum Verkehrswende, Reduktion des Automobilverkehrs, Ausstieg aus fossilen Energien nicht erwähnt werden. Hat Digitalisierung des Verkehrs damit nichts zu tun?

Ich beschäftige mich mit dem Begriff committed warming, angeregt durch den neuen Artikel von Stefan Rahmstorf Klimakrise: Die Gefahr alarmistischer Klima-Studien, den wir heute in einer XR-Gruppe besprechen wollen. Es geht mir aber auch darum, wie man mit einem solchen Begriff bzw. den damit verbundenen Forschungen in der Wissenschafts- und Klimakommunikation umgeht und wie man die Informationen übersetzt und kontextualisiert.

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Fassade aus Bambus. Bild: https://pxhere.com/en/photo/1130225

Gleich zu Beginn des letzten Falter-Podcasts Klima und Corona – die Geschichte zweier Krisen1 spricht Hans-Jörg Schellnhuber vom Bauen als dem Elefant im Klimaraum. Ca 40% aller Treibhausgasemissionen hängen direkt oder indirekt mit Gebäuden und dem Bauen zusammen. Beim Bauen und Wohnen, öffentlich und privat, werden die Veränderungen eines neuen Klimaregimes wahrscheinlich deutlicher im Alltag spürbar sein als in jedem anderen gesellschaftlichen Bereich. Trotzdem beschäftigt sich die öffentliche Diskussion viel weniger mit dem Bauen als mit der Mobilität und der Ernährung. Ein Grund dafür ist vielleicht, dass unsere Wohnformen und die Nutzung von öffentlichen Gebäuden und Infrastrukturen uns noch selbstverständlicher sind als die Mobilität und die Ernährung, bei denen wir als Einzelne mehrfach am Tag Entscheidungen treffen oder treffen können. Ein anderer ist möglicherweise, dass das Bauen sehr eng mit anderen Bereichen, z.B. der Energienutzung und den Beziehungen von Arbeit und Freizeit, verbunden ist, so dass es oft nicht selbst zum Thema wird.

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Für jemanden mit rudimentären Tschechischkenntnissen liest sich das wie ein Text, den ein native speaker einer wahrscheinlich slawischen Sprache auf Deutsch geschrieben hat. Komplette Arbeit übrigens https://opac.crzp.sk/?fn=detailBiblioForm&sid=64930206F366C8E3430BE3C607D8

Ich kann euch nur sagen, auch als Ex-Studiengangsleiter, dass das eine der Sachen ist, vor denen ich am meisten Angst hatte. Ein Punkt dabei ist, dass das FH-System dazu verführt, Gefälligkeitsnoten zu geben, weil man Leute beurteilt, die man selbst betreut hat, und das meist als einziger.