Ich denke darüber nach, in welchem Verhältnis das, was ich tue, zur Wissenschaft und auch zu einer wissenschaftlichen Institution wie der Fachhochschule steht, an der ich arbeite. Hintergrund dafür ist, dass mich interessiert, welche Beziehungen es—konkret in Bezug auf die Klimakrise—zwischen dem Publizieren für die Öffentlichkeit und dem wissenschaftlichen Publizieren gibt, und welche Rolle dabei das Web spielt und spielen kann. In welcher Rolle spricht man, wenn man wissenschaftliche Ergebnisse zur Klimakrise außerhalb eines wissenschaftlichen Publikums diskutiert? Ist man dann entweder Dolmetscher oder Sprachrohr der Wissenschaft oder aber ihr Gegner? Oder ist diese Diskursebene, oder sind diese Diskurse etwas Eigenes, das umgekehrt auch zu der Wissenschaft spricht—gibt es so etwas wie notwendige intertextuelle (wenn das Wort richtig ist) Beziehungen zwischen Wissenschaft und öffentlichem Sprechen oder Schreiben? Und wie kann man auf diese Fragen die analytischen Instrumente anwenden, die in den Science Studies entstanden sind?

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Ich habe jetzt schon mehrere Diskussionen darüber mitbekommen, ob man individuell darauf verzichten soll zu fliegen. An manchen solcher Diskussionen habe ich auch teilgenommen, jetzt gerade auf Facebook an dieser im Anschluss an den Artikel Flugreisen: Verzicht rettet die Welt nicht. Das Thema ist für viele emotional besetzt—offenbar besonders für Leute, die Klimaschützer immer wieder zur Rationalität aufrufen.

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Josef Winkler, Erwin Köstler und Andreas Leben stellen Ivan Cankar vor. Literaturhaus Graz, 29.4.2019

Von dem Abend im Literaturhaus zu Ivan Cankar möchte ich Cankar selbst in Erinnerung behalten, und auch einige Sätze Josef Winklers, der gestern seine Nacherzählung von Cankars Jernej der Knecht und sein Recht vorlas. Er interessiere sich eigentlich nur für die Sprache von Texten, kaum für die Inhalte, sagte Winkler. Die Sprache sei wie eine Katze oder ein Tiger, die sich elegant vorwärts bewegen, manchmal sei eine klappernde Blechdose an den Schwanz gebunden: der Inhalt. Ich dachte: Wie peinlich wäre es mir, wenn ich Winkler sagen müsste, dass ich an einem Studiengang für Content-Strategie arbeite, und ob es vielleicht erträglich wäre, von Inhaltsstrategie zu sprechen. Wir seien bei vielen Texten auf Übersetzungen angewiesen, sagte Winkler, als ihn eine Zuhörerin aufforderte, Slowenisch zu lernen. Jetzt seien gerade einige große Texte in neuen Übersetzungen erschienen—Romane von Dostojewskij, Tolstoi, Knut Hamsun, Melville. Die Übersetzungen und die Kritiken der Übersetzungen seien ein Anlass, wieder in diesen Büchern zu lesen, und nur diese großen Texte seien es Wert, gelesen zu werden, alles andere seien nur Seifenblasen. Er selbst sei auch nur eine Seifenblase, sagte Winkler, anders als viele Passagen Handkes, an dessen Beschreibung einer Igelfamilie er sich öfter erinnere als an die Igelfamilie, die er selbst vor einigen Jahren in Holland beobachtet habe. Er frage sich, wie ein Mensch überhaupt so schreiben könne.

Fast zwei Stunden lang haben Winkler, Erwin Köstler und Andreas Leben Ivan Cankars (und Josef Winklers) Sprache vorgestellt. Ich habe Cankar vorher nicht einmal dem Namen nach gekannt. Die Abschnitte, die ich gestern gehört habe, erinnern mich im Naturalismus und der Kritik an nationalistischer Provinzialität an Joyce und in der Insistenz und der Frage nach der Gerechtigkeit entfernt an Kafka. Einen Abend, bei dem die Sprache so unaufgeregt und konzentriert in den Mittelpunkt gestellt werden, habe ich auch im Grazer Literaturhaus nicht oft erlebt.

Viele Werke Cankars sind übersetzt im Drava-Verlag erschienen. Köstler und Leben notiere ich mir als Gewährsleute für slowenische Literatur.

Street art mit dem Symbol von Extinction Rebellion, wahrscheinlich von Banksy

Die New York Times hat im März darüber berichtet, dass die Stadt Kopenhagen bis 2025 CO2-neutral werden will: Copenhagen Wants to Show How Cities Can Fight Climate Change. In dem Artikel werden viele kritische Fragen formuliert—die ehrgeizige Zielsetzung könnte verdecken, dass wichtige Ursachen des CO2-Ausstoßes ignoriert werden. Der Ausgangspunkt für den Plan leuchtet aber ein: Das meiste CO2 wird in Städten produziert. Also müssen vor allem die Städte ihre Wirtschaft umstellen, wenn der CO2-Gehalt der Atmosphäre reduziert werden soll.

Lässt sich das Vorhaben auf Graz übertragen? Ist es möglich, Graz bis 2025 CO2-neutral zu machen?

Wenn man versucht, diese Frage zu beantworten, merkt man, wie radikal sich das Leben in einer Stadt wie Graz verändern muss, wenn sie ein Teil der Lösung statt ein Teil des Problems Klimawandel werden will. Was muss passieren, damit in Graz keine Treibhausgase mehr freigesetzt werden und damit die Grazer Wirtschaft auch nicht an anderen Stellen der Welt am Klimawandel mitwirkt?

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Ich war in der letzten Woche in Dubrovnik. Es war eine Mischung aus Familienbesuch und Urlaub, ich habe etwas Kroatisch gelernt, und ich bin nicht viel zum Lesen und Schreiben gekommen. Ich habe aber immer wieder darüber nachgedacht, warum und was ich schreibe und lese.

Wenn ich nur 10 Minuten in meinen Twitter-Stream oder den Guardian schaue, versetzen mich Nachrichten über ökologische Katastrophen und den aktivistischen Widerstand dagegen in einen Alarmzustand, aus dem ich mich schwer lösen kann. Es gelingt mir nicht, diesen Alarmzustand so umzuformen, dass sich daraus ein kontinuierliches und begrenztes, lokales Handeln (oder Schreiben) ergibt, und das kann man an diesem Blog und meinem Microblog gut ablesen. Ich finde nicht zu einem business as usual, obwohl ich zum ersten Mal, seit ich angefangen habe zu arbeiten, genug Zeit habe, um nur noch zu tun, was mich interessiert.

Auf den Ausdruck business as usual komme ich durch einen Tweet des Londoner Bürgermeistes Sadiq Khan:

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Dubrovnik, Karwoche 2019

Wir sind am Sonntag von Graz nach Dubrovnik gefahren und werden hier bis Ostern bleiben. Ich kenne die Strecke inzwischen gut: von der milden Landschaft Sloweniens über die menschenleere Ebene hinter dem Velebit, den grauen Karst zwischen Zadar und Split bis zu der feuchteren, weniger strengen und vielfältigen Insel- und Küstenregion zwischen dem Neretva-Delta und Dubrovnik. Seit ich zum ersten Mal hier in Süddalmatien war, möchte ich hier leben. Als ich Ana kennengelernt habe, habe ich zuerst versucht so wenig wie möglich daran zu denken, dass sie aus Dubrovnik kommt. Ich wollte nicht, dass meine Sympathie für diese Gegend unsere Beziehung beeinflusst. Später habe ich dann gemerkt, dass bei Menschen, die hier großgeworden sind, der Wunsch, der Enge dieser kleinen Stadt zu entkommen, größer sein kann als die Begeisterung für die mediterrane Landschaft.

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John Maeda unterscheidet in seinen Design in Tech Reports klassisches Design, Design Thinking und Computational Design. Gerade hat er in einem Artikel für Quartz noch einmal erklärt, was er mit diesen Begriffen meint. Grob übersetzt:

  • klassisches Design, das sich auf das Design von Objekten bezieht, die wir in der physischen Welt verwenden,
  • Design Thinking, das sich darauf bezieht, wie Unternehmen lernen, wie man mit Hilfe von Ideationsmethoden zusammenarbeitet und innovativ ist, und
  • Computational Design, das sich auf jede Art von kreativer Aktivität bezieht, die Prozessoren, Speicher, Sensoren, Aktoren und das Netzwerk betrifft.
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