Am Freitag habe ich den Studierenden des Jahrgangs #cos17 eine Präsentation über Contentstrategie für das Postwachstum gezeigt, als Teil der #LecturesForFuture. Es ist mein erster Versuch, eine konsistente Präsentation zum Themenkomplex Klimakrise und Postwachstum zu erstellen. Ich hoffe, dass ich sie weiter ausbauen kann. Die Versionen sind auf GitHub archiviert.

Ich bin nicht sicher, dass man den Gedankengang ohne mündlichen Vortrag folgen kann. Die Argumentation ist:

  1. Der CO2-Gehalt der Atmosphäre ist seit Beginn der Industrialisierung kontinuierlich gestiegen, am deutlichsten veranschaulicht in der Keeling-Kurve. Der Anstieg hat sich in den letzten 40 Jahren noch einmal deutlich beschleunigt.

  2. Das CO2 in der Atmosphäre führt zu einer Erhöhung der Temperaturen, die ab einem Anteil von ca. 450 Parts Per Million noch deutlich katastrophalere Konsequenzen haben wird, als wir sie jetzt schon beobachten können. Um das Klima halbwegs stabil zu halten, muss so schnell wie möglich darauf verzichtet werden, weitere Treibhausgase in die Atmosphäre zu pumpen (Veranschaulichung: Szenarien des Weltklimarats).

  3. Der Zusammenhang von globaler Erwärmung und CO2-Gehalt (andere Treibhausgase wären auch noch zu berücksichtigen) ist durch jahrzehntelange wissenschaftliche Forschung belegt. Wichtig dafür war die Möglichkeit, dass Weltklima mit Computern zu modellieren, und die Erkenntnis über den Zusammenhang von CO2 und den Temperaturen auf der Venus (Veranschaulichung: Eine der ersten Studien über globale Erwärmung).

  4. Bereits jetzt können wir eine Fülle katastrophaler Ereignisse beobachten, deren Zahl und Ausmaß vom Klimawandel abhängt (Veranschaulichung: Meldungen über die Erwärmung der Ozeane, das Abschmelzen des Polareises und die Dürre in Indien).

  5. Um die globale Erwärmung in Grenzen zu halten, muss eine absolute Grenze der Gesamt-CO2-Emissionen festgelegt werden, aus der sich für die Zivilisation insgesamt und für jeden Menschen ein CO2-Budget ergibt. (Veranschaulichung: CO2-Uhr des Guardian). Das gerade noch vertretbare Budget pro Kopf der Weltbevölkerung liegt in der Größenordnung von einer Tonne pro Jahr.

  6. Wir tragen durch den gesamten Lebensstil in den reichen Ländern zur globalen Erwärmung bei. Die reichsten Teile der Weltbevölkerung verursachen den bei weitem größten Anteil der globalen Erwärmung. Die globale Erhitzung erfordert einen radikalen Umbau der Wirtschaft (Veranschaulichung: Daten über CO2-Ausstoß, besonders in Deutschland.)

  7. In der Zeit, die noch zur Verfügung steht, um die Wirtschaft CO2-frei zu machen, wird man das Wirtschaftswachstum nicht in ausreichendem Maß vom CO2-Ausstoß abkoppeln können (Veranschaulichung: Szenarien des Weltklimarats, interpretiert durch eine neue Arbeit zur Hypothese eines grünen Wachstums). Die globale Erhitzung wird sich nur durch eine Schubumkehr in der Wirtschaft stoppen lassen, durch die der Energieverbrauch vor allem in den reichen Ländern drastisch sinkt. Diese Schubumkehr muss die gesamte Wirtschaft betreffen.

  8. Damit stellt sich die Frage, wie Contentstrategie jenseits einer Wachstums-Perspektive betrieben werden kann. Das Motto Content First! lässt sich auch als Motto einer dematerialisierten Wirtschaft verstehen.

Es hat mich überrascht, dass die Studierenden in der Diskussion die Geamtargumentation nicht kritisiert haben. Sie haben eine ganze Reihe von Vorschlägen gemacht, mit Inhalten eine ressourcenschonendes Wirtschaften zu unterstützen. Die wichtigste Kritik an der Präsentation war, dass die Möglichkeit, den CO2-Gehalt der Atmosphäre mit neuen Technologien zu reduzieren, zu wenig berücksichtigt wird. Darauf muss ich noch eingehen. Ich habe mich in der Präsentation einfach auf die Aussage in der Literatur verlassen, dass solche Technologien in den nächsten 20 Jahren nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung stehen.


Für waren sind bei dieser Präsentation zwei Gesichtspunkte wichtig:

  • Ich möchte mich an wissenschaftlichen Ergebnissen und Argumentationen orientieren, nicht an Ideologien. Die Orientierung an der Wissenschaft ist entscheidend für die Glaubwürdigkeit der gesamten .
  • Ich möchte fokussiert in Bezug auf CO2 und den Klimawandel argumentieren, auch wenn ich inzwischen generell davon überzeugt bin, dass wir eine Postwachstums-Ökonomie ansteuern müssen. Die Degrowth-Perspektive muss sich aus empirischen Daten ergeben, sie darf nicht vorausgesetzt werden. Das bedeutet aber nicht, dass nicht auch ohne Klimawandel die Biosphäre so bedroht ist, dass die erwähnte Schubumkehr notwendig ist.

Im Zug zurück von London habe ich zwei Essays gelesen, deren Autoren daran zweifeln, dass die Menschheit die Klimakrise durch organisiertes kollektives Handeln abwenden wird: Climate change: ‘We’ve created a civilisation hell bent on destroying itself – I’m terrified’ von James Dyke und No Happy Ending: On Bill McKibben’s “Falter” and David Wallace-Wells’s “The Uninhabitable Earth” von Roy Scranton.

Beide Aufsätze sind Interpretationen und Kritiken von Publikationen zum Anthropozän und zur Klimakrise. Scranton rezensiert die Bücher Falter von Bill McKibben und The Uninhabitable Earth von David Wallace-Wells. Dyke bezieht sich auf eine Reihe von wissenschaftlichen und politischen Texten. Im Mittelpunkt steht für ihn das Konzept der Technospäre (englisch: technosphere), das Peter Haff in Humans and technology in the Anthropocene: Six rules dargestellt hat. Wichtige Ausgangspunkte für Dyke sind auch die Theorie der Nine planetary boundaries und der Begriff der Großen Beschleunigung, der in The trajectory of the Anthropocene: The Great Acceleration formuliert wurde.

Scranton und Dyke fragen, ob das Engagament der Aktivisten gegen die Klimakrise auf Illusionen beruht. Es geht in beiden Aufsätzen um die kollektiven Akteure, an die der Aktivismus gegen die Klimakrise appelliert. Dyke sagt im Anschluss an Haff, dass ein neuer Akteur, die Technosphäre, an die Stelle der Menschheit getreten ist, dass die Geschichte also gar nicht mehr von Menschen gemacht wird, sondern von einem autonom agierenden technischen Komplex. Scranton ordnet die Vorstellung einer kollektiv handeldenden Menschheit einem naiven narrativen Konzept zu—der alten Erzählung vom Sieg des Guten gegen alle Widerstände. Scranton und Dyke halten es nicht nur für möglich, sondern für wahrscheinlich, dass die Klimakrise tragisch ausgeht—mit den Katastrophen, die David Wells in seinem Buch und davon in seinem Artikel im New York Magazine beschrieben hat.

Beide Texte sind gelehrte Essays und enthalten eine Fülle von Verweisen. Ich verstehe sie als Ausgangspunkte für weitere Lektüre. Ich möchte sie und die Texte, auf die sie sich beziehen, vor dem Hintergrund der Akteurs- und Aktionskonzepte lesen, die von Bruno Latour und in seinem Umkreis entwickelt
wurden.

Die Leitfrage für mich ist hier: In welchen Beziehungen stehen wissenschaftliche Inhalte und öffentliche Diskussion? Wie greifen wissenschaftliche, politische und literarische Diskurse hier ineinander? Dazu gehört auch: Welches sind die Rollen und die Strategien von Autoren angesichts der ökologischen Katastrophe? Diese beiden Aufsätze sind keine nüchtern geschriebenen Rezensionen. Sie denken andere Texte weiter—auch da, wo deren Autoren selbst vor den Folgerungen aus ihren Überlegungen zurückschreckten. Sie artikulieren—ich kann es nur so vorläufig und oberflächlich formulieren—die existenzielle Dimension der ökologischen Krisen.


Ich bin durch Tweets auf diese Texte aufmerksam geworden, durch

und andere.

Ich bin sprachlos und ratlos. Nicht so sehr wegen der rassistischen Arbeit selbst. Auch nicht wegen der Benotung durch einen Betreuer. Das kann man als gravierendes, aber individuelles Fehlverhalten ansehen. Sondern darüber, dass die Hochschule, an der ich arbeite, offenbar nach dieser Stellungnahme einen Bachelor-Grad vergeben hat: Zur Diskussion über eine Abschlussarbeit an der FH Joanneum (Graz). Ich wünsche mir, dass des nicht stimmt. Und ich hoffe, dass endlich alle Dokumente dazu und ihre Daten veröffentlicht werden.

Via:

Heute unterwegs nach London zu einer Präsenzwoche, zum ersten Mal mit dem Zug, und zum ersten Mal nicht als Studiengangsleiter. Versuche gerade, mit dem Indieweb etwas weiter zu kommen. Habe gerade OwnYourSwarm aktiviert und mit microblog.wittenbrink.net verbunden. Außerdem habe ich das WordPress-Micropub-Plugin installiert und aktiviert. Eine Sache, die ich jetzt verstehen möchte: Kann ich micro.blog und WordPress sinnvoll nebeneinander benutzen?

Koinzidenzen. Heute sind Europawahlen, ich habe mit meiner kroatischen Frau in Österreich gewählt und warte gleich in Deutschland bei meinem Vater auf die Ergebnisse. Morgen fahre ich über Brüssel mit dem Eurostar nach London. Ich brauche Europa, die Nationalstaaten sind mir egal.

Ich kenne David Abulafias Namen, weil mir Regina vor Jahren seine Biografie des Mittelmeers geschenkt hat. Ich habe in den letzten Wochen öfter an an das Buch gedacht und mir vorgenommen, es zuende zu lesen, wenn wir im Sommer auf Žirje sind. Das Abulafia in Graz liest, habe ich erst ein paar Stunden vor der Veranstaltung gesehen.

David Abulafia mit Dominik Berger und Steffen Schneider im Literaturhaus Graz
David Abulafia mit Dominik Berger (links) und Steffen Schneider (rechts) im Literaturhaus Graz, 16.5.2019

Der Abend begann sehr verhalten, und Abulafia las zuerst wie ein distanzierter Professor. Aber je mehr er zwischen den Leseabschnitten mit Steffen Schneider ins Gespräch kam, und noch mehr, als er auf Fragen der Zuschauer antwortete, hörte man ihm als einem Erzähler zu. Er macht die akademische Geschichtschreibung zum Medium des Erzählens und zeigt die erzählerischen Potenzen des wissenschaftlichen Vorgehens, er illustriert nicht im Nachhinein auf anderem Wege erschlossene, unanschauliche Fakten. Oder vielleicht, umgekehrt: Er macht die Erzählung zum Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Erschließung, bis dahin, dass er die Geschichte eines ganzen Meeres erzählt. In diese Geschichte verwoben ist die Geschichte seiner Familie. Er selbst sagte, dass ihm diese persönlichem Motive seiner Arbeit erst im Nachhinein bewusst geworden sind. Abulafia stammt aus einer sephardischen Familie, deren Mitglieder im Laufe der Jahrhunderte an vielen Orten des Mittelmeerraums gelebt haben.

Dass Erzählen und Darstellen für Abulafia nicht nachrangig ist, lässt mich jetzt auch seine Bemerkungen zu Fernand Braudel verstehen, dessen Werk zum Mittelmeer einen Intertext von Abulafias Buch bildet. Abulafia hat sich nicht methodisch oder theoretisch von Braudel abgesetzt, sondern gesagt, dass Braudels Mittel für ihn nicht ausreichten, um die Geschichte des Mittelmeers zu erzählen. Braudel, so habe ich es in Erinnerung, hätte das Mittelmeer zu sehr von den Landregionen her verstanden, die es umgeben. Vielleicht zielt auch die andere kritische Bemerkung Abulafias zu Braudel nicht nur auf ein falsches theoretisches Konzept, sondern auf einen Ansatz, der erzählerisch nicht funktioniert: Er habe sich zu wenig mit den Menschen beschäftigt. Für Abulafia selbst stehen die menschlichen Entscheidungen im Mittelpunkt. Menschliche Handlungen wie die Gründung Alexandrias nach einem Traum Alexanders des Großen könnten Folgen über Jahrtausende haben. Durch menschliche Entscheidungen könnten sich Situationen auch sehr schnell verändern, in viel kürzen Zeitspannen, als sie Braudel erfasst habe: Not all change is slow.

In der Diskussion sprach Abulafia vom Mittelmeer als einem open space. In diesem Raum ist nichts fix. Diese Nichtfixiertheit ist ein Leitthema Abulafias. Sie betrifft alle Entitäten, auch die sogenannten Völker. Abulafia schreibt über Schiffe, Menschen und Völker, die sich bewegen. Die Portugiesen, die in der frühen Neuzeit in Italien auftauchen, seien äußerlich konvertierte Juden aus Spanien gewesen, die sich dann in späteren Generationen in Holland angesiedelt und niederländisch gesprochen hätten. Für die mediterranen Städte, die Abulafia—mit Nostalgie—porträtierte, ist charakteristisch, dass in ihnen unterschiedliche Gruppen, wie Griechen, Juden, Armenier zusammenleben, dass sie sich nicht ethnisch verstanden. In Triest habe sich diese Vielfalt etwas besser erhalten als in vielen anderen der berühmten mediterranen Städte. In Smyrna und später in Alexandria habe sie der Nationalismus ausgelöscht.

Something very precious hast been lost and is very difficult to replace.

Ich habe Abulafia in der Diskussion nach den Besonderheiten Dubrovniks gefragt, und er ist sofort auf die multiple Identität dieser Stadt zu sprechen gekommen, auf die drei Sprachen (kroatisch, italienisch, dalmatinisch), die dort früher gesprochen wurden, und auch auf ihre Mittler-Position zwischen dem Meer und den Balkanländern. Zum Thema Abulafia als Erzähler gehört auch, dass das historische Wissen bei ihm persönliches Wissen ist, das er bei den Fragen, die ihm gestellt wurden, sofort abrufen kann, und dass er mit diesem Wissen ein bestimmtes Publikum oder auch einen einzelnen Fragesteller ansprechen und erreichen kann.

In der Diskussion erwähnte Abulafia mehrfach Katalonien und Barcelona, wo man die katalanische Identität nie ethnisch verstanden habe. Er zitierte Artur Mas, der davon geträumt habe, dass die Migranten aus Afrika den Keim einer neuen multikulturellen Gesellschaft in Barcelona bilden würden. Dass Abulafia die Beweglichkeit und Offenheit des Meers der Statik der Territorien gegenüberstellt, motiviert vielleicht auch sein Engagement für den Brexit, für den er als Sprecher der Historians For Britain eintritt.

Nach Kroatien möchte ich mir im Sommer Abulafias Mittelmeer-Buch mitnehmen, und dieses oder ein anderes mal auch einige andere Bücher, die ich an dem Abend im Literaturhaus kennengelernt habe: Abulafias spätere Geschichte der Ozeane The Boundless Sea, The Corrupting Sea von Peregrine Horden und Nicholas Purcell, ein anderes neueres klassisches Werk zu Geschichte des Mittelmeers, In Search of the Phoenicians, in dem Josephine Quinn die Phönizier als eine Fiktion der nationalistischen Geschichtsschreibung bezeichnet, und Texte von Amin Maalouf wie Les Identités meurtrières.

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Ton Zijlstra
Das freut mich sehr zu lesen, Heinz! Falls ich irgendwie behilflich sein kann, gerne. Auch kann es nützlich sein das wir unsere Blogs gegenseitig als Material für Experimente betrachten. zB bei Webmentiontests. Replied to a post by Heinz Wittenbrink Heinz Wittenbrink Ich möchte konsequenter Indie...

Danke, Ton! Ich stehe noch ganz am Anfang, obwohl ich die IndieWeb-Plugins schon lange installiert habe. Ich würde dieses Gebiet gerne mit dir und deinem Netzwerk zusammen entdecken. Ich muss jetzt erst einmal die Probleme, die ich lösen muss, in eine Ordnung bringen. Zum Teil hängen sie damit zusammen, dass und wie ich WordPress und Jetpack benutze.

Ich denke darüber nach, in welchem Verhältnis das, was ich tue, zur Wissenschaft und auch zu einer wissenschaftlichen Institution wie der Fachhochschule steht, an der ich arbeite. Hintergrund dafür ist, dass mich interessiert, welche Beziehungen es—konkret in Bezug auf die Klimakrise—zwischen dem Publizieren für die Öffentlichkeit und dem wissenschaftlichen Publizieren gibt, und welche Rolle dabei das Web spielt und spielen kann. In welcher Rolle spricht man, wenn man wissenschaftliche Ergebnisse zur Klimakrise außerhalb eines wissenschaftlichen Publikums diskutiert? Ist man dann entweder Dolmetscher oder Sprachrohr der Wissenschaft oder aber ihr Gegner? Oder ist diese Diskursebene, oder sind diese Diskurse etwas Eigenes, das umgekehrt auch zu der Wissenschaft spricht—gibt es so etwas wie notwendige intertextuelle (wenn das Wort richtig ist) Beziehungen zwischen Wissenschaft und öffentlichem Sprechen oder Schreiben? Und wie kann man auf diese Fragen die analytischen Instrumente anwenden, die in den Science Studies entstanden sind?

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