Ich versuche, mir ein Bild von den klimapolitischen Entscheidungen der neuen amerikanischen Regierung zu machen. Ich war und bin so gespannt, was nun passiert, wie ich es vor der letzten Präsidentschaftswahl war. Was die Biden-Regierung jetzt tut, um die Klimakrise zu bekämpfen, ist bei weitem wichtiger als die Frage, wer Präsident der USA ist—wenn auch nicht davon trennbar.

Für mich kristallisieren sich zwei Punkte heraus:

Erstens: Die neue amerikanische Regierung ist die erste Regierung eines größeren westlichen Staats, die die Klimakrise zum Hauptthema ihre Arbeit macht, also zu dem Thema, von dem aus alle anderen Themen, sowohl in der Wirtschaftspolitik wie in der Außenpolitik, angegangen werden. Ihre entscheidenden Leute haben offensichtlich die existenzielle und historische Dimension dieses Themas verstanden, weitaus mehr als die meisten europäischen Politiker. Wenn ich die Statements aus der Klimabewegung und Klimaforschung in den USA richtig deute, dann wird diese Politik dort als glaubwürdig wahrgenommen, auch wenn die gestern verkündeten Maßnahmen nur erste Schritte sind.

Dieser Umschwung wird in den Medien hier noch viel zu wenig wahrgenommen. Berichtet wird wie über eines von vielen innenpolitischen Themen der USA. Wenn die US-Regierung aber realisiert, was sie jetzt angekündigt hat, dann wird diese Entscheidung nicht nur dazu führen, dass sich die USA wieder an das Pariser Abkommen halten—wenigstens so gut oder schlecht wie die anderen Staaten, die es unterschrieben haben— sondern sie wird auch dazu führen, dass sie radikalere Schritte von ihren Verbündeten verlangt. Das dürfte es z.B. der deutschen Regierung erschweren ihre bisherige heuchlerische Energiepolitik weiter durchzuführen.

Aber: Andererseits ist der Zugang der amerikanischen Regierung weiter wachstumsorientiert. Was die amerikanische Führung anstrebt, ist offenbar eng mit dem verwandt, was in Davos als The Great Reset formuliert wurde. Es erinnert mich an den keynesianischen Rahmen der Wirtschaftspolitik vor der neoliberalen Ära, bei dem bei dem eine soziale Reformpolitik und Wirtschaftswachstum eng zusammen gehörten. Innerhalb eines solchen Rahmens gibt es unterschiedliche Grade an Konsequenz, wie es ja auch innerhalb des Keynesianismus mehr oder weniger linke und konservative Ausrichtungen gibt. Diese Wachstumsorientierung halte ich für problematisch. Ich glaube nicht, dass ein Wachstum möglich ist, das man von Treibhausgas-Emissionen und anderen ökologischen Zerstörungen abkoppeln kann. Ich glaube auch nicht, dass ein Umstieg von alten zu neuen Technologien dazu ausreichen wird, die sozialen Probleme zu lösen, die aufgrund der neoliberalen Entwicklung der letzten Jahrzehnte entstanden sind und die durch eine ökologische Transformation der Industrie noch größer werden. Ohne eine konsequente, globale Umverteilungspolitik und eine Ausrichtung an anderen Zielen als Wachstum und Wealth wird die Klimapolitik dazu führen, dass viele Menschen negativ betroffen und anfällig für faschistoide Strömungen bleiben oder werden. Wenn die Wachstumsfixierung dazu führt, dass die USA die Klimaziele weiter nicht erreichen, wird die Klimapolitik außerdem ihre Glaubwürdigkeit nicht behalten—es sei denn, sie radikalisierte sich weiter.

Die neue amerikanische Klimapolitik ist eine große Chance für die Klima- und Klimagerechtigkeitsbewegung hier. Die Diskussionen werden sich verschieben: von der Frage, wie wichtig Klimapolitik ist, zu der Frage, wie sie gelingen kann. Das bedeutet sehr viel größeres Gewicht auch für Ansätze, die sich nicht mehr am Wachstumsparadigma orientieren. Diese Ansätze werden sich vermutlich nicht zuerst auf der Ebene der großen politischen Einheiten durchsetzen, sondern auf der lokalen Ebene, in der neue Form der Versorgung und der Organisation, also Elemente der Kreislaufwirtschaft, realisiert werden müssen, um überhaupt Klimaziele konkret erreichen zu können. Der Druck, auf allen politischen und sozialen Ebenen, also in Städten, Betrieben oder auch in einzelnen Branchen, z.b. der Digitalbranche, zu dekarbonisieren, wird durch die neue amerikanische Politik enorm anwachsen und möglicherweise bald tatsächlich zu einer Grundanforderung werden. Vielleicht täusche ich mich. Aber ich glaube, dass die Ankündigungen der US-Regierung gestern eine der wichtigsten Veränderungen des politischen Raums in den westlichen Ländern darstellen, die es in den letzten Jahrzehnten gab.

The origin of the role of content strategists is the separation of content and publications that became crucial through digitization (see e.g. https://dl.acm.org/doi/10.1145/2987592.2987631). That doesn’t mean that strategy cannot be developed bottom-up, but strategy must not be confused with tactics.

Viele Klima-AktivistInnen sind wie ich trotzdem froh, dass @Gruene_Austria in der Regierung sind. So gibt es wenigstens eine Chance, staatlich etwas gegen die Klimakrise zu tun, die die ganze Menschheit bedroht. Man kann sich seine Verbündeten—siehe 2. Weltkrieg—nicht immer aussuchen.

Bruno Latour : «Un conflit oppose les Extracteurs qui veulent exploiter les ressources de la Terre, et les Ravaudeurs qui essaient de la réparer» (Libération)
Dans son livre, le philosophe et sociologue des sciences nous invite à une métamorphose. Pour réorganiser la société autour des urgences écologiques, il faut repenser nos liens avec le vivant et décrire ce qui nous ancre sur la Terre. C’est ainsi que l’on pourra organiser des classes «géo-sociales» susceptibles d’entreprendre la transition écologique.

“Es gibt einen Konflikt zwischen den Extraktoren, die die Ressourcen der Erde ausbeuten wollen, und den Zusammenflickern, die versuchen, sie zu reparieren.” Neues Interview mit Bruno Latour (Danke David für das Link!)

Ich versuche gerade, mir einen Überblick über das Thema Klimakommunikation zu verschaffen. Ich tue das einerseits für den virtuellen Lernraum Science, Communication & Facilitation bei Extinction Rebellion Österreich, für dessen Teilnehmerinnen und Teilnehmer Klimakommunikation das wichtigste Thema ist. Andererseits beschäftige ich mich in der Lehre mit diesem Thema: In der nächsten Woche werde ich bei COS eine Veranstaltung über Content-Strategie und Wissenschaft durchführen, und ich bin auch an einem Projektantrag beteiligt, in dem es um Klimakommunikation geht.

Wenn ich versuche, zu einem neuen Thema Orientierungspunkte zu finden, orientiere ich mich am liebsten an Personen, die ich als Fachleute erkenne und über die ich mir dann auch diese Landschaft erschließen kann. Zwei ForscherInnen bzw. Forscher, die ich verfolgen möchte, sind der Kognitionspsychologe Stephan Lewandowsky, der erforscht, welche Variablen darüber entscheiden, ob eine Person wissenschaftliche Evidenz akzeptiert, und die Linguistin Brigitte Nerlich die vor allem über die Sprache in Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation publiziert. Ihre: Twitter-Handles: @BNerlich und @STWorg

Als gute Grundlagen für die praktische Kommunikation bin ich auf einer Reihe von Dokumenten gestoßen, die alle Handbücher heißen: das Klimafakten Handbuch, das auch sehr viel Hinweise auf ähnliche Unternehmen und Forschungen zu diesem Thema enthält, ist eine Fundgrube, auch wenn es noch längst nicht abgeschlossen ist. Sehr nützlich vor allem für den Aktivismus kommen mir auch eine eine Reihe englischer bzw aus dem Englischen auch in andere Sprachen übersetzt Handbücher vor, an denen der erwähnte Stephan Lewandowsky beteiligt ist, z.B. das Conspiracy Theory Handbook und das Debunking Handbook 2020 (deutsch: Widerlegen, aber richtig 2020).

Literaturangaben stelle ich in eine Zotero-Sammlung von Extinction Rebellion Austria. Ich habe mir zum Thema Klimakommunikation eine Twitter-Liste angelegt: @heinz/Climate Communication / Twitter. Was ich laufend lese, versuche ich auf Hypothes.is unter dem Tag climate communication festzuhalten.

Ich glaube, dass @_vanessavu auf die Selbstverständlichkeit abzielt, mit der wir unser Gesellschaftsmodell für natürlich und andere für autoritär halten. Ich würde das anderes ausdrücken, aber die Perspektive halte ich für wichtig.