Off_gallery, vor dem Start

Off_gallery, Griesgasse 31, Foto: Erika Petrić

Wir haben heute die erste Veranstaltung in der Off_gallery in der Griesgasse. Wir sind Gastgeber für Kinga Tóth. Mit unserem eigenem Programm starten wir im Mai.

Ich mache bei diesem Projekt mit, weil ich etwas lernen möchte. Meine beiden Partnerinnen Erika Petrić und Anastasija Georgi beschäftigen sich professionell mit Architektur und Photographie. Wir wollen Architekturfotografie im weitesten Sinn ausstellen, Arbeiten, die sich mit der Erforschung von Räumen und räumlichen Situationen beschäftigen.

Was interessiert mich an diesem Projekt? Für mich gibt es zwei Ausgangspunkte: Die Lewis Baltz-Ausstellung in der Albertina vor ein paar Jahren, und die Idee des Terrestrischen, auf die ich in Bruno Latours Terrestrischem Manifest gefunden habe.

Von der Baltz-Ausstellung sind mir am intensivsten die Serien zu kalifornischen Vorstädten im Gedächtnis geblieben: Präzise Fotografien von sich endlos identisch wiederholenden weißen Eigenheimen. Behalten habe ich auch den Audruck New Topographers, das Konzept der Erfassung von Orten, dessen was jetzt so ist. Vor ein paar Jahren habe ich hier in Graz zum ersten Mal Bilder von Zita Oberwalder gesehen. Auch bei ihr hat mich fasziniert, wie sie Orte abbildet, wobei die Orte auf etwas verweisen, das sich gerade nicht abbilden lässt, das sich nicht von einem Projekt der oder des Fotografierenden trennen lassen.

Die Fotografien von Lewis Baltz, vielleicht auch von Zita Oberwalder, sind Gesellschaftsbilder, auch wenn man keine Menschen auf ihnen sieht. Sie zeigen Objekte, die zur Gesellschaft gehören, mit denen Gesellschaft stattfindet. Die Gesellschaft ist nicht einfach da, sie wird oder sie wurde gemacht. Das, was die Bilder zeigen, ist von ihr übergeblieben, ist vergangen oder auch zukünftig, weil darin und damit Gesellschaft stattfinden wird.

Terrestrisch, so verstehe ich den Begriff von Latour, ist eine Orientierung an Orten und Netzwerken, eine Vergesellschaftung, zu der nicht nur Menschen, sondern auch Objekte gehören, die Konstruktion von sozialen Beziehungen (die Beziehungen sind das Soziale), für die der Unterschied zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren von untergeordneter Bedeutung ist. Im Terrestrischen sieht Latour eine Möglichkeit zu landen (atterrir), ohne auf ein Zurück zur fingierten Welt der geschlossenen lokalen Einheiten (Nationalstaaten, Gemeinschaften) hoffen oder noch auf den linearen Fortschritt hin zu einer globalen Moderne zu vertrauen. Latour ruft dazu auf, die Verbindungen und Netzwerke zu pflegen und zu entwickeln, von denen das Leben an einem Platz abhängt, unabhängig von den hergebrachten Regionen oder Nationen. Die Orte werden durch die Verbindungen mit anderen Orten definiert, nicht durch übergreifende Einheiten.

Von unserem Projekt, der off_gallery, erhoffe ich mir, mich mit Orten aus dieser Perspektive des Terrestrischen beschäftigen zu können, etwas darüber zu erfahren, wie sie erfahren, hergestellt und —vorübergehend—gesehen werden können.

2019-03-19

Morgens beim Aufwachen das Gefühl, dass ich mich nicht mehr an die Zwänge anpassen muss, an die ich mich über Jahre gewöhnt habe, die für mich natürlich geworden sind. Vielleicht, weil mir langsam klar wird, dass ich nicht mehr Vollzeit arbeite. Ich muss nicht mehr mit Sprache etwas erreichen.

Ich kann dahin zurück, wo ich als Blogger hinwollte. Ich kann versuchen, meine eigene Stimme zu benutzen. Ich muss keine Rücksichten nehmen.

Die einzige Routine, die ich in den letzten Jahren erworben habe, ist die Meditation. Zielloses Atmen. Oder: Atmen mit dem Ziel, sich nicht auf ein Ziel zu konzentrieren. Das Schreiben, das mir vorschwebt, ist ähnlich. Eine Bewegung, die nirgendwo hinführt, die einfach anfängt und aufhört. Wie das Meditieren ist sie nur scheinbar egoistisch. Sie kommt nicht in Gang, wenn man sich auf sein Ich konzentriert.

Jetzt sitze ich an unserem Dachfenster, schaue auf den Schlossberg und frage mich, ob ich bei den Content-Strategie-Workshops, bei denen ich gerade referiere, nur erzähle, wie man sprachliches Junk-Food produziert. Wie weit ist das, was ich lese und auch das, was ich schreiben will, von dem entfernt, was ich schon lange jeden Tag mache: unterrichten, wie man mit Sprache etwas erreicht?

Jetzt, nach dem Frühstück, bekomme ich meine Gedanken nach dem Wachwerden kaum noch zu fassen. Ich habe gestern eine Maschinerie vorgestellt, aber nicht klar sagen können, wozu sie dient. Mir sind heute früh die unterschiedlichen Sprachfunktionen durch den Kopf gegangen, wie sie Bühler beschreibt. Ich muss in diesen Workshops Leute befähigen, mit anderen über Inhalte zu sprechen, eigentlich: Inhalt, das Sprechen, Kommunikation anzusprechen und zum Thema zu machen—in Organisationen, in denen alles andere zum Thema wird. Man muss das schaffen, ohne in den administrativen Jargon zu verfallen, der Organisationen so unerträglich macht.

Vielleicht ist das der Anspruch der Content-Strategie (und damit bin ich weg von meinen Morgengedanken): die Inhalte so einfach und angenehm zu machen, dass man sich auf sie freut, statt sich an sie anpassen zu müssen—so wie eine gut designte Applikation einfach angenehm zu benutzen ist, statt mir vorzuschreiben, was ich zu tun habe.

Ich glaube, dass ich mich von vielen, die sich mit Content-Strategie beschäftigen, dadurch unterscheide, dass ich nicht an eine radikale Trennung zwischen Inhalt und Präsentation glaube. Ich könnte es auch anders formulieren und sagen: Was mich interessiert, ist tatsächlich Content-Strategie für das Web. Mein Konzept des Web ist normativ: Ich halte das Web (als universale, hypermediale Plattform) für die beste Publikations-Plattform und nicht für einen Kanal unter anderen. Im Web sind Inhalte miteinander verlinkt und interaktiv, nicht nur physisch (durch ein Trägermedium wie das Papier eines Buchs oder den Speicher eines Computers) miteinander verbunden. Content-Strategie für das Web bedeutet für mich: Wie gestalte ich Inhalte so, dass sie dieser hypermedialen Plattform gerecht werden? Die anderen Plattformen–proprietäre Social Media-Kanäle, Mobile Native Apps, Printpublikationen–sind für mich Erweiterungen des Web, deren Charakter sich durch das Web verändert, so wie Handschriften nicht mehr dasselbe sind, seit es den Buchdruck gibt.

Als die Klimakrise noch beherrschbar war

In der letzten Woche habe ich Losing Earth: The Decade We Almost Stopped Climate Change gelesen. Losing Earth ist eine lange, deprimierende Reportage, für die die New York Times im letzten August eine komplette Ausgabe ihres Magazins reservierte. Es geht um die Vorgeschichte der Klimakrise, die Zeit von den späten 70er bis zu den frühen 90er Jahren, in der es möglich gewesen wäre, durch internationales Handeln die Katastrophe zu vermeiden, die inzwischen begonnen hat.

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Paul Virilio über Kritik

Wo bleibt die Hoffnung?

Ich kann meine weder aussprechen noch verbal audrücken. Sie inspiriert und ist größer als die gewöhnliche. Sie ist das "Hoffen gegen alle Hoffnung" des heiligen Paulus.

Wie gelingt Ihnen das trotz des von Ihnen Kritisierten?

Das ist die Kardinalfrage der Kritik. Diese hat nichts mit Verzweiflung, sondern mit Enthüllung und einer Ethik des Sagens zu tun. In einer Gesellschaft von Komplizenschaft und Konformismus wie der unsrigen hat Kritik einen schweren Stand. Früher war sie legitim, heute ist sie es nicht mehr. Wo sind die Kunst-, die Musik- und Theaterkritiker? Es ist eine Fehlentwicklung in der Philosophie, dass sie der Kritik verlustig gegangen ist.

Paul Virilio im Gespräch mit Heinz-Norbert Jocks: Universität des Unglücks | Lettre – Europas Kulturzeitung

Content-Strategie: Management Consulting oder User Experience Design?

In der letzten Folge des Content Strategy Experts Podcast diskutieren Sarah O’Keefe und Bill Swallow die Frage What is content strategy? Ihre eigene Definition formulieren sie so:

Content strategy is a subdiscipline of management consulting. Like management consultants, content strategists begin by identifying business problems. The key difference is that content strategists focus on business problems that the organization can solve with content.

Sie kündigen an, dass sie sie bald in einem Artikel weiter diskutieren wollen.

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ORF.at: ein Beispiel für Open Web-Technologien

In der letzten Folge des Working Draft-Podcast spricht Philipp Naderer über Webtechnologie beim ORF. Den Inhalt beschreiben die Shownotes sehr gut:

Philipp erzählt, wie es ein Team von ganzen 11 Webnerds schafft, die ORF-Webseite mit bis zu 3,6 Mio Usern im Monat zu bespielen. Die Infrastruktur baut auf die JVM auf und nutzt ein DIY-CMS, viel Caching sowie Apache … und seit 1998 serverseitiges JavaScript! Lange vor Node kam schon das Ruby-on-Rails-artige JS-Framework Helma zum Einsatz, heute eher RingoJS (mit Features wie CommonJS-Modulen und Packages). Das ganze basiert auf Rhino, einer ECMAScript-Implementierung für die JVM. Wir quatschen über Ringo im Vergleich zu NodeJS, GraalVMals möglichen V8-Ursupator, ein Leben ohne Cloud im Jahr 2019 und über den Einsatz von Vue und Angular bei ORF.at

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Philipp Weiss und Daniel Wisser im Literaturhaus Graz

Am Dienstag waren Ana und ich im Literaturhaus bei einer Lesung von Daniel Wisser und Philipp Weiss, moderiert von Zita Bereuter. Die Bücher, die Weiss und Wisser vorgestellt haben—Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen und Die Königin der Berge— sind sehr unterschiedlich. Jedes von ihnen hätte einen eigenen Abend verdient. (Ich werde hier Wissers Erzählung über einen MS-Patienten nicht gerecht—das liegt an meinen Interessen, nicht an der Qualität seines Texts. Eine gute Rezension gibt es im Falter.)

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Zwischen den Jahren (2): Für ein kleines Web

Ich habe vor zwei Tagen geschrieben, dass mir im vergangenen Jahr der Fortschrittsoptimismus verloren gegangen ist, der für mich selbstverständlich war, seit ich mich mit Web-Themen beschäftige. Seit ich mein letztes Post abgeschickt habe, habe ich versucht genauer zu formulieren, was ich damit meine, und zu überlegen, wie man ohne eine globale Fortschrittsideologie produktiv mit dem Web umgehen kann. Es gelingt mir aber nocht nicht wirklich, meine Gedanken zu diesem Themenkomplex zu ordnen, und ich würde darüber vielleicht gar nichts schreiben, wenn ich mein Post neulich nicht mit einer (1) im Titel versehen hätte. Mir ist klar, dass ich mich hier in begrifflichen Untiefen bewege, dass ich einerseits leicht in Trivialitäten abgleiten kann und andererseits viele Überlegungen und Texte berücksichtigen müsste, mit denen ich mich noch nicht beschäftigt habe. Hier also ein improvisierter Text, wie ich ihn auf einer BarCamp-Session mit der Bitte um Diskussion vortragen würde.

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Zwischen den Jahren (1)

Im letzten Jahr hat sich mein Leben nicht viel verändert. Aber ich habe das Gefühl, dass ich auf einige Veränderungen zugehe. Die wichtigste kommt dadurch zustande, dass ich seit Juni einen Enkel habe, also im Großvater-Alter angekommen bin. Gestern sind wir aus Berlin zurückgekommen, wo die ganze Familie Weihnachten gefeiert hat—zum ersten Mal nicht bei mir, sondern bei meinem Enkel Levi und seinen Eltern. Einen Enkel zu haben kommt mir viel weniger selbstverständlich vor als selbst Kinder zu haben. Es ist mit weniger Verantwortung verbunden, aber vielleicht mit mehr Ungewissheit.

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