“Epistemic Crisis”: Die Recherchen Carole Cadwalladrs

In welchem Ausmaß sind die Erfolge von Nationalisten in den letzten Jahren auf gezielte Manipulation mit sozialen Medien zurückzuführen? Wie lässt sich die Behauptung, dass solche Manipulationen eine große Rolle gespielt haben, belegen?

Ich habe keine Antwort auf diese Fragen. Ich stoße immer wieder auf Mosaiksteinchen einer Antwort, aber sie geben kein einheitliches Bild. Ende des letzten Jahres habe ich Network Propaganda gelesen—für mich der bisher aufschlussreichste Text zu diesem Thema. So wie ich ihn verstehe, ist das Ergebnis, dass für den Erfolg Trumps in den USA die Manipulation über soziale Medien nur eine untergeordnete Rolle gespielt hat. (Dazu passen die Ergebnisse von Eszter Hargittai und Keith Hampton, über die ich schon gebloggt habe.)

An diesem Wochenende wurden die ersten Informationen über den Mueller-Bericht in den USA bekannt, und in Großbritannien wird sich vielleicht in der nächsten Woche entscheiden, ob und wie es zum Brexit kommt. Durch Links zu dem Artikel „Ich konnte es zunächst selbst nicht glauben“ im Tagesspiegel bin ich auf die englische Journalistin Carole Cadwalladr aufmerksam geworden. Sie vor allem hat aufgedeckt, wie die Leave-Kampagne mithilfe von Userprofilen, die man über Facebook und Cambridge Analytica erhalten hat, kleinste Gruppen potenzieller Leave-Wähler mit Fehlinformationen dazu brachte, beim Referendum für den Brexit zu stimmen. Cadwalladrs folgert: Für die Erfolge Trumps und der Brexiteers war letztlich entscheidend, dass kleine Wählergruppe gezielt über soziale Medien, im wesentlichen über Facebook, beeinflusst wurden. Hinter diesen Kampagnen standen einerseits Finanziers aus den USA (vor allem der Milliardär Mercer) und Großbritannien und andererseits die russische Regierung. Eine Schlüsselrolle hat dabei Arron Banks, einer der Hauptspender der Brexit-Kampagne. Über ihn sagt Cadwalladr im Tagesspiegel-Interview:

Es steht fest, dass Daten für die Kampagnen illegal bei Facebook beschafft wurden. Das untersucht nun der britische Datenschutzbeauftragte. Und es gibt Indizien dafür, dass die russische Regierung mit dem Versicherungsunternehmer Arron Banks zusammengearbeitet hat, dem Hauptsponsor der Brexit-Kampagne. Wir wissen, dass die Russen ihm ein Angebot gemacht haben.

(Zu Mercer: Money man U.S. billionaire Robert Mercer helped Trump win the presidency — but what does he really want.)

Am Samstag habe ich die Anti-Brexit-Demo in London über die Tweets Cadwalldrs verfolgt. Über diese Tweets bin ich auf ihre lange Reportage über den Whistleblower Shahmir Sanni gestoßen: The Brexit whistleblower: ‘Did Vote Leave use me? Was I naive’. Darin zeigt sie die Verflechtungen der Vote-Leave– und der BeLeave-Kampagnen auf, und vor allem, wie man in der Schlussphase über die die Analytics-Firma AIQ Daten verwendete, die von Cambridge Analytica kamen. Eine Schlüsselrolle spielt dabei Dominic Cummings, ein enger Berater von Michael Gove, der gestern wieder einmal als ein potenzieller Premierminister genannt wurde. Die Betroffenen akzeptieren die Indizienbeweise Cadwalladrs, für die die Aussagen Christopher Wylies eine große Rolle spielen, nicht, und die juristischen Klärungen sind nicht abgeschlossen.

Cadwalladr interessiert mich aus mehreren Gründen: wegen ihres Engagements gegen die Nationalisten, als Rollenmodell für investigativen Journalismus, wegen der Ergebnisse ihrer Recherchen zu sozialen Medien und wegen der methodischen Probleme ihrer Arbeit: Wie lassen sich diese Hypothesen verifizieren? Wie vermeidet man, dass man in einem InforWar getäuscht wird? Welche Schlüsse kann man aus diesen Recherchen ziehen? Wie agiert man in einer Epistemischen Krise, zu deren Hauptfaktoren die sozialen Medien gehören?

Update, 27.3.2019: Eine Meldung im Guardian zu Dominic Cummings. Er weigert sich, vor einem britischen Parlamentsausschuss zu erscheinen, der Manipulationen vor dem Brexit-Referendum untersucht: Dominic Cummings found in contempt of parliament.

Update, 30.3.2019: Vote Leave hat hat die Berufung gegen das Urteil der Wahlkommission fallengelassen, dass illegal große Beträge an BeLeave weitergeleitet wurden: Boris Johnson and Michael Gove under fire on Vote Leave’s law-breaking.

2 Kommentare zu „“Epistemic Crisis”: Die Recherchen Carole Cadwalladrs

  1. Renee DiResta hat einiges Material zur Beeinflussung von Wahlkampagnen auf Social Media (hauptsächlich Facebook) zusammengetragen und analysiert. Ob das jetzt wirklich das Wahlverhalten der Einzelnen beeinflusst hat, lässt sich dadurch aber auch nicht feststellen. Angesichts der Menge an individuell getargeten und gesharten Materials wäre es aber nicht unplausibel. Spannender Podcast zum Thema: Making Sense Podcast #145 – The Information War | Sam Harris https://samharris.org/podcasts/145-information-war/

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