Den Titel dieses Posts verdanke ich unserem Rektor, der mich so neulich einem steirischen Politiker vorgestellt hat. Ich weiss noch nicht, ob ich ihn als Dienstbezeichnung verwenden kann. Aber er eignet sich vielleicht als Überschrift für einen Beitrag zu der Blogparade, zu der Alex Stocker und Stephan Wiesenhofer eingeladen haben: Wer sind Österreichs Social Media Blogger?.

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Wenn mich in Zukunft jemand fragt, was ein Blogger ist, werde ich Dave Winer zitieren. Winer hat erklärt, was Dave Rosen und er unter einem Natural-born Blogger, also unter einem geborenen Blogger oder einer geborenen Bloggerin verstehen:

  1. Ein GB bittet nicht um Erlaubnis.
  2. Ein GB erklärt die Dinge, selbst wenn er sie nicht versteht. Wenn ein GB Fehler zugeben muss—und das passiert oft—zuckt er die Achseln und sagt etwas wie Shit happens.
  3. GBs gehen voran. Hast du einen GB bei dir, musst du nicht warten, bis sich Freiwillige melden.
  4. GBs sagen lieber zu viel als zu wenig. Wenn du merkst, dass du zu jemand nur sagen willst: Halt endlich die Schnauze (englisch: STFU), hast du wahrscheinlich einen GB vor dir.

Winer sucht in der amerikanischen Geschichte nach geborenen Bloggern avant la lettre. Ich glaube, dass sie ein ganz altes europäisches Phänomen sind. Petra Gehring hat gerade in einer FAZ-Rezension darauf hingewiesen, dass Michel Foucaults letzte Vorlesungen um Begriff der parrhesia kreisen:

des Aktes einer freimütigen Aussage, die ohne Rücksicht auf mögliche Gefahren offen getätigt wird. Die parrhesia ist eine situative Kategorie, für welche die griechische Sprache einen eigenen Namen besitzt, der sie von der isegoria, dem formalen Rederecht jedes Bürgers, klar unterscheidet. … Der Parrhesiast ist einer, der in der Volksversammlung spricht, die Dinge zurechtrückt, wie Perikles im richtigen Moment interveniert.

Blogger nehmen sich ein Rederecht, sie lassen es sich nicht einfach zugestehen. Sie agieren nicht im Namen anderer oder von Firmen oder Institutionen. Sie sprechen für sich und damit für die Allgemeinheit statt für diejenigen, die sich zu deren Vertretern ernennen. Blogs sind erst durch das Web möglich geworden, aber die Haltung hinter ihnen hat eine lange Geschichte, die mit der Geschichte der Demokratie verwoben ist.

Am 10. Juni habe ich Martin Langeder einige Fragen zu Lost and Found beantwortet. Martin Langeder stellt mein Blog heute im Österreichischen Journalist vor. Hier meine Antworten; Martin Langeder hat mir erlaubt, sie zeitgleich zum Artikel online zu publizieren.

1) Warum bloggen Sie? Und seit wann?

Ich versuche, Dinge festzuhalten, Gedanken zu klären, die mir wichtig
sind, und für andere erkennbar zu werden. Ich habe kein bestimmtes
Ziel. Mir gefällt diese Schreibform.

Ich weiß nicht genau, wann ich angefangen habe. Ich hatte ziemlich
früh einen Account bei Pyra Labs, und etwa ab 2002 habe ich mit Chris Langreiters vanilla gebloggt. Damals habe ich das Blog aber eher als Werkzeug benutzt, um Links zu sammeln. Intensiver blogge ich seit
2005.

2) Wie lautet die Selbstcharakterisierung Ihres Blogs?

Sie ist für mich ein dauerndes Problem, und ich ändere sie
gelegentlich. Im Augenblick lautet die Tagline: Notizen aus Graz über
Soziale Medien und Journalismus im Web
.

3) Wie viel Zeit verwenden Sie täglich für das Schreiben der Beiträge,
das Lesen der Kommentare etc.? Ist es Teil des Jobs oder reines
Privatvergnügen?

Zwischen 0 und zwei Stunden, je nachdem, wieviel Zeit ich dafür habe
(in den letzten Monaten leider kaum). Das Bloggen ist für mich Teil
des Jobs und Privatvergnügen. In den vergangenen Monaten habe ich
versucht, in meinem Büro in der Fachhochschule zu bloggen – es ist mir
nicht gelungen. In einem Büro ist wohl für das Schreibvergnügen zu
wenig Platz.

4) Was ist Ihre Hauptinspirationsquelle?

Ich habe ein paar Vorbilder in der ersten Generation der Blogger. In
Amerika Dave Winer, Jeffrey Zeldman, Tim Bray, David Weinberger, Doc Searls; in Europa Jörg Kantel und Chris Langreiter. Inzwischen lese ich sehr viele andere Blogs. In Österreich sind Max Kossatz, Helge Fahrnberger und Luca Hammer für mich am wichtigsten, außerdem Georg Holzer, Jana Herwig und Christoph Chorherr, hier in Graz auch Christian Klepej. Es gibt auch ein paar fernere Quellen — ohne dass ich mich mit großen
Namen schmücken will. Montaigne und Erasmus von Rotterdam würde ich
gerne als Vorbilder nennen können.

5) Welches Feedback bekommen Sie auf Ihre Bloggerei – von Studenten,
Kollegen und Lesern?

Von Studenten: wenig, außer dass ich vielleicht einige zum Bloggen
gebracht habe. Ich schreibe wohl nicht unmittelbar genug. Mir ist aber
wichtig, dass die Studenten sehen können, was ich denke und wie ich
schreibe. Kollegen an der FH lesen mein Blog, können aber nur selten
etwas damit anfangen. Ein paar besonders Wohlmeinende haben mich schon
wegen frecher Bemerkungen in Blogs und auf Twitter bei unserer
Geschäftsleitung verpetzt. Am meisten Echo bekomme ich von anderen
Bloggern und Leuten aus der Social Media-Szene. Und — nicht zu
vergessen — von meinem inzwischen 87-jährigen Vater, der mein Blog
sehr genau liest.

Ich habe durch das Blog eine Reihe von sehr interessanten und sehr
netten Leuten kennengelernt. Obwohl ich wenig Leser habe, hat das Blog
meinem Ruf außerhalb der Blogosphäre genutzt.

6) Wie viele Besucher klicken im Schnitt täglich auf Ihren Blog?

Ich habe auf meinem Blog Links zu Sitemeter und einen FeedBurner-Button installiert, damit diese Zahlen transparent sind.
Auf die Website gehen zwischen 30 (wenn ich nichts schreibe) und über
100 Leuten (bei neuen Einträgen, die verlinkt werden) pro Tag; der
RSS-Feed hat ca. 300 Abonnenten.

7) Wie heißt Ihr aktueller Lieblingsblog? Warum ist er derzeit Ihr Favorit?

Mein Lieblingsblogger ist nach wie vor Dave Winer. Ich schätze seine
Schreibweise — ungekünstelt und sehr präzise — und seinen Blick auf
Medien und Technik.

8) Was können Blogger in Österreich von Bloggern z.B. in den USA noch lernen?

Vor allem: selbstbewusst Themen zu setzen. Wichtiger finde ich aber,
dass die Österreicher außerhalb der Blogspäre lernen, was man mit
Blogs machen kann.

9) Ein Blick in die Zukunft: Welche Pläne haben Sie für Ihren Blog?

Mehr und leichter schreiben. Ich möchte Lost and Found noch mehr
als meine persönliche öffentliche Plattform nutzen und dabei mit
unterschiedlichen Tonlagen experimentieren. Außerdem würde ich gerne
die älteren Inhalte besser erschließen. Eine offene Frage für mich
ist: In welchem Verhältnis zueinander stehen die verschiedenen Social
Media-Plattformen die ich nutze, außer meinem Blog z.B. auch Twitter,
Friendfeed, delicious und Facebook?

10) Was können denn österreichische Journalisten vom Bloggen lernen?

Bloggen ist eine onlinetypische Schreibweise – eine der ersten, die
sich herausgebildet haben und in der es sogar schon Traditionen gibt.
Plakativ gesagt: Journalisten können vom Bloggen lernen, wie man fürs
Web schreibt. Es gibt einen eigenen zeitlichen Rhythmus: Laufende
Aktualisierungen. Man schreibt immer verlinkt, mit Beziehung auf
andere Texte. Man steht im Dialog mit anderen Bloggern und mit den
Leuten, die kommentieren. Man ist als Person deutlicher erkennbar als
in herkömmlichen Medien und muss an seiner individiuellen „Marke“
arbeiten. Man schreibt improvisierter, mündlicher als für den Druck –
denn ein großer Teil des Redaktionsprozesses findet erst in der
Diskussion oder in anderen Posts statt.

11) Warum sollten – sowohl aus Ihrer persönlichen Sicht, als auch aus
Ihrer Sicht als Medienwissenschafter – mehr Journalisten bloggen?

Durch Blogs können Journalisten ihre Arbeit in Kontexte stellen, die zum Web passen. Sie dokumentieren wie sie arbeiten, klären über ihre
Motive auf, stellen Vermutungen, Interviewfragen und Quellenmaterial
zur Diskussion und können ihre Arbeiten laufend aktualisieren. Jeff
Jarvis hat in Replacing the article beschrieben wie Blogposts mit anderen Formen (Wiki, kommentierte
Links, Diskussionsforum) zusammen funktionieren können.

Persönlich sehe ich die Blogger noch immer als eine Community. Diese
Community wird interessanter, wenn mehr Journalisten, die etwas zu
sagen haben, an ihr teilnehmen.

12) Und eine Bitte habe ich noch: Können Sie mir bitte Ihr Alter verraten?

Ich bin 1956 geboren und gerade noch 52. Für dieses Genre also alt. Ich bin sehr früh mit Computern in Berührung gekommen und habe mich später auch für Software-Entwicklung interessiert — von dort ist der Weg zum Bloggen vielleicht kürzer als vom herkömmlichen
Journalismus.

Gestern abend: Zweiter Grazer Webmontag in der Scherbe — eher ein Stammtisch als ein Mini-Barcamp. Einige Diskussionen darüber, ob das Grazer Designcamp und das nächste Grazer Politcamp, die beide am vorletzten Maiwochenende stattfinden sollen, zusammengelegt werden können. Mir gefällt die Kombination; beide Veranstaltungen würden gewinnen.

Unter den 20 – 30 Grazer Geeks war Henriette Zirl, die mir einiges über ihr Blog und über Chyrp erzählt hat, das Tumblelog-CMS, mit dem sie es betreibt. Tumblelogs sind Weblogs, in denen vor allem Fundstücke und Zitate aneinandergereiht werden; eine sorgfältige diskursive Darstellung, Kommentare oder Widgets zur Erschließung der eigenen oder der Verknüpfung mit anderen Inhalten spielen keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Das bekannteste Tumblelog-System hier in Österreich ist soup, hinter dem u.a. Christopher Clay steht; international wird wohl tumblr am meisten für gehostete Tumblelogs benutzt. Chyrp ist ein System für Tumblelogs auf dem eigenen Server; beim letzten Grazer Barcamp hat Peter Scheir es erwähnt. (Henriette hat mir gestern erklärt, dass soup keine selbständigen Pages erlaubt, so dass man nicht z.B. kein Impressum anlegen kann.)

Tumblelogs faszinieren mich, aber ich habe noch nie länger mit jemand gesprochen, der wirklich ein Tumblelog betreibt. Henriettes Blog zeigt, dass Tumblelogs alles andere als chaotisch sind, sie sind kein Mischmasch, sondern Sammlungen von Präparaten, Fundstücken und Nahaufnahmen, denen keine Ordnung übergestülpt wird. Das Bloggen wird zu einer seiner Essenzen konzentriert; Tumblelogs sind Blogs, in denen sich die Kommentare fast vollständig auf den Blick beschränken, mit dem die Elemente ausgewählt werden — das Gegenteil von dem, was ich hier mache, obwohl ich auch an eine Sammlung von Fundstücken dachte, als ich begonnen habe zu bloggen.

Ich hoffe, dass Henriette bald auf die FH in eine Übung zum Schreiben im Web kommt. Abgesehen davon, dass ich das Gespräch gerne fortsetzen würde: Von ihr könnten unsere Studenten lernen, wie eng beim Online-Schreiben der Zusammenhang von Inhalt und Form und wie wichtig die Aufmerksamkeit für die scheinbar nur technischen Details der Content Management Systeme ist, die man dabei benutzt.

Klee_Paul: Hauptweg und Nebenwege; Museum Ludwig, Köln

Seit Beginn des neuen Semesters an der Fachhochschule bin ich in einem Zustand, den ich unbedingt vermeiden wollte: unter Wasser. Ich schleppe zu viele alte, nicht abgeschlossene Projekte mit mir herum, und gleichzeitig beginnnen zu viele neue. Trotzdem nehme ich mir vor, wieder regelmäßig zu bloggen — und sei es nur, dass ich reflektiere, was ich am Vortag im Unterricht erlebt habe. Ich hoffe, dass es mir besser gelingt, mich auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren, wenn ich täglich schreibe. Ich werde wenigstens die Zeit vor 9:00 (vor 8:30, wenn da mein erster Unterricht beginnt) dazu verwenden, und in dieser Zeit wird mich niemand erreichen können — außer durch Lesen danach.

Ich muss mich bei den Verfassern der wirklich interessanten Kommentare dieses Blogs in den letzten Wochen entschuldigen; ich bin nicht einmal dazu gekommen, sie zu beantworten. Ich hoffe, ich kann das in neuen Einträgen tun.

Vielleicht wird sich der Charakter dieses Blogs ändern, wenn ich darin noch mehr meine Arbeit reflektiere: Für Menschen, die in einem ganz anderen Zusammenhang leben, ist das wahrscheinlich schlicht langweilig. Und es ist vielleicht auch nicht besonders passend, wenn ich als Lehrer an einer Hochschule über Probleme, Nichterledigtes und Schwierigkeiten schreibe. Ich glaube aber, dass sich dadurch, dass wir immer mehr nicht nur eine schriftliche, sondern eine hypermediale Existenz führen, die Beziehungen zwischen Leben/Biografischem hier und Arbeit dort ändern: Man lebt und arbeitet zugleich im Zustand der perpetual beta, man überschreibt die alten Versionen immer wieder mit neuen, man verlinkt die Versionen zugleich miteinander, und man überlässt es dem Zufall, wer wo andockt. Man kann Vorläufiges und Unfertiges schreiben, in der Hoffnung, dass es aufgegriffen wird und sich anders fortsetzen lässt, als man es selbst geplant hat. Diese Vernetzungschancen kann man wohl nur ergreifen, wenn man auch bereit ist, gelegentlich dumm zu erscheinen. Man muss vielleicht bereit sein, Gedanken zu äußern, die klischeehaft sind, auf Misverständnissen beruhren und zeigen, was man nicht verstanden habt — nicht in der Haltung der affektierten Bescheidenheit, sondern weil man tatsächlich mit seinen Grenzen leben muss und auf andere, z.B. Studenten, Kollegen und Kommentatoren, angewiesen ist.

Heute sitze ich den ganzen Tag im Zug und kann etwas nachschreiben: In den letzten beiden Wochen bin ich leider kaum zum Schreiben gekommen. Noch immer schaffe ich es nicht, unangestrengt und nebenbei zu schreiben. Es dauert zu lange; deshalb tröpfeln die Einträge nur.

Gestern habe ich vor einem Graduiertenkolleg in Rostock einen Vortrag über Wissenschaftsblogs gehalten; die Einladung verdanke ich meinem Freund Klaus Hock, der in Rostock Religionswissenschaft unterrichtet. Ich hatte mich mit wissenschaftlichen Blogs vorher nicht beschäftigt; mein Vortrag (Präsentation hier), ist eine sehr allgemeine Einführung in das Bloggen für Wissenschaftler. Ich wollte erkären, was Blogs sind und warum es für Wissenschaftler sinnvoll sein kann zu bloggen. Ich habe mich nicht intensiv damit beschäftigt, welche Typen von wissenschaftlichen Blogs es gibt. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass ethographische Analysen von akademischen Blogs sinnvoll wären — als Teil der Wissenschaftsforschung wie der Internetforschung.

Ich hielt meinen Vortrag im Rahmen eines Workshops über Wissenschaft und Kulturkontakt; Zugehört haben die Doktoranden des Kollegs, ihre Professoren und die übrigen eingeladenen Referenten. Wenn ich es richtig sehe; war den meisten das Bloggen ziemlich fremd. Jedenfalls haben nicht viele aufgezeigt, als ich fragte, wer Blogs liest oder selbst bloggt. Twitter kannten höchstens zwei oder drei. Bloggen, soziale Medien, webgestützte Publikationsformen — das sind immer noch Themen für kleine Minderheiten; nicht einmal für handverlesene Doktoranden in geisteswissenschaftlichen Fächern gehören sie zum Alltag.

Woran könnte das liegen? Vielleicht muss man Blogs weniger als ein Werkzeug verstehen, das bereitliegt und von jedem mit unterschiedlichen Zielen verwendet werden kann, sondern als Kommunikationsform innerhalb bestimmter sozialer Gruppen, wie etwa der Web 2.0-Szene — Knowledge Workern, die alltäglich und meist beruflich mit dem Web zu tun haben. Für diese Gruppe sind Blogs (nicht nur Blogs) konstitutiv, so wie für akademische Gruppen Dissertationen und Papers konstitutiv sind. Blog zu lesen oder zu schreiben ist eine soziale Praxis, die in andere Praktiken eingebettet ist: Wer Blogs liest, verwendet auch Feedreader, besucht BarCamps und ähnliche Veranstaltungen und kommuniziert auch über Tools wie Twitter und soziale Netze mit Angehörigen derselben Gruppe.

Sicher ist die Web 2.0-Szene nicht die einzige Gruppe, die mit Blogs kommuniziert. Nach meinem Vortrag hat mich eine Teilnehmerin darauf aufmerksam gemacht, dass ich die zahlreichen Blogs zu praktischen Themen überhaupt nicht erwähnt habe. Dass sich die Gruppen, die sich mit Weblogs über Themen wie Kochen und Gartenpflege verständigen, von den Bloggern, die über Web-Themen kommunizieren, deutlich unterscheiden, macht es noch schwieriger zu erklären, warum Blogs von bestimmten Kollektiven verwendet werden und von anderen nicht.

Blogs in der Lehre zu verwenden ist vielleicht auch vor allem eine Initiierung in eine bestimmte soziale Gruppe. Wenn Medien oder Kommunikationsformen für Gruppen konstitutiv sind, dann ist diese Gruppe schlicht nicht identisch mit den Gruppen, zu deren Kommunikationsmitteln wissenschaftlische Schreibformen gehören. Bloggende Akademiker wie Thomas Pleil und Jan Schmidt gehören zu beiden Universen; vielleicht ist die Frage interessant, in welchem Verhältnis in ihren Blogs die Regeln der einen Gruppe zu denen der anderen stehen. Können Blogposts zugleich wissenschaftliche Publikationen sein? Welche Spannungsfelder bauen sich zwischen Bloggen und wissenschaftlichem Publizieren auf? Und: Lebt nicht jeder interessante Diskurs von solchen Spannungsfeldern?

(Ich weiß, dass ich mich hier sehr unpräzise und eben nicht wissenschaftlich ausdrücke. Weiterverfolgen würde ich diese Gedanken gerne mit Methoden der Akteur-Netzwerk-Theorie. Empirische Untersuchungen zu dieser Thematik lassen sich vielleicht in Verbindung mit den Umterrichten sozialer Medien durchführen. Wann und warum gelingt es, Studenten in das Bloggen einzuführen?)

(Anmerkung: Ich komme erst heute, am 3.3., dazu, den Beitrag zu publizieren.)

Astrid Schwarz hat Helge und mich für Ö1 gefragt, woran man erkennt, ob Weblogs glaubwürdig sind [als Download hier, vorher ähnlich auf fm4 gesendet]. Ich habe ziemlich unvorbereitet geantwortet, und ich muss zugeben, dass ich über die Frage der Glaubwürdigkeit von Blogs und anderen Online-Quellen viel zu wenig nachgedacht habe. Vor allem wenn sie journalistisch ernst genommen werden wollen, müssen Blogs in einer nachvollziehbaren Weise auf die Glaubwürdigkeit ihrer Inhalte geprüft werden können. Übrigens spielt die Frage der Glaubwürdigkeit auch eine entscheidende Rolle bei der Diskussion des Verhältnisses von Journalismus und PR. PR kann nur dann behaupten, mehr als manipulativ zu sein, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit ausweisen kann.

Glaubwürdigkeit ist wohl eine Qualität, die es nur innerhalb von bestimmten sozialen Gruppen gibt, und sie ist immer an so etwas wie Prüfungs- und Autorisierungsverfahren gebunden. Mit diesen kollektiven Praktiken — die sich von technischen Praktiken nicht trennen lassen — muss man sich beschäftigen, wenn man über die Glaubwürdigkeit von Online-Quellen nachdenkt. Es spricht viel dafür, dass für Online-Publikationen noch Verfahren entwickelt werden müssen, die denen der klassischen Massenmedien entsprechen. (Was nicht heisst, dass Online-Medien nicht auch nach herkömmlichen Kriterien glaubwürdig sein können, und auch nicht, dass die herkömmlichen Medien diesen Kriterien immer oder auch nur meist entsprechen.)

Dass Menschen, die nur die Arbeitsweise klassischer Medien kennen, Probleme mit der Glaubwürdigkeit von Weblogs haben, hängt zu einem großen Teil damit zusammen, dass sie die Regeln der sozialen Gruppen nicht kennen, die Weblogs schreiben und lesen. Wer sich mit Blogs auskennt, hat eine Reihe von Anhaltspunkten dafür, ob man einer Autorin oder einem Autor trauen kann oder nicht: Kommentare, Links, Technorati-Autorität usw. Leute, die wie Armin Thurnher das Internet als Medium nicht ernst nehmen, beherrschen diese Regeln in der Regel nicht, ihnen ist das Internet als soziale Realität fremd — so wie übrigens auch vielen Bloggern die soziale Realität der älteren Medien und ihre Regeln fremd sind. Sinn dieser Regeln ist es zum einen, die Wahrheit von Behauptungen zu prüfen und zum anderen Personen Glaubwürdigkeit zuschreiben zu können, die solche Prüfungsverfahren anwenden.

Diese Regeln der Glaubwürdigkeit sind aber nicht einfach Konventionen unterschiedlicher sozialer Gruppen, sie sind an Technologien und Infrastrukturen gebunden, die sich bei Massenmedien und sozialen Medien deutlich unterscheiden. Innerhalb eines bestimmten technologischen und sozialen Rahmens wurden und werden Verfahren entwickelt, mit denen sich die Wahrheit von Aussagen überprüfen lässt, und mit denen sich die Glaubwürdigkeit von Personen, die Aussagen machen, bewerten lässt. (Personen, die bestimmte Verfahren nicht anwenden oder nicht auf sich anwenden lassen, sind nicht glaubwürdig.) Zum herkömmlichen Journalismus gehören solche Verifikationsverfahren (vom check, cross-check, double-check! bis zur Interviewtechnik), die von Bloggern mit journalistischem Anspruch übernommen werden. Tatsächlich gibt es aber in der Blogosphäre nur sehr simple Verfahren, um Personen oder Publikationen Glaubwürdigkeit zuzusprechen — im Wesentlichen beruhen sie auf der Autorität einer Person unter Bloggern, und damit setzen sie möglicherweise das voraus, was sie bestätigen sollen.

Vor diesem Hintergrund finde ich Tim Berners-Lees Versuche, den Wahrheitsgehalt von Online-Quellen bewertbar zu machen und in Publikationen zu deklarieren, wie sie produziert wurden (also z.B. ob und wie Fotos bearbeit wurden) nicht so naiv oder abwegig, wie sie vielen erschienen sind. Es muss Möglichkeiten geben, Personen und Publikationen an Kriterien der Vertrauenswürdigkeit zu messen, nicht um das Web Autoritäten zu unterwerfen, sondern um im Web dezentral Glaubwürdigkeit zuschreiben zu können.

Diese Überlegungen sind sehr provisorisch. Beim Schreiben erscheint es mir immer wahrscheinlicher, dass Verfahren zur Feststellung/Zuschreibung von Glaubwürdigkeit eines der wichtigsten Themen bei der weiteren Entwicklung von sozialen Medien bilden werden.