Warum es die SZ in dem neuesten ihrer Berichte über das komische Volk der Blogger nicht einmal schafft, den Werbespot für bildblog.de einzubinden oder an der richtigen Stelle zu verlinken? Hat das juristische Gründe? Oder sollte das Qualitätsmedium auch noch „eine Strecke auf dem langen Weg zur Professionalisierung“ vor sich haben? Trotz der Schärfe von Johannes Boies Analyse?

Für alle, die den Spot — wie ich — noch nicht gesehen hatten:


Link: sevenload.com

2007_24
Der Steiermark-Falter der vergangenen Woche berichtet über die kleine Grazer Bloggerszene. Es schmeichelt mir, dass ich erwähnt werde — zumal ich keine österreichische Zeitung kenne, die so gut geschrieben ist wie der Falter.

Zwei kleine Korrekturen habe ich: So viel ich vom Bloggen halte, glaube ich doch nicht, dass die Blogger in den USA die dortigen Zeitungen in wirtschaftliche Schwierigkeiten gebracht haben. Gemeint und dem Redakteur hoffentlich auch gesagt hatte ich, dass in den USA die gedruckten Zeitungen und das Fernsehen als Nachrichtenmedien massenhaft Nutzer an das Internet verloren haben, und dass dieser Prozess über kurz oder lang ihren Tod bedeuten dürfte (was nicht heisst, dass sie nicht mit anderen Inhalten weiter existieren können.) Ich habe auch nicht gesagt, dass ich ohne meinen Job an der FH Joanneum nicht bloggen würde. Ich hätte aber ohne die FH kaum die Zeit, mich intensiv genug mit den Dingen zu beschäftigen, über die ich schreibe. Nur ein Grund dafür, dass ich dort sehr gerne arbeite!

À propos FH Joanneum: Fast alle Blogger, die in dem Artikel erwähnt werden, studieren, studierten oder lehren dort, und zwar in den Studiengängen, die jetzt unter „Medien und Design“ zusammengefasst werden. In dem Positionspapier der Landesregierung zur weiteren Entwicklung der FH kommen Medien und Design als Themenschwerpunkt nicht mehr vor — als spielten Medien für die steirische Wirtschaft keine wichtige Rolle. Ich überschätze die Bedeutung der Grazer „FH-Blogger“ nicht: aber sie zeigt doch, wie Fachhochschulen der Region, in der sie sich befinden, Impulse geben können — vielleicht weil sie eine Randposition in der Hochschullandschaft haben und nach außen besonders offen arbeiten können. Die Landesregierung trägt sicher nicht zur Zukunftsfähigkeit der Steiermark bei, wenn sie die Medienstudiengänge an „ihrer“ Fachhochschule zur Zweit- oder Drittrangigkeit verurteilt.

(Anmerkung: Nichts gegen die anderen Grazer Blogs, und schon gar nichts gegen das e-Learning Blog Martin Ebners und seiner Kollegen an der TU! Interessant wäre die Grazer Blogger-Szene auch ohne FH!)

Gestern hat mich Matthias Revers von meiner Lieblingszeitung Steiermark-Falter angerufen, weil er über Blogger in Graz recherchiert. Unter anderem hat er mich gefragt, warum man sich das Bloggen überhaupt antut, und ich habe wahrscheinlich ziemlich deppert geantwortet: für die Reputation, als Archiv, zur Kommunikation — wobei mir da inzwischen die Kommunikation am wichtigsten ist. Aber ich hätte auch antworten können: Weil man schreiben kann, wozu man Lust hat, weil man ganz allein entscheidet, was einem wichtig ist. Der Witz beim Bloggen, oder: ein Witz ist, dass man sich sein persönliches Medium kreiert und niemand davon überzeugen muss, dass interessant ist, was man schreiben will. Die Leser werden herausfinden, was sie interessiert, auch wenn ihnen keine Redaktion vorgibt, worauf sie zu achten haben.

Eigentlich ist es erstaunlich, dass sich beim Bloggen in kurzer Zeit so etwas wie Best Practice-Regeln herausgebildet haben. Die Blogging Success Study der Northeastern University und der Firma Backbone Media (Dank für den Hinweis an Hannes Treichel!) formuliert diese Regeln für Corporate Blogger detailliert, gut belegt und sehr verständlich, ihre Ergebnisse lassen sich leicht auf andere Blogs übertragen.

Ich weiß, dass ich mich an einige dieser Regeln nicht oder nur teilweise halte. Als ich begonnen habe zu bloggen (allerdings nicht wirklich engagiert, weil ich damals nicht viel Zeit hatte und die Möglichkeiten dieser Schreibform wohl auch nicht erkannte), interessierte mich ein Weblog vor allem als eine Art öffentliches persönliches Archiv. Ich verstand es als Möglickeit, im Web präsent zu sein oder eine Identität zu haben, aber nicht so sehr als eine Gelegenheit, mich mit anderen zu unterhalten. Gerade weil ich selbst bloggte, hatte ich vielleicht auch zu wenig Vertrauen in diese Gattung, sie kam mir zu selbstverständlich vor, um das nach ein paar Jahren einsetzende „Metablogging“ zu rechtfertigen.

Für mich gehört es nach wie vor zum Bloggen, Fundstücke zu notieren und etwas mehr oder weniger mit Vorbehalt aufzuzeichnen — ohne schon zu wissen, was daraus wird. Nicht zufällig werden jetzt Tumblelogs in einer Art „back to the roots“-Bewegung populär. Tumblelogger sind das Gegenstück zu den verschiedenen Bindestrich- oder Camelcase-Bloggern, also den Edu-, Knowledge-, Polit- und Medienbloggern. Wahrscheinlich hat das Bloggen einen essayistischen Kern — „Essay“ leitet sich von „versuchen“, „kosten“, „probieren“ her.

Nach dieser Abschweifung zurück zu der Studie und den seriösen Coporate Bloggern. In den kommenden Tagen möchte ich einige Ergebnise der Studie in zwei oder drei weiteren Postings interpretieren. Die Fragen, die für mich dabei wichtig sind, hängen mit meiner Arbeit an einer FH zusammen:

  • Wie lässt sich die Verwendung sozialer Medien evaluieren? (Darin sehe ich ein Thema für die angewandte Forschung auf diesem Gebiet.)
  • Welche Kompetenzen braucht ein Autor / eine Autorin von sozialen Medien? (Ein für die Weiterentwicklung unseres Curriculums wichtiges Thema.)

Die Studie selbst zusammenzufassen ist nicht nötig; sie beginnt mit einer sehr guten, knappen Executive Summary. Bemerkenswert ist auch die Website zur Studie, auf der inzwischen eine Reihe der Interviewten die Ergebnisse kommentiert haben.

Ich hoffe, es gab dann doch keine verbrüderung g

hat mir meine Studentin Veronika nach meiner gestrigen Expedition geschrieben. Eine Verbrüderung gab es nicht. Tatsächlich ist mir die ÖVP nach ihrem Parteitag aber sympathischer als vorher. Oute ich mich damit als naiv?

Ich habe gestern drauflos gebloggt, weil ich keine Antwort auf die Frage gefunden hatte, wozu ich bei einem solchen Event überhaupt bloggen soll. Auf dem Parteitag zu schreiben, war für mich ein Experiment. Ich brauche noch ein paar Tage, um daraus Schlüsse zu ziehen.

Die ÖVP hat mir nichts bezahlt außer einer Übernachtung in einem Salzburger Hotel. Sie hat mich aber eingeladen. Ich bin nicht aus eigenem Antrieb oder im Auftrag eines Mediums nach Salzburg gefahren. Ich war Gast, und das beeinflusst sicher, was ich schreibe. Ich muss mir also journalistische Unabhängigkeit absprechen.

Ich will mich als Blogger nicht zu wichtig nehmen. Ich stelle mir aber vor, dass einige der Delegierten lesen, was ich schreibe, und ich möchte dann als Gesprächspartner verstanden werden. Das ist eine andere Rolle als die des Journalisten oder Analytikers. Damit habe ich bei der ÖVP kein Problem. Von den fremdenfeindlichen Radaubrüdern, mit denen sie koaliert hat, würde ich mich nicht einladen lassen.

Ich würde der ÖVP übrigens empfehlen, zukünftige Parteitage einfach für alle Blogger zu öffnen, die kommen möchten. Dann könnte der Eindruck, dass jemand beeinflusst werden soll, nicht entstehen. Die österreichische Blogosphäre ist noch nicht so groß, dass Überfüllung zu befürchten wäre.

Und noch eine weitere Empfehlung: Auch Parteien sollte Unkonferenzen, zum Beispiel Barcamps veranstalten, wenn sie sich weiter für die Gesellschaft öffnen wollen. Schon ein paar kurze spontane Impulreferate mit Diskussion hätten den zweiten Teil des Parteitags, bei denen bedauernswerte Delegierte Pflichtstatements abgeben mussten, viel interessanter gemacht.

Für weitere Überlegungen zum Parteitag bitte ich um etwas Geduld: alle, die sie lesen möchten (darunter hoffentlich die Mitblogger, die eine Diskussion ihrer Postings verdient haben), und auch alle, denen das Thema auf die Nerven geht.

<leitartikelnd>Der ÖVP-Parteitag wirft seine medialen Schatten voraus, und ich frage mich, auf was ich dort als Blogger achten soll. Es kann ja nicht darum gehen, so zu berichten wie die anderen Medien. Für mich kommt erschwerend hinzu, dass ich kein gelernter Österreicher bin, sondern erst seit 2004 hier wohne. Mir ist erst langsam klar geworden, dass sich die österreichischen Parteien von ihren deutschen Schwesterparteien ziemlich stark unterscheiden, und dass sie auch in ganz anderen Traditionen stehen. Ein Phänomen wie das Dollfuß-Regime und den Austrofaschismus hat es in Deutschland nicht gegeben. Das Verhältnis zu Europa ist in Österreich viel distanzierter als in dem Alt-EU-Land Deutschland, in dem man lange froh war, sich auf Europa statt auf das 1000jährige Reich berufen zu können.

Worauf werde ich besonders achten? Da ich mich mit digitalen Medien und auch mit IT beschäftige, interessieren mich Themen mit Technikbezug: die Bürgerrechte im digitalen Zeitalter, das Problem der Urheberrechte und die Frage der „digitalen Kluft“. Werden diese Themen auf dem Parteitag überhaupt eine Rolle spielen? Welche Positionen werden bezogen, welche Fragen gestellt? Ich hoffe, dass sich die Positionen der ÖVP beim Schutz der Bürgerrechte von denen des deutschen Innenministers Schäuble und seines Vorgängers unterscheiden werden.

Ein Themenkomplex, auf den die ÖVP-Politiker sicher eingehen werden, ist Forschung und Entwicklung. Auch die Aussagen dazu interessieren mich besonders. Ich unterrichte digitale Medien, und es ärgert mich, dass fast alle Innovationen auf diesem Gebiet aus den USA kommen. Um es etwas pathetisch und Politiker-like zu formulieren: Der Schlüssel zur Zukunft liegt für ein Land wie Österreich in der Fähigkeit zu Innovationen. Dazu gehören wirtschaftliche Mittel, soziale Voraussetzungen und vor allem Einstellungen wie Experimentierfreudigkeit und Offenheit für Alternativen. Die ÖVP muss zum Beispiel den Mut haben, auf große, politisch unabhängige und wirtschaftlich potente Hochschulen zu setzen. (Plakativ formuliert: Lieber 6 Milliarden für die Forschung als 6 Milliarden für den Koralmtunnel!)

Zurück zum Bloggen: Die Zeiten, in denen man Antworten auf solche Fragen aus unzerreißbaren Weltanschauungen (Musil) ableiten konnte, sind vorbei — wenn es sie gegeben hat. Lösungen werden sicher oft am besten in sozialen Netzwerken entwickelt, die mit sozialen Medien (damit bin ich bei meinemThema…) kommunizieren. Wenn die ÖVP die Möglichkeiten dieser Medien nutzt, also nicht nur PR mit ihnen macht, hat sie einen Vorsprung vor den anderen Parteien. Dass unser Blogger-Grüppchen nach Salzburg eigeladen wurde, ist vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass die ÖVP auf die [wisdom of the crowds](http://www.randomhouse.com/features/wisdomofcrowds/ „Surowwiecki: Wisdom of the Crowds, Homepage) (nicht zu verwechseln mit Volkes Stimme !) setzen wird.</leitartikelnd>

Ich muss mich auch als „anerkannter Politikblogger“ outen. Ich frage ich mich, womit ich das verdient habe. Wenn ich die täglichen Ergebnisse von Feedburner und Google Analytics zusammenkratze, komme ich auf vielleicht 100 regelmäßige Leser meines Blogs; mit Politik habe ich mich nur indirekt beschäftigt (und da sind meine Sympathien linkslinkslinks-liberal).

Nach anfänglichem Unglauben freut mich die Einladung. Nicht nur weil eine große österreichische Partei die street credibility von sozialen Medien anerkennt. Sondern — ich gebe es zu — weil sie Aussicht auf mehr Leser, vielleicht sogar kommentierende Leser macht. (Lost and Found kann dadurch nur besser werden.)

Ob die ÖVP allerdings bekommt, was sie erwartet? Und: ob sie klare Erwartungen hat? Sie lädt Blogger wie die Vertreter von Zeitungen und Fernsehen ein. Weblogs funktionieren aber anders, sie sind keine „objektiven“, einer allgemeinen Öffentlichkeit verpflichteten Medien. Weblogs sind Lokalst-Medien, sie geben die individuelle Perspektive und die individuellen Erfahrungen ihres Autors wieder. Der ÖVP würde ich deshalb vor allem empfehlen, das Bloggen in ihrer Organisation und vor allem im Dialog mit ihren „Zielgruppen“ zu fördern; das wird ihr viel mehr bringen, als über sich bloggen zu lassen. (Michaela Mojziz hat das wohl erkannt.)

Wenn ich das organisieren kann, fahre ich nach Salzburg. Ich hoffe, dass ich einen Weg finde, von dort zu bloggen und nicht nur „Bericht zu erstatten“.

Als Printmacher kann ich mir erlauben hier zu sagen, dass zehn Prozent der publizierten Inhalte in Zeitungen Schrott sind und bei den Blogs ist es genau umgekehrt: 90 Prozent sind Schrott. „

Wie die regelmäßigen Technorati-Meldungen über -zig Millionen aktiver oder neuer Blogs suggeriert Michael Fleischhackers Statement: Eine Flut von Blogs überschwemmt den nach Orientierung suchenden Leser; er kann von Glück sagen, dass seriöse Journalisten in den Printmedien für ihn die Spreu der Nachrichten vom Weizen trennen.

Ist es so? Seit einigen Tagen suche ich nach Blogs, die hier in Graz geschrieben werden oder sich auf Graz beziehen. Vielleicht finde ich die richtigen Suchmaschinen nicht, bisher ist mein Ergebnis: die Zahl der Blogger liegt viel niedriger als die Zahl der Journalisten — und es sieht auch nicht so aus, als produzierten sie mehr Schrott als Grazer Qualitätsblätter wie Der Neue Grazer, graz im Bild, ok, heute oder die Steirerkrone.

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