Stephen Gardiner publiziert seit Beginn der 2000er Jahren Texte zur Klimakrise als einem ethischen Problem. Dass die Klimakrise ein ethisches Problem ist, bildet dabei eine seiner wichtigsten Thesen.

Durch einen Hinweis Verena Winiwarters im letzten Falter-Radio bin ich auf Gardiner aufmerksam geworden. Ich habe mir das Video seines Vortrags vor der Norwegischen Akademie der Wissenschaften (Det Norske Videnskaps-Akademi 2021) angesehen und seinen Aufsatz von 2006 gelesen, aus dem später ein Buch mit dem gleichen Titel geworden ist. In der Argumentation sind der Aufsatz und der Vortrag sehr ähnlich. In seinem Vortrag bezieht Gardiner diese Argumentation auf die Situation nach dem Pariser Abkommen und vor allem auf die COP26.

Ich habe mich im letzten Jahr für einen Newsroom von Extinction Rebellion intensiv mit der COP26 beschäftigt. Die Dokumentation dazu habe ich immer noch nicht ganz abgeschlossen. Gardiners Argumente macht es leichter eine Frage zu beantworten, die mir während und nach der COP26 immer wieder durch den Kopf gegangen ist und geht: Sind die Ergebnisse dieser Konferenz tatsächlich ein Fortschritt—so wie es auch viele sehen, die den COP-Prozess insgesamt scharf kritisieren? Oder sind sie reine PR, eine beabsichtigte oder nicht beabsichtige Ablenkung von der Entwicklung der Treibhausgasemissionen, die die Klimakrise von Jahr zu Jahr weiter verschärft? Dabei ist unklar, ob und wie sich diese Frage überhaupt beantworten lässt.

Die Klimakrise bringt, Gardiner zufolge, alle potenziellen Akteurinnen und Akteure in eine Situation, die mit der des Gefangenendilemmas vergleichbar, allerdings noch wesentlich schwieriger ist: Es ist dann in ihrem Interesse gemeinsam zu handeln, wenn tatsächlich gemeinsam gehandelt wird. Ohne gemeinsame Aktion ist es für sie aber vorteilhafter, einzeln zu agieren. Indem sie einzeln interessengeleitet handeln, verhindern sie, dass ein für alle nachteiliger Zustand beendet wird. Diesem Dilemma können sie entgehen, wenn das gemeinsame Handeln institutionalisiert wird. Die gemeinsame Handlungskraft verhindert dann das interessengeleitete Handeln gegeneinander. Gardiner schlägt in seinem Vortrag eine weltweite verfassungsgebende Versammlung vor, die globale Institutionen für eine wirksame Bekämpfung der Klimakrise begründet. Eine globale verfassungsgebende Versammlung würde eine gemeinsame Handlungsmacht gegenüber der Klimakrise begründen.

Dieser Vorschlag zeigt, so wie ich ihn verstehe, eine entscheidende Voraussetzung dafür, die Frage nach der positiven Bewertung der COP26 (und vieler anderer Konferenzen und Maßnahmen) mit Ja zu beantworten. Die Frage bezieht sich auf die, provisorisch gesagt, auf erfolgreiche climate action, auf ein erfolgreiches Handeln gegen die Klimakrise. Der Erfolg setzt Akteure voraus, die gemeinsam agieren. Wenn es solche Akteure gibt, und zwar Akteure, deren Handeln potentiell wirkungsvoll ist, die also die Klimakrise nicht nur bekämpfen wollen, sondern sie auch bekämpfen können, dann lässt sich beurteilen, ob eine Ereignis wie die COP26 zu dieser Bekämpfung beiträgt. Wenn aber Akteure mit einem solchen pouvoir gar nicht vorhanden sind, dann lässt sich der Beitrag der Konferenz dazu, dass sie ein Ziel erreichen, nicht messen. Die verschiedenen Akteurinnen und Akteure können die Ergebnisse der Konferenz in ihr Handlungsprogramm integrieren. Es gibt aber keine Möglichkeit zu entscheiden, ob und welches dieser Handlungsprogramme zum Ziel führen wird.

In den augenblicklichen Interessen viele Akteure der Klimakrise liegt es, weiter CO2 zu emittieren, die Krise also zu verschärfen. Viele andere haben vor allem das Interesse, die Lasten dieser Bekämpfung nicht zu tragen, also z.B. nicht die ärmeren Länder massiv bei der Bekämpfung der Klimakrise zu unterstützen. Dass die Emissionen weiter zunehmen, zeigt, dass diese Akteure im Augenblick das globale Geschehen beherrschen. Ohne globale Governance (ob durch Gardiners verfassungsgenbende Versammlung oder auf anderem Weg) können und werden sich diese Akteure weiter durchsetzen. Ein ambivalentes Ergebnis, wie es das Ergebnis der COP26 ist, schränkt sie nicht wirkungsvoll ein. Es erweckt aber den Eindruck, es habe eine gemeinsame Aktion gegen die Klimakrise gegeben. Gardiner bezeichnet solche Aktionen als shadow actions, als Schattenaktivitäten.

Paradox formuliert: Man kann die Frage, ob die COP26 einen Fortschritt darstellt, nicht beantworten, und deshalb muss man sie mit Nein beantworten. Die Voraussetzungen dafür, den Beitrag der Konferenz zur Bekämpfung der Klimakrise zu bewerten, fehlen. Diese Bewertung setzt eine Governance voraus, die gemeinsame Interessen (hier vor allem auch die Interessen zukünftiger Generationen) gegen Einzelinteressen durchsetzen kann. Ohne eine solche Governance nutzen nicht ausreichende und nicht bindende Vereinbarungen, die den Eindruck gemeinsamen Handelns erwecken, den faktisch Stärkeren, und das sind die Verschmutzer.

Greta Thunberg ist oft vorgehalten worden, dass sie die vielen positiven Ansätze der COP26 nicht wahrnehme. Man habe einige Schritte nach vorn gemacht, man gefährde vielleicht sogar das Erreichte, wenn man diese Schritte kleinrede. Aus Gardiners Argumentation für eine weltweite Governance lässt sich ableiten, dass diese Kritik das Scheitern der Konferenz verkennt: Kleine Schritte und nicht ausreichende Maßnahmen sind nur dann positive Beiträge zur Bekämpfung der Klimakrise, wenn wirkungsvoll gehandelt werden kann. Solange die Voraussetzungen für ein solches Handeln nicht geschaffen werden, sind sie blablabla.

Nachweise

Pocket Casts (o. J.). Eine klimagerechte Gesellschaft—#680—FALTER Radio. Pocket Casts. Abgerufen 10. Februar 2022, von https://pca.st/birbo3m2

Det Norske Videnskaps-Akademi. (2021, Oktober 27). Stephen M. Gardiner: Defending Climate Justice in a Perfect Moral Storm. https://www.youtube.com/watch?v=bSMEFRgDa9Y

Gardiner, S. M. (2006). A Perfect Moral Storm: Climate Change, Intergenerational Ethics and the Problem of Moral Corruption. Environmental Values, 15(3), 397–413. https://www.jstor.org/stable/30302196

Ein Kommentar zu “Warum es richtig ist, die COP26 als Fehlschlag zu bezeichnen. Eine Überlegung im Anschluss an Stephen Gardiner

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