Einige der bekanntesten Vertreter der Erdsystemwissenschaft haben jetzt in The emergence and evolution of Earth System Science (Steffen et al. 2020) die Geschichte dieser, wie es in dem Artikel heisst, transdisziplinären Wissenschaft dargestellt. Der Artikel macht verständlich, in welchen wissenschaftlichen Zusammenhang Publikationen zu den planetaren Grenzen, zum Anthropozän und zu Kipp-Punkten und Kaskaden von Kipp-Punkten gehören.

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"Wir kämpfen nicht für die Natur—wir sind die Natur, die sich verteidigt." Plakat in Notre-Dame-des-Landes, Quelle: https://reporterre.net/Nous-ne-defendons-pas-la-nature-nous-sommes-la-nature-qui-se-defend

“Wir kämpfen nicht für die Natur—wir sind die Natur, die sich verteidigt.” Plakat in Notre-Dame-des-Landes, Quelle: https://reporterre.net/Nous-ne-defendons-pas-la-nature-nous-sommes-la-nature-qui-se-defend

Seit dem Beginn des Corona-Lockdowns schreibe ich nicht viel. Ich weiss nicht, ob der Lockdown die Ursache für die Schreib-Probleme ist. Wahrscheinlich hat er dazu geführt, dass ich mehr lese als sonst. Was ich gerade lese, führt bei mir zu einer Umorientierung, die nicht abgeschlossen ist (und auch nicht mit dem Lockdown begonnen hat). Deshalb bringe ich auch kurze Texte nicht zuende.

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Eine Grafik, die sehr gut veranschaulicht, wie dramatisch sich die Temperaturen verändern und dass wir uns vom Holozän wegkatapultieren, wenn wir nicht sofort stoppen /via @rahmstorf /thx @MarcusWadsak
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Langer, teilweise deprimierender Artikel in der New York Times über den Untergang der Süsswasser-Megafauna.
Bookmarked The Freshwater Giants Are Dying (nytimes.com)

Overharvesting and habitat loss endanger most of the world’s freshwater “megafauna.” But many species may yet be saved.

‘Im "Anthropozän" ist es daher nur möglich, eine wirklich politische Denkweise über ökologische Fragen zu entwickeln, wenn man aufhört, einen grundlegenden Unterschied zwischen der Gesellschaft und der Welt, in der sie verankert ist, zu denken.’ Le social au naturel

Quoted Le social au naturel (laviedesidees.fr)

À propos de : Pierre Charbonnier, La Fin d’un grand partage. Nature et société, de Durkheim à Descola, CNRS

Will Steffen ist für mich eine Schlüsselfigur bei den Versuchen, mich in die Literatur zur Erdsystemforschung und Klimakrise einzulesen und ihre Konsequenzen zu verstehen. Steffen hat zentrale Aufsätze der Erdsystemforschung mitverfasst, mehrfach als Lead-Autor. Er gehört zu den Wissenschaftlern, die seit Jahren radikale Maßnahmen gegen die Klimakrise fordern und den zivilen Ungehorsam als Methode von Extinction Rebellion von Beginn an unterstützt haben. Mich interessiert besonders, wie Steffen das Verhältnis von Wissenschaft und politischer Praxis, vor allem politischem Aktivismus interpretiert. Für Steffen ergibt sich aus den Erkenntnissen der Forschung zum Erdsystem die Notwendigkeit, sofort und radikal politisch aktiv zu werden. Die Verbindung von empirischer Forschung und politischer Praxis hängt dabei damit zusammen, dass sich ihr Zeithorizont nicht mehr voneinander trennen lässt. Die Forschung zeigt, dass wir—wenn überhaupt—nur noch wenige Jahre haben, um die Entwicklung des Erdsystems hin zu einer Hothouse Earth zu verhindern.

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Ich beschäftige mich noch mit den Inhalten des Vortrags von Dieter Gerten über die planetaren Grenzen. Für mich ist er auch ein Anlass, meine eigene Tätigkeit als Lehrender an einer wirtschaftsorientierten Fachhochschule in Frage zu stellen.

Die Indikatoren für das Anthropozän

Gerten verweist auf den zentralen Aufsatz The trajectory of the Anthropocene: The Great Acceleration aus dem Jahre 2015 (PDF-Download hier). In diesem zusammenfassenden Text werden eine Reihe von Indikatoren für soziale Veränderungen seit dem Beginn der Industrialisierung mit einer Reihe von Indikatoren für Veränderungen im Erdsystem verbunden. Die Schlussfolgerung ist, dass wir seit etwa 1950 die Periode, die man als Holozän kennt, verlassen haben. Durch menschlichen Einfluss hat sich das Erdsystem schon jetzt tiefgreifender verwandelt als beim Übergang zum Holozän, also zu einer für die menschliche Zivilisation, wie wir sie kennen, günstigen planetaren Umwelt. Die Grafiken mit den verschiedenen Indikatoren sind oft publiziert worden (verschiedene Versionen hier).

The Great Acceleration. Grafik von Félix Pharand-Deschênes (Globaïa) nach Steffen, W., Broadgate, W., Deutsch, L., Gaffney, O., & Ludwig, C. (2015). The trajectory of the Anthropocene: The Great Acceleration. The Anthropocene Review, 2(1), 81–98. https://doi.org/10.1177/2053019614564785
The Great Acceleration. Grafik von Félix Pharand-Deschênes (Globaïa) nach Steffen, W., Broadgate, W., Deutsch, L., Gaffney, O., & Ludwig, C. (2015). The trajectory of the Anthropocene: The Great Acceleration. The Anthropocene Review, 2(1), 81–98. https://doi.org/10.1177/2053019614564785
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Dieter Gerten, Michael Tschauko, Sonja Edlinger und Lisa Mayr in der Diskussion nach dem Vortrag "Wie können wir innerhalb planetarer Grenzen leben?" (23.10.2019)

In der letzten Woche hat Dieter Gerten vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung in der katholischen Hochschulgemeinde einen Vortrag über das Leben innerhalb der planetaren Grenzen gehalten.

Ich habe mich für den Vortrage und den Vortragenden auch interessiert, weil das Potsdam-Institut für mich inzwischen zu einem wichtigen intellektuellen Orientierungspunkt geworden ist. Auf das Institut gestoßen bin ich durch eine Diskussion zwischen Bruno Latour und Hans Joachim Schellnhuber im letzten Jahr.

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In London, während der letzten Woche dort mit COS17, habe ich den langen Bericht im Guardian gelesen, in dem es um die Anerkennung des Anthropozän als geologischer Epoche durch die Internationale Kommission für Stratigrafie geht. Der Artikel berichtet ausführlich über die Geschichte dieses Konzepts und den aktuellen Stand, den ich so verstehe: Die Anthropocene Working Group hat sich (wenige Tage nach dem Artikel im Guardian) darauf geeinigt, eine distinkte geologische Epoche namens Anthropozän vorzuschlagen und setzt ihren Beginn mehrheitlich auf die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts an (siehe: Anthropocene now: influential panel votes to recognize Earth’s new epoch und Nächster Schritt zur offiziellen Anerkennung des Anthropozäns). Das geologische Indiz für den Beginn dieser Epoche sei der Fallout der Atombombenversuche. Er ist weltweit nachweisbar und unterscheidet das, was nach ihm kommt, deutlich von den älteren Schichten, vor allem von dem unmittelbar vorausgegangenen Holozän.

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Gestern in der Libération gelesen:

Anna Tsing: «Fabriquer des mondes n’est pas réservé aux humains, les histoires entre espèces sont entremêlées».

Ich notiere mir Anna L. Tsing, deren Namen ich schon bei Latour gelesen hatte. In diesem Interview geht es um einen japanischen Pilz, der nur auf Böden wächst, die von der Zivilisation verändert worden sind. Er steht emblematisch für Lebensmöglichkeiten in den Ruinen des Kapitalismus und ist der Ausgangspunkt für Anna Tsings Buch The Mushroom at the End of the World: On the Possibility of Life in Capitalist Ruins, das auch ins Deutsche übersetzt ist.


Am Ende des Interviews spricht Anna Tsing davon, dass die Genetik heute nicht mehr von fixen, sauber voneinander getrennten Arten ausgeht:

Während die Genetik bis ins 20. Jahrhundert auf der Idee basierte, dass jede Arte eine autonome Einheit ist—Sie konnten ein Raubtier oder ein Beutetier sein, aber sonst haben die Arten nicht interagiert—untersucht beispielsweise die ökologische Biologie der Entwicklung nun die Wechselwirkungen. Es wird nicht mehr jede Art als Nachbildung des Selben aufgefasst, immer und immer wieder. Natur- und Geisteswissenschaften müssen heute stärker miteinander verflochten werden, um neue Narrative zu schaffen. (Alors que jusqu’au XXe siècle, la génétique s’appuyait sur l’idée que toute espèce était une unité autonome—vous pouviez être un prédateur ou une proie, mais les espèces n’interagissaient pas autrement—la biologie écologique du développement, par exemple, explore désormais les interactions. Chaque espèce n’est plus perçue comme une réplication du même, encore et encore. Sciences naturelles et sciences humaines doivent aujourd’hui davantage se croiser pour créer de nouveaux récits., Übers. mit Hilfe von www.DeepL.com/Translator.)

(Zur verwandten Idee des Holobionten habe ich mir schon vor längerer Zeit die Commencement Speech von Scott Gilbert notiert.)


Anna Tsing erwähnt Holocene in Fragments: A Critical Landscape Ecology of Phosphorus in Florida, in dem sich ihr Schüler Zachary Caple mit dem Übergang vom Holozän zum Anthropozän beschäftigt. Auf der Suche nach Links zu Caple komme ich wieder beim Konzept der Technosphäre an, auf das ich jetzt erst aufmerksam geworden bin.