Screenshot aus dem im Text erwähnten Seminar von James Dyke mit einer Grafik aus dem besprochenen Text

Klima- und Erdsystem-Forschende um Johan Rockström haben in einem kurzen Text Konsequenzen aus dem Verfehlen des 1,5°-Ziels des Pariser Klimaabkommens formuliert und zum Handeln aufgerufen (Rockström et al., 2025). Aus Graz waren Ilona Otto vom Wegener Center und Franz Prettenthaler von Joanneum Research beteiligt.

Der als Kommentar in der Zeitschrift One Earth publizierte Text zeigt, wie sehr sich die politische (nicht nur die klimapolitische) Lage durch die fortschreitende Klimakatastrophe verändert hat. In den Medien ist er – außer von den Autoren und ihren Instituten (Dyke, 2025; Dyke & Rockström, 2025; Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, 2025) – bisher kaum erwähnt worden, und wenn, dann nur in englischsprachigen Publikationen. James Dyke ist in einem Seminar, das als Video (James Dyke, 2025) und als Audio (“Lost the Climate Gamble! Now What?” 2025) publiziert wurde, ausführlich, verständlich und mit eigenen Akzenten auf diesen Text eingegangen1.

Ich versuche, den Text zusammenzufassen und dann als Dokument zur Geschichte der fossilen Expansion zu interpretieren.

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[Frage:] „In der Steiermark wird gerade massiv um Touristen geworben, die mit dem Flugzeug kommen sollen.“

[Antwort:] „Ethisch ist das verantwortungslos und es ist de facto umweltkriminell. Ich halte das für eine unverschämte, dreiste Vorgangsweise der öffentlichen Hand, diese Strategie auch noch mit einer Million Euro zu fördern, wie kürzlich für die Erlebnisregion Graz, zur Hälfte getragen vom Land Steiermark.“

Der Grazer Klimaforscher Gottfired Kirchengast in einem lesenswerten, mutigen Interview in der Kleinen Zeitung (Kirchengast, 2026).

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Als gründliche empirische Studie zu den Möglichkeiten einer Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Treibhausgasemissionen kenne ich bisher nur die Arbeit der Gruppe um Dominik Wiedenhofer und Helmut Haberl (2020, 2020). Spanische Forschende um Juan Infante Amate haben sich jetzt als Historiker ausführlich mit dem Zusammenhang von Emissionen und Wirtschaftswachstum seit den ersten Jahrzehnten der Industrialisierung beschäftigt. Ihre Arbeit zeigt, wie unrealistisch die Annahme ist, dass sich die Begrenzung der globalen Erhitzung und weiteres Wirtschaftswachstum vereinbaren lassen.

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Manfred Weber meint erreicht zu haben, dass die EU von den Autoherstellern ab 2035 nicht mehr 100%, sondern nur 90% weniger Emissionen fordert (ZDFheute, 2025). Das bedeutet, grob gerechnet:

  • Es werden 2035 mehr als 500.000 PKWs mit Verbrennungsmotoren zugelassen. (Im Vergleichsjahr 2021 hatten ca. 60% der 9,7 Millionen verkauften PKWs herkömmliche Diesel und Benzinmotoren, European Automobile Manufacturers’ Association, 2022, S. 44); hinzu kommen Nutzfahrzeuge.
  • Jedes dieser Autos wird in seiner Lebenszeit 50 Tonnen und mehr CO2eq ausstoßen (Fritz et al., 2021, S.27). (Oder aber, das würden diese Grenzwerte auch erlauben, eine größere Anzahl von Autors stößt pro Stück weniger, aber insgesamt dieselbe Menge Treibhausgase aus.)
  • Das würde nach der sogenannten 1000-Tonnen-Regel (etwa 1000 Tonnen CO2eq werden, statistisch gesehen, den Tod eines Menschen bewirken, Cassella, 2023) zu 25.000.000 / 1000, also etwa 25.000 zusätzlichen Klimatoten durch die in einem Jahr zugelassenen Verbrenner führen.

Das ist eine grobe Überschlagsrechnung. Aber sie arbeitet mit vorsichtigen Annahmen. (Die 2021 verkauften Hybrid- und Plugin-Hybridfahrzeuge und die Nutzfahrzeuge sind nicht berücksichtigt.) Sie zeigt nur, um welche Größenordnung es geht.

Weber und Co., das ist sicher, sind Schreibtischtäter. Sie sind bereit, Tausende von Menschenleben zu opfern, um kurzfristige wirtschaftliche und politische Ziele zu erreichen.

(Dies ist ein Blogpost, ich habe mit schnell zusammengesuchten Quellen gearbeitet. Ich bitte um Korrekturen und Präzisierungen.)

Cassella, C. (2023, August 30). Scientists Warn 1 Billion People on Track to Die From Climate Change. ScienceAlert. https://www.sciencealert.com/scientists-warn-1-billion-people-on-track-to-die-from-climate-change
European Automobile Manufacturers’ Association (Ed.). (2022, September). ACEA Pocket Guide 2022-2023. https://www.acea.auto/files/ACEA_Pocket_Guide_2022-2023.pdf
Fritz, D., Heinfellner, H., & Lambert, S. (2021). Die Ökobilanz von Personenkraftwagen: Bewertung alternativer Antriebskozepte hinsichtlich CO2-Reduktionspotential und Energieeinsparung. Umweltbundesamt GmbH.
ZDFheute. (2025, December 11). Verbrenner-Aus vor Rücknahme: EU-Kommission will Pläne wohl kippen. ZDFheute. https://www.zdfheute.de/politik/ausland/eu-verbrenner-aus-gekippt-100.html
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Die Ausgangssituation für die Klimabewegung hat sich so grundlegend verändert, dass der Ausdruck „Klimabewegung“ anachronistisch geworden ist. Die Trump-Regierung arbeitet an und in einem Bündnis mit den arabischen Petrostaaten und mit Russland. Wie erleben wie in einem dystopischen Film, wie mafiöse Milliardärs-Oligarchien die geopolitische Dominanz anstreben. Eines ihrer wichtigsten Ziele ist es, die lebenserhaltenden Systeme des Planeten unbehindert zerstören zu können. Das ist der Hintergrund der sogenannten Friendensgespräche zum Gaza- und zum Ukraine-Krieg.

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Vergabe des Courageous Scientists Award for Environmental and Climate Justice im Porgy&Bess am 15.11.25. Bild: (c) Eckhart Derschmidt

Ich habe hier schon etwas länger nichts Längeres mehr geschrieben. Ein Grund ist dafür, dass ich in den letzten Wochen an der Vorbereitung der ersten Vergabe des Courageous Scientists Award for Environmental and Climate Justice beteiligt habe, darunter an der Pressearbeit. (Erfolgreich war dieser Teil der Vorbereitungen bisher nicht. Bisher sind in österreischischen Zeitungen nur zwei Artikel über den Preis erschienen, die durch persönliche Kontakte anderer Mitglieder unserer Gruppe angeregt wurden [Machreich, 2025; Pack-Homolka, 2025].)

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Mein letzter Artikel im @ausreisser ist jetzt auch online zu lesen: Tabuthema Flughafen Graz. (Ich schreibe dort die Kolume StadtStoffWechsel.)

Passend zum Thema heute in der Kleinen Zeitung: 1 Million Euro: Mit diesen Maßnahmen will Graz Touristen aus dem Ausland anlocken (Gangl, 2025). Zitat:

Warum der Fokus auf die Flugdestinationen? Michael Feiertag (Geschäftsführer der STG) beschreibt es so: „Es kommen noch immer zu wenige Urlaubsgäste per Flugzeug in die Steiermark.“ Die brauche es aber: Im Österreich-Vergleich gebe der Fluggast um 37 Prozent mehr aus als der Auto-Anreisende.

Die Emissionen des Flugverkehrs sind der Autorin des Artikels nicht einmal einen Halbsatz wert. Dafür darf wieder einmal Helmut Marko – der in Graz am meisten verehrte der Männer, die die Welt verbrennen – lobbyieren, diesmal zusammen mit Mario Kunasek.

Gangl, V. (2025, November 6). 1 Million Euro: Mit diesen Maßnahmen will Graz Touristen aus dem Ausland anlocken. https://www.kleinezeitung.at/steiermark/graz/20276183/mit-diesen-massnahmen-will-graz-touristen-aus-dem-ausland-anlocken
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Kurz vor der COP30 hat Bill Gates es mit einem sogenannten „Memo“ (Gates, 2025) geschafft, die mediale Aufmerksamkeit von den negativen Daten zur Entwicklung des Klimas und den weiter steigenden Emissionen abzulenken. In seinem Memo stellt er die Klimakrise als hochgespieltes Problem dar.

Trump, bei dem Gates mit anderen Tech-Milliardären erst kürzlich zum Abendessen eingeladen war (Gann et al., 2025), feierte das Memo als Erfolg (Shockey, 2025). Auch Gates habe erkannt, dass die Klimakrise ein erfundenes Problem sei. Gates hat das als „gigantic misreading“ zurückgewiesen (Harder, 2025).

Covering Climate Now hat gestern vier bekannte US-Klimawissenschaftler:innen – Kim Cobb, Zeke Hausfather, Katharine Hayhoe und Daniel Swain – zu einer öffentlichen Zoom-Konferenz eingeladen, um schnell auf Gates‘ PR-Aktion zu reagieren. Die Aufnahme des von Sammy Roth moderierten Events wurde auf YouTube publiziert (Covering Climate Now, 2025).

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Cover des Climate Inequality Reports 2025

Ich kenne keinen besseren zusammenfassenden Text zur Klima-Ungerechtigkeit und zu einer wirksamen Politik gegen die voranschreitende Klimakrise als den neuen Climate Inequality Report (Chancel et al., 2025). Knapp und mit verständlichen Infografiken stellen Lucas Chancel, Cornelia Mohren und ihre Mitarbeiter:innen am World Inequality Lab die aktuellen Daten zu den Beziehungen zwischen unterschiedlich verteiltem Reichtum und Treibhausgas-Emissionen dar. Ausgehend von dieser Darstellung formulieren sie politische Maßnahmen gegen die Klimakrise. Diese Maßnahmen halte ich für die Basis eines Konsenses aller politischen Kräfte, die die globale Erhitzung wirksam bekämpfen wollen:

  1. ein Verbot aller Investionen in zusätzliche fossile Energieträger,
  2. eine Besteuerung von Vermögen, die sich an der Verursachung von Emissionen durch Konsum und vor allem durch Investitionen orientiert,
  3. massive, vor allem durch Steuern finanzierte öffentliche Investitionen in die Dekarbonisierung im Sinne des Pariser Abkommens.

Die aktuelle Klimapolitik in Europa – ganz zu schweigen von den USA – ist weit von diesen Maßnahmen entfernt. Sie orientiert sich viel mehr an den Interessen der Allerreichsten als an dem Ziel, die globale Erhitzung aufzuhalten. Auf diese macht- und geopolitische Dimension der Klima-Ungerechtigkeit geht der Climate Inequality Report nur indirekt ein.

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Fressoz kritisiert in Le GIEC et l’histoire : les racines d’un malentendu (deutsch wörtlich: Der IPCC und die Geschichte: Die Wurzeln eines Missverständnisses, Fressoz, 2024a) die Ansicht, ein „Übergang“ zu erneuerbaren Energien werde zu der nötigen Dekarbonisierung des Energiesystems führen. Als Historiker stellt er fest, dass „phasenorientierte“ (frz: phasiste) Modelle technologischen Wandels den Entwicklungen der Vergangenheit und der Gegenwart nicht entsprechen. Neue Technologien setzen sich fast immer zusätzlich zu älteren durch, statt sie abzulösen. Ältere Technologien und die zu ihnen gehörenden Materialien werden durch die Verwendung neuerer Technologien umdefiniert, aber kaum abgelöst.

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