Dass die Stadt Graz einen Klimaschutzfonds einrichtet und auf die Plabutschbahn verzichtet, ist eine gute Nachricht. Die Selbstbelobigung vor der Tat stimmt allerdings skeptisch: Volle Kraft voraus für den Klimaschutz. Wer verfolgt, was andere Städte machen, weiß, das Graz hier ganz am Anfang steht. Kopenhangen will bis 2025 CO2-neutral sein und setzt auch deshalb bei der innerstädtischen Mobilität auf das Fahrrad.

Für morgen sind eine Pressekonferenz und die Vorstellung eines Klimabeirats angekündigt: Klimaschutz statt Plabutschgondel. In der Kleinen Zeitung (Paywall) ist davon die Rede, dass GreenTech-Unternehmen präsentiert werden sollen. Ich hoffe, dass es nicht vor allem um weitere Wirtschaftsförderung geht, sondern um wirksame Einschnitte da, wo Treibhausgase produziert werden—vom innerstädtischen Verkehr und der CO2-Erzeugung bei Neubauten über den Flughafen bis hin zu der grässlichen Burger-Kultur in den Lokalen. Wenn eine reiche, naturnahe Stadt wie Graz keine Schubumkehr schafft, dann gibt es auch weltweit wenig Chancen für eine Kreislauf-Wirtschaft.

Street art mit dem Symbol von Extinction Rebellion, wahrscheinlich von Banksy

Die New York Times hat im März darüber berichtet, dass die Stadt Kopenhagen bis 2025 CO2-neutral werden will: Copenhagen Wants to Show How Cities Can Fight Climate Change. In dem Artikel werden viele kritische Fragen formuliert—die ehrgeizige Zielsetzung könnte verdecken, dass wichtige Ursachen des CO2-Ausstoßes ignoriert werden. Der Ausgangspunkt für den Plan leuchtet aber ein: Das meiste CO2 wird in Städten produziert. Also müssen vor allem die Städte ihre Wirtschaft umstellen, wenn der CO2-Gehalt der Atmosphäre reduziert werden soll.

Lässt sich das Vorhaben auf Graz übertragen? Ist es möglich, Graz bis 2025 CO2-neutral zu machen?

Wenn man versucht, diese Frage zu beantworten, merkt man, wie radikal sich das Leben in einer Stadt wie Graz verändern muss, wenn sie ein Teil der Lösung statt ein Teil des Problems Klimawandel werden will. Was muss passieren, damit in Graz keine Treibhausgase mehr freigesetzt werden und damit die Grazer Wirtschaft auch nicht an anderen Stellen der Welt am Klimawandel mitwirkt?

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Gestern erste Ausstellungseröffnung in der Off_gallery. Wir werden sie auf der Website dokumentieren, die jetzt auch online ist (aber noch nicht eröffnet, so wie der Raum in der Griesgasse vor dem Start gestern). Wir stellen für die erste Ausstellung vor allem den Ort zur Verfügung, gemacht haben sie Kinga Tóth selbst und die Kulturvermittlung Steiermark.

Kinga Tóth in der Off_gallery Graz, 20.3.2019. Bild: Anstasija Georgi

Kinga Tóth hat den Abend auf mehreren Ebenenen und vielstimmig gestaltet, durch ihre Performance am Beginn, durch die ausgestellten Objekte—die zugleich Texte und Bilder sind—und diskursiv im Gespräch. Die Vielkanaligkeit (oder das Zurücklassen der Kanäle) und der Performance-Charakter—die Einmaligkeit der Aufführung oder Aktion—sind für ihre Art, Kunst zu machen, charakteristisch. Sie schreibt, gestaltet Sprache und gestaltet mit Sprache, und sie benutzt dabei alle medialen Dimensionen der Sprache und ein Kontinuum von der Geste und dem Laut bis zur fixierten Codierung und metasprachlichen Reflexion. Sie agiert vom spontanen Spielen mit gerade vorhandenen Objekten (z.B. der Leiter, die im Ausstellungsraum stand) bis zur politischen Aktion und Proklamation. (Zum ersten Mal gesehen habe ich Kinga Tóth bei der 60-Jahr-Feier des Forums Stadtpark, bei der sie die Situation in Österreich und in Ungarn aufeinander bezogen und präzise formuliert hat, worum es an diesem Abend ging.) Sie arbeitet auf allen Ebenen dialogisch, von der Improvisation (es waren einige Musiker da, mit denen sie zusammenarbeitet) bis zur Diskussion mit dem Publikum. Am ungewohntesten und faszinierendsten ist für mich das performative improvisierte oder situative Arbeiten mit der Sprache als Körper (sie spricht von living text bodies). Ich habe es bei ihren Vorgängern und Vorgängerinnen von den Dadaisten bis zur musique concrète nie so wahrgenommen, vielleicht weil bei Kinga Tóth die Performance-Tradition der Avantgarde mit der des Punk zusammenkommt.

Später am Abend hat Kinga Tóth Artificial Intelligence und die Sprache im Netz erwähnt. Ich finde es interessant zu überlegen, welche Beziehungen es zwischen ihrer Art eines entgrenzenden Umgangs der Sprache und den Hypertext-Konzepten z.B. von Teodora Petkova gibt, die mit Begriffen von Bahtin und Julia Kristeva beschreibt, was im Semantic Web stattfindet. Vielleicht kommen wir dazu bei dem Künstlergespräch, das für den nächsten Donnerstag geplant ist.

Off_gallery, Griesgasse 31, Foto: Erika Petrić

Wir haben heute die erste Veranstaltung in der Off_gallery in der Griesgasse. Wir sind Gastgeber für Kinga Tóth. Mit unserem eigenem Programm starten wir im Mai.

Ich mache bei diesem Projekt mit, weil ich etwas lernen möchte. Meine beiden Partnerinnen Erika Petrić und Anastasija Georgi beschäftigen sich professionell mit Architektur und Photographie. Wir wollen Architekturfotografie im weitesten Sinn ausstellen, Arbeiten, die sich mit der Erforschung von Räumen und räumlichen Situationen beschäftigen.

Was interessiert mich an diesem Projekt? Für mich gibt es zwei Ausgangspunkte: Die Lewis Baltz-Ausstellung in der Albertina vor ein paar Jahren, und die Idee des Terrestrischen, auf die ich in Bruno Latours Terrestrischem Manifest gefunden habe.

Von der Baltz-Ausstellung sind mir am intensivsten die Serien zu kalifornischen Vorstädten im Gedächtnis geblieben: Präzise Fotografien von sich endlos identisch wiederholenden weißen Eigenheimen. Behalten habe ich auch den Audruck New Topographers, das Konzept der Erfassung von Orten, dessen was jetzt so ist. Vor ein paar Jahren habe ich hier in Graz zum ersten Mal Bilder von Zita Oberwalder gesehen. Auch bei ihr hat mich fasziniert, wie sie Orte abbildet, wobei die Orte auf etwas verweisen, das sich gerade nicht abbilden lässt, das sich nicht von einem Projekt der oder des Fotografierenden trennen lassen.

Die Fotografien von Lewis Baltz, vielleicht auch von Zita Oberwalder, sind Gesellschaftsbilder, auch wenn man keine Menschen auf ihnen sieht. Sie zeigen Objekte, die zur Gesellschaft gehören, mit denen Gesellschaft stattfindet. Die Gesellschaft ist nicht einfach da, sie wird oder sie wurde gemacht. Das, was die Bilder zeigen, ist von ihr übergeblieben, ist vergangen oder auch zukünftig, weil darin und damit Gesellschaft stattfinden wird.

Terrestrisch, so verstehe ich den Begriff von Latour, ist eine Orientierung an Orten und Netzwerken, eine Vergesellschaftung, zu der nicht nur Menschen, sondern auch Objekte gehören, die Konstruktion von sozialen Beziehungen (die Beziehungen sind das Soziale), für die der Unterschied zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren von untergeordneter Bedeutung ist. Im Terrestrischen sieht Latour eine Möglichkeit zu landen (atterrir), ohne auf ein Zurück zur fingierten Welt der geschlossenen lokalen Einheiten (Nationalstaaten, Gemeinschaften) hoffen oder noch auf den linearen Fortschritt hin zu einer globalen Moderne zu vertrauen. Latour ruft dazu auf, die Verbindungen und Netzwerke zu pflegen und zu entwickeln, von denen das Leben an einem Platz abhängt, unabhängig von den hergebrachten Regionen oder Nationen. Die Orte werden durch die Verbindungen mit anderen Orten definiert, nicht durch übergreifende Einheiten.

Von unserem Projekt, der off_gallery, erhoffe ich mir, mich mit Orten aus dieser Perspektive des Terrestrischen beschäftigen zu können, etwas darüber zu erfahren, wie sie erfahren, hergestellt und —vorübergehend—gesehen werden können.

Monika Lichtenfeld, Gerhard Rühm, Paul Pechmann

Gerhard Rühm hat gestern im Kulturzentrum bei den Minoriten gelesen. Für mich war es ein seltsames Wiedersehen. In den 70er Jahren bin ich durch eine Vorlesung von Gerhard Rühm bei den Germanisten in Köln auf die experimentelle deutsche Literatur gestoßen. Einige Passagen gestern waren, wenn ich mich richtig erinnere, wie aus seinem Vortrag damals übernommen. Was mir gestern aufgegangen ist: Die Rolle der Simultaneität bei Rühm, das Erzeugen von Konstellationen.

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